Kohlen klauen

Ich drücke mich mit dem Rücken an die Hauswand. Im Durchgang baumelt die Lampe im November-Wind und flackert. Dann ist sie ganz aus.

Sind das Schritte? Die haben hier doch bestimmt einen Wachposten.

Das Geräusch kommt näher – ist das die Polizei? Bestimmt werde ich gleich als Komplize verhaftet.

In leerstehenden Häusern, wie hier auf dem Bischofsweg, gab es damals reichlich Kohle im Keller
In leerstehenden Häusern, wie hier auf dem Bischofsweg, gab es damals reichlich Kohle im Keller
Wenn es in den 1990er Jahren Herbst wurde, legte sich der unwiderstehliche Duft von verbrannter Braunkohle über die Neustadt. Denn es gab fast ausschließlich nur Ofenheizungen. Das reichte vom billigen Dauerbrandofen, der zwar schnell warm, aber ebenso schnell wieder kalt wurde, bis hin zum luxuriös gestalteten Kachelofen.


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Als ich auf der Otto-Buchwitz-Straße* wohnte, hatten wir sogar den Luxus eines Badeofens. Es kann kaum ein romantischeres Bade-Erlebnis geben. Immer wenn das Wasser etwas kälter wurde, konnte ich einfach noch ein Brikett nachlegen. Nach kurzer Zeit war die Wanne wieder richtig heiß. Genügend Wasser um den Kohlenstaub abzuwaschen, war dann auch wieder da.

Um diese Öfen zu heizen, brauchten wir natürlich auch Kohlen. Dafür schnappte ich mir normalerweise einen Begleiter und einen Leiterwagen. Dann zogen wir durch die Keller der leerstehenden Häuser. Nach ein bis zwei Stunden hatten wir in der Regel genug Kohlen für die nächste Woche. Und über meine damals noch etwas längeren Haare hatten sich wunderbar gruftimäßige Spinnweben gelegt.

Aber dieses Geschäft war natürlich sehr mühselig. Daher waren wir offenen Ohres, als ein Hausbewohner verkündete, dass er einen riesigen Haufen herrlicher Briketts gesehen und für die kommende Nacht schon einen Kleintransporter organisiert hätte.

Mittels solcher Rutschen wurden damals die Kohlen in die Keller befördert. Foto: Günter Starke
Mittels solcher Rutschen wurden damals die Kohlen in die Keller befördert. Foto: Günter Starke
Nun stehe ich also an dieser Hauswand an der Böhmischen Straße Schmiere. Die anderen schaufeln, was das Zeug hält. Nur leider ist das hier kein leer stehendes Haus mit Kohlen, die niemandem mehr gehören. Die Jungs sind über den Zaun der alten Lederfabrik* geklettert, denn dort liegt dieser riesige Kohlenhaufen.

Plötzlich ein Ruf: „Hört auf!“

In Gedanken sehe ich mich schon mit Handschellen auf dem nahen Polizeirevier in der Katharinenstraße.

Aber nein, der Entdecker des Kohlenhaufens hat eine noch viel bessere Entdeckung gemacht. Auf einem Anhänger liegen mehrere Zentner Kohlen in Säcken. Im Nu sind die abgeladen, über den Zaun gehievt und im Kleintransporter verstaut. Eine Viertelstunde später kurven wir dreimal um die Ecke und lassen die Kohlen aus den Säcken in unseren Keller plumpsen.

Ich muss offenbar ziemlich blass aussehen. Der Transporter-Fahrer stupst mich an: „Die Vopos haben andere Sorgen – außerdem, die Fabrik ist doch im Volkseigentum und wir, wir sind das Volk!“.

Erläuterungen

    * Die Otto-Buchwitz-Straße wurde im November 1991 in Königsbrücker Straße umbenannt, die Einheimischen haben sich mit dem neuen Namen nicht ganz so schnell angefreundet. Das Haus in dem wir wohnten, nannten wir nur kurz OB64.
    * Die Lederfabrik hieß zu DDR-Zeiten offiziell VEB Leder- und Plasteverarbeitungswerke, 1990 wurde aus dem Werk die „letech“ Leder- und Plastverarbeitung Dresden GmbH, die nur zum Zwecke der Abwicklung gegründet wurde. Heute stehen auf dem Gelände Büro- und Wohngebäude.

War früher alles besser?

