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Mord in der Sebnitzer Straße

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Mehrere Autos sperrten die Einfahrt von der Alaunstraße in die Sebnitzer Straße sowie die Kreuzung mit der Görlitzer Straße ab. Ein Wagen mit Schutzpolizisten hielt vor der Sebnitzer Straße 4. Die Uniformierten schwärmten aus, um die Bewohner dieses Straßenabschnitts daran zu hindern, ihre Häuser zu verlassen. Auch Neugierige sollten nicht in den abgesperrten Bereich gelangen. Ebenso wenig die Dresdner Journaille.

Die Kriminalisten aus dem Polizeipräsidium und ihr Untersuchungstross betraten das Haus Sebnitzer Straße 2a. Dort befand sich die Wohnung der Eheleute Kluge, die erst seit zwei Tagen hier wohnten und neben dem Café und Weinlokal „Binger Hof“ ein Lebensmittelgeschäft übernommen hatten. In der Wohnung fanden die Beamten die Leiche des Lebensmittelhändlers Franz Kluge. Schnell stellte sich heraus, dass der Mann an einer Gasvergiftung gestorben war.1

Dresdner Neueste Nachrichten vom 18. Oktober 2026
Dresdner Neueste Nachrichten vom 18. Oktober 2026

Was man auf der Straße erfahren konnte

Elfriede Müller, die Köchin aus dem „Binger Hof“, war bereits seit einer Stunde mit den Vorbereitungen des Mittagessens im Lokal beschäftigt. Doch die Neugier trieb sie durch den Ausgang zur Alaunstraße ins Freie, da die Haustür zur Sebnitzer Straße von den Schupos gesperrt worden war.

Vor der Einfahrt in die Straße traf sie die Nachbarin Ruth Sommer von gegenüber und deren Freundin Anna Fiedler, die Küchenhilfe aus dem Restaurant Wendler auf der Alaunstraße 83.

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„Was ist denn dort Schlimmes passiert?“, fragte Ruth die Köchin vom „Binger Hof“.

„Soweit ich weiß, soll der Händler Kluge, der erst vor zwei Tagen das Lebensmittelgeschäft auf der Sebnitzer 2a übernahm, eine Gasvergiftung erlitten haben. Aber ein Unfall scheint es nicht zu sein, denn dann wären nicht so viele Polizisten hier. Es muss was Kriminelles sein, denn meine Schnittwunde am linken Zeigefinger juckt ganz heftig. Und das bedeutet meistens, dass es nicht mit rechten Dingen zuging“, bemerkte Elfriede Müller.

„Das glaube ich auch“, warf Ruth Sommer ein. „Ich habe gehört, dass es unter den Eheleuten Kluge heftige Streitereien gegeben haben soll.“

„Nein, nicht doch. Dann war der Ehemann wohl ein regelrechter Prügelknabe, der seine Frau nach alter Manier züchtigte?“, rief Anna Fiedler empört mit immer lauter werdender Stimme. „Und Kinder sollen die auch gehabt haben. Die arme Frau. Den Kerl sollte man wie im Mittelalter teeren und federn und dann durch die Neustadt jagen.“

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Das Weinlokal "Binger Hof" an der Alaunstraße, Ecke Sebnitzer Straße. Zeitgenössische Postkarte
Das Weinlokal „Binger Hof“ an der Alaunstraße, Ecke Sebnitzer Straße. Zeitgenössische Postkarte

Die Presse bereits vor Ort

Während ihres Gesprächs bemerkten die Frauen nicht, dass sich ihnen ein Mann näherte, der ihrem nicht gerade leisen Wortgeplänkel lauschte.

„Meine Damen, ich wurde unbeabsichtigt Zeuge Ihres Gesprächs. Mir scheint, Sie wissen Näheres von dem, was in diesem Haus passiert ist?“

Die drei Damen verstummten augenblicklich und musterten den Herrn von oben bis unten. Aus dieser Gegend schien er nicht zu stammen, stellte Anna Fiedler fest. Sie wohnte schon lange im Viertel und kannte viele Leute, zumindest vom Sehen. Und dieser Herr, der in einem an den Ärmeln abgewetzten Anzug auftrat, kam ihnen nicht geheuer vor.

