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Konsumkompetenz statt Abschreckung

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Ziemlich hoch sind die Anforderungen, die das sächsische Kultusministerium bei der Suchtprävention an Schulen stellt. Durch eigene Konzeptionen sollen die Einrichtungen die Kompetenz von Schüler*innen nicht nur punktuell, sondern systematisch und kontinuierlich stärken. Gut, wenn dafür Expert*innen wie Maurice Momo Cisar und Emanuel Siewert hinzugezogen werden. Denn die beiden kennen nicht nur den wissenschaftlichen Diskurs. Sie sind seit vielen Jahren in der praktischen Bildungsarbeit tätig und bieten mit Kokosu Bildungsangebote zur Suchtprävention und Konsumkompetenz an.

Neben Schüler*innen richtet sich die Arbeit von Maurice Momo Cisar (links) und Emanuel Siewert auch an Akteur*innen des Nachtlebens. Sie bieten Workshops für Schulen und Awarenessteams an. Foto: Victor Franke
Neben Schüler*innen richtet sich die Arbeit von Maurice Momo Cisar (links) und Emanuel Siewert auch an Akteur*innen des Nachtlebens. Sie bieten Workshops für Schulen und Awarenessteams an. Foto: Victor Franke

Momo und Emanuel lernten sich beim Studium der Sozialen Arbeit kennen. „Die Themen Suchtprävention und Konsumkompetenz lagen uns schon damals sehr am Herzen“, sagt Momo. Daher absolvierten sie ihr Praxissemester bei (apo)THEKE der Diakonie Dresden. „Dort konnten wir das erste Mal praktische Bildungsarbeit zu Suchtprävention leisten.“

Sie vernetzten sich über Sonics e.V., den Dachverband für Initiativen, die sich um Gesundheitsförderung im Party-, Musik- und Festivalkontext bemühen. Dabei machten sie Leerstellen aus, vor allem bei der frühzeitigen Intervention. Mit ihrer Ausbildung, da waren sich die beiden sicher, konnten sie die Angebote an Schulen verbessern. So gründeten sie im vergangenen Jahr Kokosu. Das Akronym steht für Konsumkompetenz und Suchtprävention.

Akzeptanz statt Stigmata

„Wir legen unseren Fokus auf Wissensvermittlung“, sagt Momo, „idealerweise gegenüber Menschen, bevor sie mit Drogen in Kontakt kommen, aber auch gegenüber Konsument*innen“. Ein gutes Alter dafür liegt vor dem 16. Lebensjahr. Dann spielen Drogen wie Koffein, Nikotin und Alkohol eine immer größere Rolle im Alltag.

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Momo und Emanuel setzen dafür auf den akzeptierenden Ansatz. Sie bewerten und verurteilen den Konsum nicht. „Menschen treffen ohnehin eine Konsumentscheidung“, erklärt Emanuel. „Wir geben ihnen Informationen an die Hand, damit sie diese Entscheidung besser abwägen können.“ Auch die Entscheidung gegen Konsum – das betonen beide – ist eine, die bewusst getroffen werden muss.

Der Ansatz von Kokosu ist weder besonders fortschrittlich noch ungewöhnlich. „Wir bewegen uns damit im wissenschaftlichen Diskurs, wie er bereits seit Jahrzehnten etabliert ist.“ Nach Einschätzung der beiden gilt der akzeptierende Ansatz im wissenschaftlichen Diskurs als erfolgreich. An Schulen wird Suchtprävention oft trotzdem nicht auf dieser Grundlage vermittelt.

Expert*innen statt Exekutive

Suchtprävention an Schulen wird häufig von Polizeibeamt*innen durchgeführt. Das Problem aus Sicht vieler Anbieter wie Kokosu: Die Polizei kann das Thema nicht neutral behandeln. Denn als Exekutive hat sie die Aufgabe, die Kriminalisierung fast aller Drogen praktisch umzusetzen. So können Jugendliche beispielsweise gegenüber einer Beamtin, die dieses Verhalten strafrechtlich verfolgen muss, nicht offen darüber sprechen.

Polizeisprecher Kay Anders vom Landeskriminalamt Sachsen sagt auf unsere Anfrage dazu, dass Prävention und Repression innerhalb der Polizei Sachsen zusammengehören. „Für jeden Beamten und jede Beamtin bildet die Verhinderung von Straftaten einen grundlegenden Arbeitsansatz.“ Einen Interessenkonflikt sieht er darin nicht.

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Ein weiterer Kritikpunkt: Aus der Handlungslogik der Exekutive heraus spielt der Schutz von Konsument*innen keine Rolle. Das bestätigt auch Polizeisprecher Kay Anders: „Konsumkompetenz gehört nicht zu den Zielen polizeilicher Prävention.“ Neben der Vermeidung von Drogenkonsum stehe vielmehr im Fokus, dass die Zielgruppe ihr Handeln strafrechtlich einordnen kann.

Bei der Fachstelle für Suchtprävention und Konsumkompetenz der Diakonie Dresden sammelten die Gründer von Kokosu Erfahrungen in der praktischen Bildungsarbeit. Foto: Victor Franke
Bei der Fachstelle für Suchtprävention und Konsumkompetenz der Diakonie Dresden sammelten die Gründer von Kokosu Erfahrungen in der praktischen Bildungsarbeit. Foto: Victor Franke

„Der Ansatz der Polizei lautet: Abschreckung“, fasst Emanuel zusammen. Als Beispiel nennt er die Einbindung Betroffener mit erschreckender Drogenbiografie in die Aufklärungsarbeit. Jugendliche, die Drogen ausprobieren, stellen dann aber oft fest, dass der Effekt kaum etwas mit dem Gehörten gemein zu haben scheint. Die Auswirkungen sind zunächst vergleichsweise gering, der Konsum lässt sich überraschend lange in den Alltag integrieren. „Damit verspielt man Glaubwürdigkeit“, sagt Emanuel. Und das ist am Ende sehr gefährlich.

Prävention statt Strafverfolgung

Emanuel wünscht sich eine professionellere Suchtprävention an Schulen. Zwar stehe das Thema im sächsischen Lehrplan, aber Schulen vermitteln die Inhalte sehr unterschiedlich. Hinzu kommt der finanzielle Druck. Externe Angebote kosten Geld. In Zeiten fehlender Mittel greifen Schulen für die Suchtprävention häufiger auf ihre Sozialarbeiter*innen und die kostenlosen Angebote der Polizei zurück.

Von der teils reaktionären Politik auf Landes- und kommunaler Ebene sehen die Gründer von Kokosu ihre Arbeit derzeit nicht direkt bedroht. Die Kürzungen im Sozial- und Bildungsbereich spüren sie dennoch. Dramatisch wird die Situation aus ihrer Sicht, wenn einerseits Geld für Prävention fehlt, andererseits aber auch für Projekte, die Konsument*innen helfen.

Professionellere Suchtprävention durch Expert*innen wie Momo und Emanuel verringert nicht nur gesundheitliche und soziale Konsequenzen für die Betroffenen, sondern auch Folgekosten für die Gesellschaft. Weniger Suchtprävention durch die Polizei könnte diese sogar selbst bei der Strafverfolgung entlasten.

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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