Ein Schrei durchzog die Räume im ersten Stock des Japanischen Palais an diesem Märztage des Jahres 1786. August Gottlieb Meißner und einige der Arbeiter im Hause eilten herbei, um den schwer verletzten Carl Christian Canzler aufzuheben. Beim Einräumen der Bücher in das oberste Regal eines hohen Schrankes fiel der Oberbibliothekar von der wackeligen Leiter. Da er sowieso schon gesundheitlich beeinträchtigt war, gab ihm dieser Sturz wohl den Rest. Er siechte dahin und verstarb im 52. Lebensjahr am 16. Oktober 1786.1

Büchersammelrivalitäten zwischen den Grafen von Brühl und von Bünau
Die großen Sammeleinkäufe in Privathand an Büchern waren zu Beginn des 18. Jahrhunderts im Großen und Ganzen vorbei. Um die Mitte des Jahrhunderts existierten an nennenswerten Sammlungen im Wesentlichen die der Grafen Brühl, Bünau und Keyserling.2 Besonders die beiden Erstgenannten investierten viel Geld in ihre Sammlungen in Dresden und beobachteten eifersüchtig den jeweils anderen in deren Kaufgebaren.
Der Unterschied zwischen beiden: Bünau sammelte als Gelehrter, während Brühl als reicher Liebhaber die Bücher erwarb.
Die Bünauische Bibliothek sammelte insbesondere Werke der klassischen Literatur, der Kirchengeschichte, akademische Gelegenheits- und Fluggeschichten, darunter die Schriften des Giordano Bruno. Alte, manchmal verschlissene Einbände ließ der Graf durchweg neu binden. Dabei scheute er weder Kosten noch Mühen, wohl auch in Konkurrenz zu seinem Rivalen Brühl. Als Graf Bünau 1740 in die Dienste Kaiser Karl VII. nach Wien ging, kam die Sammlung in das schöne gräfliche Schloss Nöthnitz. Die Leitung übernahm Johann Michael Francke. Eine Tätigkeit, die ihn deutschlandweit berühmt machen sollte.
Graf Brühl suchte vor allem Werke der ausländischen Staatengeschichte, der schönen Künste und Wissenschaften, Handschriften und Inkunabeln (Bücher und Schriften aus der Frühzeit des Buchdrucks). Er war wohl der einzige deutsche Sammler jener Zeit, der alte und vorzügliche ausländische Romane, Dichter und dramatische Werke aufkaufte. Die meisten Verdienste daran hatte wohl der Günstling des Ministers, Privatsekretär und Bibliothekar des Grafen Brühl, der Kunsthistoriker Carl Heinrich von Heinecken, wie Friedrich Adolf Ebert 1822 schrieb.2 Heinecken soll übrigens niemanden neben sich geduldet haben und Widerspruch schon gar nicht. Der unter seiner Leitung arbeitende junge Kopist mit einem Jahresgehalt von 100 Talern, Christian Gottlob Heyne, verbreitete die Mär, dass nur er in der Brühlschen Bibliothek alles dirigiert habe, weil Heinecken kaum anwesend war.
Besonders in der Brühlschen Sammlung war ein gewisser Bücherluxus sichtbar, wie gute Einbände, gutes Papier, Pergamentdrucke sowie kostbare in- und ausländische Inkunabeln. Und das in einer für das damalige Sachsen unerhörten Menge. Man kaufte Privatsammlungen auf und erwarb Bücher bei Auktionen. Das hieß, alles, was wertvoll und kostbar erschien. Aber seit etwa 1750 waren die Märkte leergefegt.
Einige Bibliothekare
Die Pflege der Bestände und deren versuchter Sortierung übernahmen angestellte Sachkundige. So u.a. von 1748 bis 1754 in der Bünauischen Bibliothek auf Schloss Nöthnitz ein gewisser Johann Joachim Winckelmann als Mitarbeiter des Johann Michael Francke. Winckelmann wurde später Aufseher der Altertümer im Kirchenstaat in Rom und schrieb ein noch heute gültiges Werk zur Kunsttheorie und des Klassizismus. Das Schlüsselerlebnis zur Beschäftigung mit der griechischen Antike hatte er in der Dresdner Antikensammlung bei der Betrachtung der drei Herkulanerinnen, die aus dem Nachlass des Prinzen Eugen von Savoyen erworben wurden.
