Die Flucht der Kurzhaarigen

Die zugemauerten Fenster der Bronxx auf der Alaunstraße erinnerten noch Jahre später an den Überfall.

Die zugemauerten Fenster der Bronxx auf der Alaunstraße erinnerten noch Jahre später an den Überfall.

Stille. Ich stiere in die nächtliche Louisenstraße. Hier oben im Dachgeschoss am Fenster habe ich einen guten Überblick. Nichts. Kein Mensch zu sehen. Ein Knarzen. Dann verrauscht, aber gut zu verstehen: „Achtung auf der Kamenzer tut sich was“. Ich stiere noch etwas genauer. Kurz vor der Prießnitzstraße scheint sich etwas zu bewegen. Ein paar dunkel gekleidete Gestalten huschen dicht an der Wand entlang in Richtung Kamenzer. Das Funkgerät meldet sich wieder: „drei Autos mit Birnen an der oberen Kamenzer gesichtet“.

Das ist mein Signal, ich wecke noch zwei Leute und gemeinsam eilen wir los – Richtung Schlagloch, dem Info-Laden. Wir haben an diesem Freitag mit einem Überfall gerechnet, doch nun treibt das Adrenalin und der schnelle Gang den Puls nach oben. Als wir am Schlagloch ankommen, ist dort noch alles ruhig, im Hof haben sich schon etwa 30 Leute versammelt. Die „Birnen“, wie wir die kurzhaarigen Neonazis nennen, sollen sich am Alaunplatz sammeln, in Höhe Nord-Pol. Eine gespannte Stimmung liegt in der Luft. Um mich herum junge Burschen mit Handschuhen an, Kaputzen auf dem Kopf, ich sehe Knüppel und grimmige Gesichter.

Anfang der 1990er Jahre war die Neustadt ein beliebtes Ziel kahlköpfiger Krawall-Brüder. Neonazis erkannte man damals noch ganz einfach an Schnürstiefeln, Bomberjacke und Glatze. Wochenende um Wochenende kamen sie her. Besetzte Häuser wurden überfallen, aber auch Szene-Kneipen. Die Bronxx zum Beispiel brannte nach einem Überfall aus. Das war das Ende für die Kultkneipe, noch Jahre später erinnerten die zugemauerten Fenster an den Vorfall. In der Kneipe neben dem Projekttheater, die heute Pinta heißt, habe ich mal einen Überfall im Keller erlebt. Wir hatten Glück, der Molotow-Cocktail war beim Wurf erloschen. Ein beliebtes Ziel für Angriffe war auch der Info-Laden „Schlagloch“, der sich auf der Kamenzer Straße im Hinterhaus befand. Bei einem Überfall ging eine Wohnung im Vorderhaus in Flammen auf. Irgendwann hatten die Neustädter beschlossen, sich das nicht mehr länger gefallen zu lassen. Irgendwer hatte CB-Funk-Geräte organisiert und die an neuralgischen Punkten im Viertel verteilt. So behielten wir die „Birnen“ im Blick und heute wollten wir ihnen was entgegensetzen.

Im Hinterhof der Kamenzer Straße ist die Stimmung angespannt. Einige wollen direkt loslaufen. Doch das bringt nichts. Dann springen die in ihre Autos und sind weg. Wir warten. Die Vordertür klappt. Ein Ruf. Wir stürzen nach draußen. Dort treffen wir auf vielleicht zwanzig Glatzköpfe. Die sind überrascht. Mit Gegenwehr haben sie nicht gerechnet. Erst wollen sie angreifen, doch schon weichen sie zurück, dann schneller, schließlich rennen sie wie die Hasen. Das lange Aufbleiben hat sich gelohnt. In den nächsten Nächten trauten sie sich nur noch im Auto-Konvoi durch die Neustadt und die gezielten Überfälle auf Häuser und Kneipen gehörten der Vergangenheit an.

  • War früher alles besser? Als kleine Erinnerungsstütze an die frühen 1990er Jahre veröffentliche ich in loser Folge ein paar Geschichten über die wilde Zeit von damals.
  • Alle Geschichten unter #Früher-war-alles-besser?

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16 Kommentare zu “Die Flucht der Kurzhaarigen

  1. Ali Mente
    21. April 2014 at 10:24

    klasse geschrieben

    Ali

  2. 21. April 2014 at 11:44

    ……Danke…….

    grussi…. :lol:

  3. salliemcbride
    21. April 2014 at 12:31

    spannend – super Geschichte!

  4. 21. April 2014 at 15:19

    Hallo, liebe „Gemeinde“,

    hier einmal eine Aussenansicht der Bronxx, der Eingangsbereich und ein Blick in die Bronxx.

