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Dresden blickt ins All

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Den ganzen Tag freute sich Paul Schneider, seines Zeichens Lehrer für Physik am Staatlichen Gymnasium Dresden-Neustadt, auf den späten Nachmittag des 31. Juli 1926. Für 18 Uhr hatte er zwei Karten für die Sensation in Dresden dieser Tage erhaschen können. Die zweite Karte gehörte seinem Freund, dem ebenfalls 28-jährigen Elektriker Walter Steiner. Beide teilten zudem ein gemeinsames Hobby: die Astronomie. Paul besaß sogar ein großes Fernrohr von Zeiss. Damit suchten sie, wann immer es ihre Zeit erlaubte oder wenn besondere Himmelsereignisse bevorstanden, den nächtlichen Himmel ab. Dafür begaben sie sich meistens nach Klotzsche oder in die Hellerberge. Dort störten die städtischen Lichter nicht so intensiv.

Planetarium am Stübelplatz - zeitgenössische Fotografie - gemeinfrei
Planetarium am Stübelplatz – zeitgenössische Fotografie – gemeinfrei

Aufbruch zum Stübelplatz

Dann läutete es an der Wohnungstür, und Walter stand davor. Beide eilten zur Haltestelle der Straßenbahn an der Bautzner Straße, und rasch ging es mit ihr über die Albertbrücke zum Ausstellungspalast am Stübelplatz1. Dort bestaunten sie die imposante Architektur des neu entstandenen Planetariums, das erst vor knapp einer Woche eröffnet worden war. Auffallend war die kupferbeschichtete Kuppel dieses Baus, die in der spätnachmittäglichen Sonne einen flammenden Glanzpunkt in diese Gegend zauberte.2 Die Kuppel selbst, von Stadtbaurat Wolf entwickelt, bestand aus Stahlbeton. Als Besonderheit befand sich zwischen Kupferdach und Betonkuppel eine Dämmschicht aus Kork.

Das neue Wunder am Stübelplatz

Dieses neue Gebäude im modernen Stil in der an Architektur so reichen Stadt zeugte vom Unternehmergeist von Rat und Stadtverordnetenversammlung, wie in der Zeitung stand, denn das Planetarium ist städtisches Eigentum. Durch das Einrücken der Stübelallee-Fluchtlinie entstand ein Vorplatz, der einen guten Gesamteindruck vermittelte und die vielen Menschen, die hinein wollten, aufnehmen konnte. Vor dem Eingang wimmelte es an diesem Nachmittag bereits von vielen Besuchern. Es gab täglich drei öffentliche Veranstaltungen, die sich „Himmel der Heimat“ nannten und einen allgemeinen Einblick in den Sternenhimmel gewährten. Insgesamt konnten 550 Besucher dieser Show beiwohnen.

Paul und Walter waren rechtzeitig da und bereits im Besitz der Eintrittskarten, und so ging es gleich hinein. Im Vorsaal, wo sich die Kassen befanden, blickten sie staunend auf eine einfache hellblaue Bemalung, konzipiert von Professor Rade, welche den Tageshimmel symbolisieren sollte. Dann kam man in einen fensterlosen, dunkelblau gehaltenen Vorraum mit warmer elektrischer Beleuchtung, welcher den Nachthimmel darstellen sollte.2 Hier befanden sich die Garderoben, die Toiletten und die Büros der Mitarbeiter. Die Garderoben blieben an diesem Nachmittag so gut wie ungenutzt. Obwohl es für diese Hundstage etwas zu kühl war, hatten die beiden Freunde nur leichte Strickjacken an, die sie jedoch anbehielten, denn der nun folgende große Kuppelsaal, zu dem drei Türen führten, erwies sich noch einmal als etwas kälter als der Vorraum.

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Im Saal des Wunders

Aus fast allen Mündern gab es viele „Ohs“ und „Ahs“. Ein wohliges Dämmerlicht empfing sie. Über ihnen wölbte sich eine mit weißem Stoff bespannte Kuppel von 25 Metern Durchmesser, die akustisch mit der darüberliegenden Beton-Stahl-Masse einen Halleffekt verhinderte. Darauf sollte sich der Himmel, wie er von der Erde aus so nicht immer sichtbar wäre, abgebildet werden.

Und dazu diente ein besonderes Gerät, das wie eine riesige Hantel aussah und auf einer fahr- und drehbaren Lafette von drei Metern Länge mitten im Saal stand. Dieses Gerät von Zeiss aus Jena zog sofort die Aufmerksamkeit von Paul und Walter sowie vieler anderer Besucher auf sich. Es handelte sich um das Herzstück des Planetariums in seiner neuesten Version, einer Erfindung von Dr. Bauersfeld aus Jena. Die beiden Hantelteile waren jeweils mit einhundert Projektoren besetzt, deren Glaslinsen wie Insektenaugen aussahen3 und auf den Kuppelhimmel gerichtet waren.

Das Projektionsgerät hat überlebt - zeitgenössische Fotografie - gemeinfrei
Das Projektionsgerät hat überlebt – zeitgenössische Fotografie – gemeinfrei

Die Show beginnt

Kurt Kießbauer, der leitende Astronom, erläuterte die Wirkungsweise der Apparatur, während das Licht langsam gedimmt wurde, bis es völlig dunkel war. Dann flammte der künstliche Himmel auf, und unter „Ahs“ und „Ohs“ zeigte sich der nächtliche Sternenhimmel. Walter deutete zum Großen Wagen, und Paul wies auf den Polarstern. Dann veränderte sich die Sicht: der Nordhimmel zu unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten. Danach der Südhimmel mit seinen markanten und hier nicht sichtbaren Sternbildern, wie dem Kreuz des Südens. Immer wieder brandete Beifall auf, dem sich auch die beiden Freunde anschlossen.

Eine ältere Dame hinter ihnen sprach halblaut von Blasphemie und dass dieses Teufelszeug nicht gottgefällig sei. Ihre Hoffnung auf moralische Unterstützung anwesender gottesfürchtiger Menschen erfüllte sich nicht. Dafür erntete sie nur böse Blicke oder Zischlaute mit der Aufforderung, doch den Saal zu verlassen, wenn ihr das nicht passe.

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Viel zu schnell war die kurzweilige Veranstaltung zu Ende. Kießbauer forderte die Besucher auf, ihren Schulkindern einen Besuch im Planetarium zu ermöglichen, um ihnen das vernachlässigte Fach Astronomie näherzubringen. Deshalb würden künftig viele spezielle Vorträge in diesem Hause gehalten werden.

Beseelt von diesen unvergesslichen Eindrücken verließen Paul und Walter das Planetarium. Durst trieb sie in ihre Stammkneipe in der Markgrafenstraße, wo sich ihre Gespräche um das Gesehene und die Astronomie im Allgemeinen drehten.4

Anmerkungen des Autors

1 Stübelplatz, heute Straßburger Platz
2 Dresdner Nachrichten vom 24. Juli 1926
3 Dresdner Neueste Nachrichten vom 24. Juli 1926
4 Das Planetarium wurde im Februar 1945 vollkommen zerstört. Gerettet wurde der Projektor. Er befindet sich in der Sternwarte in Radebeul.


Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür durchstöbert der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek. Der vorliegende Text ist literarischer Natur. Grundlage bilden die recherchierten Fakten, die er mit fiktionalen Einflüssen verwebt.

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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