Und unser damals noch recht junger Carl Christian Canzler begann 1760 seine bibliothekarische Laufbahn in Warschau und kam 1763 nach Dresden zur Sammlung des Grafen Brühl, der noch im selben Jahr verstarb. Die Katalogisierung beider Sammlungen blieb daher unvollendet.
Die gegenüber diesen Privatsammlungen eher bescheidenen Beständen der Kurfürstlichen Bibliothek wurden 1556 (also vor 470 Jahren) von Kurfürst August begründet. Nach einer Zwischenlagerung im Schloß Annaburg kam sie mit einem Bestand von gut 3.300 Werken zurück ins Dresdner Schloss. 1728 kam die Bibliothek in den repräsentativeren Zwinger, in dessen östlichen Teil. Geleitet wurde sie zunächst von kirchlichen Würdenträgern und ab 1680 von Adligen des Hofes.
Verluste
Kriege, Unwetter, Brände und schludriger Umgang setzten den Beständen immer wieder zu. Zunächst traten die meisten Verluste durch das Verleihen der Bücher wegen mangelhafter Buchführung auf. Vor allem wegen der schlechten Buchbindung, schludriger bis nicht vorhandener Katalogisierung und der mangelhaften Dokumentation der Ausleihe taten ihr Übriges.2 Letztere wurde mit einer Anordnung von 1743 auf Betreiben von Unterbibliothekar Glodius untersagt.

Große Verluste kamen im Zuge der Beschießung Dresdens durch preußische Truppen im Siebenjährigen Krieg 1760 zustande. Friedrich II. von Preußen hasste den Grafen Brühl und trachtete danach, vor allem seine Besitzungen, u.a. zerschoss seine Artillerie mit Brandgranaten den Pavillon des Belvedere und den Brühlschen Garten. Die in den Katakomben unter der Jungfer-Bastei lagernden Bestände wurden zum nicht geringen Teil ein Opfer der Flammen. Die Beschädigungen der Wasserleitung im Innern der Jungfern-Bastion, ließen viele wertvolle Bücher vermodern. Die Verluste betrugen nach Schätzungen etwa 8.000 Bände. 62.000 Bände der Brühlschen Sammlung wurden später in die Kurfürstliche Bibliothek überführt.
Zusammenführung der Sammlungen
In den Folgejahren entstanden alphabetische Nominal- und Realkataloge. Einen etwas anderen Weg bei der Katalogisierung ging Johann Michael Francke als Bibliothekar-Autodidakt des Grafen Heinrich von Bünau in dessen Sammlung auf Schloss Nöthnitz. Die Basis seines Katalogs war das Benutzungsinteresse. Bünaus Bibliothek war eine stets öffentliche, umfasste damals 42.000 Bände und zählte zu den bedeutendsten in ganz Kursachsen. Der Tod des Grafen im Siebenjährigen Krieg 1762 in Oßmannstedt bei Weimar beendete den Fortbestand der Bibliothek.
Erbe des Vermögens des umtriebigen und von vielen Hofschranzen gehassten Grafen von Brühl war nach eingehenden Prüfungen durch den Fiskus seine Familie. Für 50.000 Taler wurde die Bibliothek des Grafen der Familie mit Zähneknirschen abgekauft. Rechtlich kam man, auch nach langem Suchen, nicht ohne Bares aus der kurfürstlichen Schatulle an das Brühlsche Erbe heran.
Durch die Tode von Brühl und Bünau wurden diese beiden renommierten, weit über Sachsen hinaus gerühmten Sammlungen von der kurfürstlichen Kanzlei aufgekauft und in die Kurfürstliche Bibliothek eingeordnet. Johann Michael Francke hatte sich inzwischen einen Namen gemacht und wurde am 1. April 1764 zum Kurfürstlichen Bibliothekar ernannt. Sein Jahressalär betrug 500 Taler. Im Jahr zuvor wurde der eingangs erwähnte Unterbibliothekar Canzler zum Bibliothekar der Brühlschen Bibliothek.