    Foto: Bildermann

    Foto: Bildermann

    Foto: Bildermann

    Zum Sitzen und als Tische gab es nur Teekisten – heute nahezu völlig undenkbar. Welcher Künstler auf der Innenaufnahme gerade seine Bilder präsentiert. habe ich vergessen.

    Die bunten Bemalungen auf den Ziegelsteinen der zugemauerten Fenstern auf dem Eingangsfoto stammen von Dresdner Künstler Richard Mansfeld.

    Alle Fotos habe ich dazumal zur ersten „Bunte Republik Neustadt“ am am 23. und 24.06.1990 aufgenommnen.

    LG, Bildermann

    Ps.: Weiter Fotos von der „BRN 1“ können gern auf meiner Internetseite http://www.bildermann.de angesehen werden.

  5. 21. April 2014 at 15:26

    Nachtrag.

    Ich kann mich noch gut an ebensolche Überfälle an das „Conni 18“, damals im Hinterhof der Conradstrasse 18 (daher heute noch der Name) und auf das „Caffe Stillos“ auf der Hechtstraße erinnern…

  6. spacke
    21. April 2014 at 16:10

    fein gemacht, Anton!

  7. 21. April 2014 at 17:50

    Eine dieser Tee-Kisten ist übrigens über Umwege (La Mitropa/La Boulette) dann irgendwann auch mal in meinen Besitzt gelangt. Wann sie allerdings aus meinem Besitz wieder verschwunden ist, kann ich beim besten Willen nicht mehr nachvollziehen.

  8. auch ein Stefan
    21. April 2014 at 19:42

    Interessant. Das dritte Bild ist so geil.

  9. HinzundKunz
    22. April 2014 at 01:19

    Hahaha, ja, da habe ich auch sofort einige „Vorkommnisse“ im Kopf! ;)
    Was leider keine Erwähnung findet, ist der erklärende Umstand, dass es auch damals völlig illusorisch gewesen wäre, irgendwie auf die Ex-Vopos zu hoffen, die noch in den sogenannten “ Einstrich-Keinstrich-Tarnanzügen“ und altersschwachem „Lada“ bzw. „Barkas“ oder „Robur (Lkw)“ unterwegs waren. Selbst wenn man es gewollt hätte, die waren in einer extremen Selbst- bzw. Neufindungsfase und konnten sich damals kaum selbst beschützen. Bei Demos allerdings wussten die Volkspolizisten noch wo der Feind wirklich steht und sie wurden sogar extra von Antifaschisten zu Hilfe gerufen, wenn mit Keulen bewaffnete neofaschistische Horden die Demos angriffen.Erzählt man das heutigen Antifas erntet man ungläubige Verwunderung, doch wenn man noch anfügt, dass Polizisten schon mal flüchtenden „Punx“ hinterhergerufen haben sie sollen ihre Leute zusammen halten, man wären auf ihrer Seite, spätestens an dem Punkt erntet man oft nur noch staunen. So aber passiert April 1991, anlässlich des sogenannten „Führergeburtstag“ an dem ca. 650-700 Antifas gegen Faschismus in einer Demo auf der Hauptstraße unterwegs waren, auf Selbstschutz verzichteten (Knüppel, Helme, Schreckschusswaffen usw.), weil die Vopos den Schutz zusagten und selbst darum baten, deshalb auf eigene Bewaffnung zu verzichten. Leider wurde dieses Entgegenkommen der Leute mit einer Razzia im „La Mitropa“ (Bömische Str.15) gedankt und der späteren Schlagzeile: „Linkes Waffenlager ausgehoben“

    Ein weiterer dieser Momente (ab Minute 06:40):
    „Vor 20 Jahren – Neonazis machen in Dresden Jagd auf Ausländer“
    https://www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&v=trUKDP3BI88

    Wenn man diese „Alarmkette“ aber heute noch auf die Weise aufbaut, dauert es nicht lange und wildgewordene Möchtegernstaatsschützer überziehen einen mit grotesken Repressionsmaßnahmen unter dem Deckmantel des Vorwurfs „Bildung einer kriminellen Vereinigung“ was unter Zuhilfenahme des Schnüffelparagrafen § 129 geschieht, welcher bei altgedienten Stasi-Offizieren sicher für ordentliche Zornesfalten sorgen dürfte, angesichts der bestehenden Heuchelei und dem teilweisen üblen Zynismus der heutigen Pseudovolksvertreter bei dem Thema der deutschen Nachrichten- bzw. Inlandsgeheimdienste*.