„Wer will das wissen?“, fragte Elfriede mit spitzem Mund. Ruth Sommer stemmte die Fäuste in die Hüften und zog mit finsterem Blick die Augenbrauen zusammen.

Charme öffnet Münder

Aber der Herr wusste mit solchen Situationen umzugehen und verteilte seine Visitenkarten.

„Meine Damen“, schmeichelte er unter Aufbietung seines gesamten Charmevorrats. „Ich bin Redakteur der seriösen Dresdner Neuesten Nachrichten und hörte, dass Sie mehr über das wissen, was da drinnen passiert ist.“

Alle drei studierten die Karte des Herrn Redakteurs, der Alfred Rückert hieß.

Dann strahlte Ruth Sommer übers ganze Gesicht. „Ich kenne Ihren Namen aus der Zeitung. Mein Mann hält viel von Ihrem Geschreibsel, wie ich mich erinnere. Wenn wir Ihnen etwas erzählen, kommen wir dann in die Zeitung?“

„Mal sehen, vielleicht. Ich muss erst einmal hören, ob da etwas ist, was nicht im Polizeibericht stehen wird.“

Und die Gesichter der anderen beiden Damen entspannten sich. Anna hatte sogar den Eindruck, dass sich die Busen von Elfriede und Ruth vor Stolz nach oben wölbten.

Redakteur Rückert lächelte und wusste nun, dass er die Damen am Haken hatte. Dann zückte er seinen Notizblock und intensivierte die Befragung.

Irritierendes bahnt sich an

Und wo eine Köchin ist, ist die nächste nicht weit. Die große Menschenansammlung vor der Einfahrt zur Sebnitzer Straße lockte immer mehr Neugierige herbei.

Darunter war auch Selma Schmidt, die löffelschwingende Chefin aus der Schankwirtschaft „Zum Schützenpark“, Alaunstraße 95, Ecke Bischofsweg. Als sie hörte, was ihre Freundinnen dem Herrn Redakteur erzählten, unterbrach sie diese sofort.

„Meine Gutsten, ihr seid sowas von auf dem Holzweg. Wenn ihr nicht sofort eure Gusche haltet, kommt ihr noch in Teufels Küche. Der Fall liegt ganz anders. Ich könnte euch Sachen erzählen, die könnt ihr euch in eurer Fantasie nicht ausmalen.“

Damit hatte sie die Aufmerksamkeit der ganzen Umgebung gewonnen, und alle wollten nun bis ins Kleinste wissen, was geschehen war.

Schankwirtschaft "Zum Schützenpark" - zeitgenössische Postkarte.
Schankwirtschaft „Zum Schützenpark“ – zeitgenössische Postkarte.

Selma war in ihrem Element. Und so erzählte sie die Geschichte des Händlerpaares Kluge, die sie von ihrer Cousine erfahren habe. Diese sei eine Nachbarin des früheren Milch- und Buttergeschäfts der Kluges am Palaisteich gewesen und wisse alles ganz genau.

Nun ja, im Eifer des Hervorsprudelns der Worte schlichen sich bei Selma vielleicht hier oder da ein paar Ausschmückungen, Weglassungen oder Kehrtwendungen ein. Natürlich völlig unbeabsichtigt.

Der Herr Redakteur witterte eine Topstory und schrieb fleißig mit. Überprüfen könne er das später. Wenn überhaupt.

Abgründe tun sich auf

Und dann sprudelte es aus der löffelschwingenden Chefin vom „Schützenpark“ nur so heraus.

Zuerst räumte sie mit der Ansicht auf, dass der Ehemann Franz Kluge ein mieser und versoffener Schläger gewesen sei. Soweit sie gehört habe, habe er seine Frau nicht ein einziges Mal angerührt. Also als Prügelant, wie sie meinte, nicht als Betthäschen.

Da hätte sie von der ach so ehrbaren und leidenden Gattin etwas ganz anderes vernommen. Die Ohren der Umstehenden wurden spitz.

Die Frau habe nämlich in ihrer alten Wohnung am Palaisplatz ein Liebesverhältnis mit einem Fleischergesellen namens Schramm aus der Rähnitzgasse gepflegt.

Daraufhin gackerte die Köchin aus dem „Binger Hof“ laut los und meinte, dass dieser Lustmolch, wann immer der brave Gatte aus dem Hause gewesen sei, seine Salami in deren Küche deponiert habe.