  • Als kleine Erinnerungsstütze an die frühen 1990er Jahre werde ich in loser Folge ein paar Geschichten über die wilde Zeit von damals veröffentlichen.
  • Die Schwarz-Weiß-Fotos auf dieser Seite wurden zur Verfügung gestellt von Günter Starke. Vielen Dank.
  • Alle Geschichten unter #Früher-war-alles-besser? oder in den Büchern „Anton auf der Louise“ und „Anton und der Pistolenmann“

Ähnliche Ausmaße hatte der von ursprünglich anvisierte Kohlenhaufen. Foto: Günter Starke
Ähnliche Ausmaße hatte der von ursprünglich anvisierte Kohlenhaufen. Foto: Günter Starke

17 Kommentare zu “Kohlen klauen

  1. du Dieb……du….. :mrgreen: bestimmt hast du ne Akte irgendwo bei irgendwem… :!:

    „abaswarsicherneschöneZeitjetztrückblickendbetrachtet“

    grussi….

  2. Das kenne ich auch noch. Mein Vater bekam immer ein Hitlerbärtchen, weil das Atmen durch die Nase den Kohlenstaub dort haften ließ.
    Schöne, nostalgisch-wehmütige Geschichte! (Um hier mal einen sinnvollen Kommentar abzugeben…)

  3. Na Ihr Hasen der damaligen Zeit: habt schon (wieder) den kohlebrandschnüffligen Wind gerochen :-) Schön, dass es noch alte Neustädter gibt… Gerüche vergehen nicht in Kinderheitserinnerungen. Und auch in der Jugend:

    Bei uns wars immer so, dass der/die-jenige aus der WG noch Kohlen ausm Supermarkt mitbringen musste, weil wir nie genug Geld hatten, um nen Saisoneinkauf der Kohlen zu machen. War ne Schei*buckelei nebst Getränken, Kartoffeln…

    Naja, und manchmal, so wie Anton schrieb, fiel auch mal was vom Hänger… ;-)

  4. Wie konntet ihr nur? Bin jetzt vollkommen enttäuscht von Eurem verhalten…
    Habt ihr eigentlich im Strafgesetzbuch nachgeschaut, ob der schwere Diebstahl schon verjährt ist? ;)

    Und im Winter brannte, dann jede Woche eine Mülltonne, aber da stand nix von Randale in der Zeitung. Da wurde ein Eimer Wasser genommen und gelöscht…
    Ich trauere den Zeiten aber nicht nach, bin zu bequem geworden, jeden zweiten Tag einen Eimer Kohlen aus dem Keller zu holen und in die 4 Etage zu schleppen… :)

  5. Bei uns haben sich immer wir Frauen um die Kohlen gekümmert. Also ich weniger… altersbedingt :D aber hab immer fleissig mit Kohleeimer getragen.

  6. Ich habe letztens gehört, dass es der Jugend immer einen Spaß wert war, die Kohlen, die schon vor die Wohnung geschleppt worden sind, wieder runter zu befördern, einfach nur um die Leute zu ärgern :D
    Da hätte ich sicher auch Spaß dran gehabt.

  7. @ Maria
    und das bei alten Leuten, die sie mühsam hochgeschleppt hatten, das war fies, hätte ich aber auch machen können, bei Leuten, die ich nicht leiden konnte.
    Meine alte Nachbarin stand immer daneben und zählte die Säcke (ich meine die Kohlensäcke), die in den Keller geschleppt wurden. Das war mir aber zu blöd. Beschissen worden sind wir immer, denn 50 kg waren nie in solch einem Sack

  8. Ich fand damals – als ich noch ein Kind war – zwar anstrengend immer jeden zweiten Tag zwei bis drei Eimer ausm Keller in die Bude zu schleppen, aber heute vermisse ich das irgendwie.

    Die Fotos sind schöne Erinnerungen an die damalige Zeit. Allerdings finde ich es erbärmlich, Diebstahl als „Wilde Zeiten“ zu definieren. Heute werden genau aus solchen Gründen unzählig Fahrräder und andere Sachen geklaut und mit solchen Geschichten können die Diebe dann auch noch behaupten, damals wäre es nicht anders gewesen *Kopfschüttel* Denn das damals alles ‚wirtschaftlich‘ etwas anders war, kann man aus solchen Geschichten leider nicht entnehmen xD

    PS: Wir haben das abklappern der Kohlehändler bevorzugt! :P

  9. Danke für den Artikel, Anton. Endlich mal wieder so einer aus der (schrecklich) schönen alten Zeit ;-)

    Ich erinnere mich bestens an den kräftigen Duft brennender Müllcontainer, von dem wir oft im Winter morgens geweckt wurden, wenn irgendein Blödi die heiße Asche aus dem Ofen mal wieder da rein statt in die Aschetonne gekippt hatte. Und wenn der Schornsteinfeger da war, merkte man es daran, dass das ganze Zimmer schwarz war, wenn man heimkam.

    Die Kohlenbude auf dem einen Starke-Foto könnte fast bei Kruschels gewesen sein. Die saßen irgendwo in der Frühlingsstraße glaub ich, oder am unteren Bischofsweg… waren gute Freunde meiner Großeltern und Eltern.

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

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