    Die Erfahrung zeigt aber leider auch, das zwar die Beweggründe aktuell andere sein mögen, aber auch heute nicht unbedingt mit den Cops zu rechnen ist, wenn sie einmal wirklich braucht werden, sondern man sich dann auch noch dumme Sprüche am Telefon anhören muss, wie den: „Wenn wir da sind, dann sind die doch eh schon weg.“
    Schon deshalb ist es auch heute noch wichtig, diese „Glatzen“ oder auch „Birnen“ genannten Neonazis notfalls selbst in die Schranken und dem Viertel weisen zu können, also auf den Selbstschutz zu achten. Ich erinnere in dem Zusammenhang gern an den Überfall von ca 50 Faschos auf die Louise 85. (Juni 1993), welcher von wenigen (ca.10) Leuten, die zufällig allein im Haus waren und denen es halt irgendwann einfach reichte, „abgewehrt“ wurde. Ein weiteres Beispiel für einen solchen erfolgten Selbstschutz, wurde Januar 1994 vor der Louise 65. ausgetragen, als ebenfalls ca. 20 bewaffnete Faschos plötzlich 10 Vermummten, ebenfalls mit Baseballschlägern bewaffneten Neustädtern gegenüber standen und die Neonazis deshalb, trotz ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit, schon ziemlich schnell keine Lust mehr hatten noch weiter zu kämpfen. ;)

    * Kleine Nachhilfe zur Überwachungsgeschichte der BRD: „Land unter Kontrolle – Die Geschichte der Überwachung der BRD“
    https://www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&v=OU_Ef3HG1s0

  10. Timdocsign
    22. April 2014 at 09:19

    Echt super…warum war ich damals nicht auch dort…war ich zu jung oder hat mich meine Mutti nicht aus dem behüteten Klotzsche gelassen ? Ich weiß es nicht, ich war immer nur bei Sonne in der Neustadt, nie bei Mondlicht…schade.

  11. 22. April 2014 at 12:13

    Gern gelesen, Dank an Anton und den Bildermann.

  12. 22. April 2014 at 12:16

    Noch eine Frage hinterher geschoben: Warum machen die Neonazis das wohl heutzutage nicht mehr? Sind die in der Mitte der Gesellschaft angekommen, leben ihre Ansichten eher politisch oder im Alltag aus? Sind die Schläger auf andere Betätigunsfelder umgeschwungen (Fußball?)?

  13. HinzundKunz
    22. April 2014 at 17:10

    @Muyserin
    Fußball ist dabei ein gutes Stichwort! Das dieses Dummvolk nicht ausgestorben ist konnte vor einiger Zeit an dem Überfall aufs Pawlow festgestellt werden. Den Neonazis sind in der Neustadt einfach die Gegner aufgrund der Gentrifizierung größtenteils abhandengekommen, zumindest die Anlaufpunkte, an denen sich oft eine größere Anzahl der von ihnen gejagten „alternativen Neustädtern“ anzutreffen waren. Dumm ist jetzt natürlich, dass aufgrund der Medienberichte zum letzten Hool-Überfall, auch noch der dämlichste Neonazi erfahren hat, dass es eine mit St.Pauli sympathisierende Kneipe in der Neustadt gibt. Auch auf andre Kneipen wurden in den letzten paar Jahren gelegentliche Überfälle versucht, was aber nie in der „Qualität“ der 90´er Jahre ablief.

  14. jens
    23. April 2014 at 09:58

    Interessante Story, da kenne ich auch noch einige. Man sollte auch noch einmal erwähnen, dass diese Geschichten und ähnliche sich überall in der ehemaligen DDR nach der Wende zugetragen haben. Ob Dresden, Leipzig, Erfurt, Gotha oder Görlitz. In jedem Winkel und war die Stadt noch so klein, können Leute von Zusammenrottungen der Faschos erzählen und wie man diesen Brutalos entgegen trat. Es gibt aber weit aus schönere Dinge der Wendezeit zu berichten wie die Konzerte, Clubs in verlassenen Häusern, wirkliche Wohngemeinschaften etc. und ganz wichtig der Zusammenhalt unter den Menschen. Diese Zeit war ein riesiges Abenteuer. Drum sollten diese Stories auch öfter erzählt werden damit diese Zeit nicht vergessen wird, denn es war eine spannende und schöne Zeit voller Freiheit, Ideale und Träume. Die jungen Menschen konnten sich ausprobieren und selbst entdecken, das wird in der heutigen durchgeplanten aufgestylten Zeit immer schwieriger.
    Ich hoffe das Geschichten wie diese nicht so verstanden werden das es heute alles besser ist, oder sogar als Argument verwendet werden, denn jetzt gibt es wiederum andere Probleme für Stadtviertel wie die Neustadt welche viel komplexer sind und auch nicht so leicht zu lösen. Gentrifizierung, Hippster, Yuppies und die Folgen welche unwiderruflich geschaffen werden.

  15. Fatima
    27. April 2014 at 13:28

    Jens, wie äußert jenes Hippster-Problem sich denn?

  16. leni
    27. April 2014 at 16:53

    danke für den wochenrückblick, sonst hätte ich diesen guten beitrag verpasst.

    und wachsam bleiben, kleinere vorfälle häufen sich ja gerade wieder.

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