Während die Frauen loslachten, schaute der Herr Redakteur verschämt zu Boden.

„Hat der gehörnte Gatte davon nichts bemerkt?“, fragte Ruth kopfschüttelnd.

Xantippe gegen Gehörnten

Anfänglich wohl nicht, meinte Selma Schmidt aus dem „Schützenpark“. Aber nach einigen Monaten sei er ihr wohl auf die Schliche gekommen. Da sollen auch die Streitereien richtig begonnen haben.

Und die seien so heftig gewesen, dass sich beide gegenseitig mit Messern verletzt hätten. Selbst vor den Kindern und den Nachbarn hätten sie keine Rücksicht genommen, sodass die Nachbarn des Öfteren die Polizei aus dem Neustädter Rathaus holen mussten.

Am schlimmsten sei Margarete Kluge gewesen. Die soll herumgezetert haben wie eine Xantippe.2

„Da fielen Schimpfwörter, meine Lieben, die es einer ehrbaren Frau wie mir nicht gestatten, sie über die Lippen zu bringen. Da sind die Waschweiber von den Bleichwiesen unten an der Elbe die reinsten Engel“, betonte Selma Schmidt.

Anna Fiedler spitzte wissend die Lippen und hielt lieber die Gusche.

„Aber wie kam der Herr Kluge dann hier in der Sebnitzer 2a zu Tode, liebste Frau Selma?“, fragte der Redakteur der Dresdner Neuesten Nachrichten.

„Ahh, da hat der Herr Redakteur gut aufgepasst. Das Drama ist also noch nicht zu Ende.“

Als die Kluges ihr Milchgeschäft verkauften und die rammelsüchtige Gattin angeblich schwor, von der Fleischer-Salami abzulassen, empfahl die Polizei dem Gatten, die älteste Tochter bei seiner Verwandtschaft im Schlesischen unterzubringen. Was er auch tat. Zuvor hatten sie den Lebensmittelladen hier in der Sebnitzer Straße 2a gemietet.

„Und was tat die Xantippe?“, fragte Selma Schmidt süffisant, um die Frage auch gleich selbst zu beantworten.

„Die nutzte die Abwesenheit des braven oder eigentlich trotteligen Gatten zu einem scheußlichen Akt der Niedertracht. Gemeinsam mit ihrer Salami räumte sie die neue Wohnung aus und brachte alle Möbel nach Löbtau.

Als der Gatte zurückkehrte, sah er wohl erschrocken und zunehmend wütend das Malheur. Das Ergebnis sehen wir hier. Irgendwie muss dieses Weib ihren Gatten im Eifer des Gefechts niedergeschlagen haben, schleifte ihn wohl in die Küche zum Gasofen und drehte selbigen auf.

Das war’s dann wohl für Herrn Kluge. Er fuhr gen Himmel und war sein schändliches Weib endlich los.“

Die Staatsgewalt greift ein

Wachtmeister Richard Ende sah vom Hauseingang aus zu, wie sich vor dem „Binger Hof“ um eine Gruppe Frauen immer mehr Leute scharten und der drallen Köchin aus dem „Schützenpark“ lauschten.

Zudem erkannte er den Schreiberling von den Dresdner Neuesten Nachrichten, der ihm wegen seiner unverschämten Fragerei und seiner spitzen Feder in diesem Schmierenblatt sowieso ein Dorn im Auge war.

Energisch unterbrach er die Küchenchefin und forderte sie auf, entweder als Zeugin zur Verfügung zu stehen oder schleunigst in ihrer Küche zu verschwinden.

Sie tat Letzteres.

Und so zerstreute sich die Ansammlung, einschließlich des Herrn Redakteurs, der genügend Stoff für einen ersten Bericht beisammenhatte.

Anmerkungen des Autors

1 Dresdner Neueste Nachrichten vom 7. Oktober 1926, Seite 5

2 Xantippe war die Ehefrau des altgriechischen Philosophen Sokrates. Ihr Name steht sprichwörtlich für eine übellaunige und streitsüchtige Frau, wofür sie beim Lebenswandel des Philosophen wohl allen Grund gehabt haben soll.


Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür durchstöbert der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek. Der vorliegende Text ist literarischer Natur. Grundlage bilden die recherchierten Fakten, die er mit fiktionalen Einflüssen verwebt.

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Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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