Zwischen dem 24. April und 11. Oktober 1769 wurde die Bünauische Bibliothek von Nöthnitz nach Dresden überführt.
Oberster Chef der Kurfürstlichen Bibliothek wurde der einsichtsvolle und wohlwollende Oberkammerherr Ludwig Siegfried Graf Vitzthum von Eckstedt, dessen Familie bei den folgenden Königen von Sachsen entscheidende Rollen spielen sollten.

Enge im Zwinger
Durch die Zusammenführung dieser drei Bibliotheken wurde der Platz im Zwinger immer kleiner, wo man die Bestände seit 1728 unterbrachte. In den Schränken standen inzwischen die Bücher in mehreren Reihen hintereinander.2 Wer ein Werk suchte, brauchte Tage, um sich durch die Schränke durchzuwühlen.
Es musste zu einer Entscheidung kommen: Entweder man ließ die drei Bibliotheken räumlich für sich bestehen oder man fügte, ordnete und katalogisierte alles zu einer Einheit. Auf vehementen Druck von Francke entschied man sich für Variante zwei. Francke krempelte die Ärmel hoch und machte sich ans Werk. Inzwischen hatte die Bibliothek 174.000 Bände. Zwischen 1769 und 1771 wurde diese große Aufgabe mit inzwischen sieben Mitarbeitern vollbracht. Ausgangspunkt war nicht die Theorie, sondern die praktische Handhabung und die Verbindung des Gleichartigen. Diese neue Herangehensweise wurde bestimmend für das deutsche Bibliothekswesen und war ein bleibendes Verdienst Franckes. Dadurch wurde eine ununterbrochene öffentliche Nutzung der Bibliothek möglich, obwohl es in den nächsten 28 Jahren eigentlich einen richtigen Katalog im heutigen Sinne noch nicht gab.
Zur Finanzierung wurden doppelte Werke auf Auktionen verkauft. Dies spülte rund 29.300 Taler in die kurfürstliche Kasse.2
Als Francke am 19. Juni 1775 mit nur 58 Jahren und im 35. Jahr seiner Amtsführung in der Brühlschen und später in der Kurfürstlichen Bibliothek starb, gab es keine Anerkennungen, keine Kondolenzen, keine Ehrungen, beklagte sich Friedrich Adolf Ebert ein halbes Jahrhundert später.2
Ins Japanische Palais
Nun bot sich der nicht mehr genutzte riesige Komplex des Japanischen Palais an, um eine längerfristige Aufnahme der Bibliothek zu sichern. Kurfürst Friedrich August III. konnte überzeugt werden und so kam es 1782 zu der Entscheidung, die Kurfürstliche Bibliothek dort unterzubringen. Da der Platz größer war, als die Bibliothek beanspruchte, zog die Antikensammlung gleich mit ein.
Die Umbauarbeiten dauerten bis 1788 und kosteten 83.000 Taler.
Von November 1785 bis Januar 1786 zogen als erste die Antikensammlungen aus den vier Pavillons im Großen Garten ein. Zwischen dem 8. Februar und dem 8. April 1786 folgte die Überführung der Büchersammlungen aus den Zwingerpavillons unter der Leitung des Oberbibliothekars Carl Christian Canzler.
Nachfolger
Und mitten in diesem Umzug passierte das eingangs erwähnte Missgeschick, das in der unglücklichen Verquickung mit anderen Krankheiten im Oktober 1786 zum Tod von Canzler führte.
Kaum beerdigt, ging ein unschönes Gerangel um die gut dotierte Neubesetzung des Ersten Oberbibliothekars über die Bühne der kurfürstlichen Residenz. So bewarb sich der uns schon bekannte Christian Gottlob Heyne, der frühere Kopist in der Brühlschen Sammlung. Inzwischen hatte er eine Professur an der Universität Göttingen inne. Entweder waren seine Gehaltsforderungen zu hoch oder einige erinnerten sich noch an dessen Umtriebe zu Brühls Zeiten oder beides. Jedenfalls wurde seine Bewerbung abgelehnt.
Weg in die Zukunft
Zum Zuge kam der für seine wissenschaftlichen Arbeiten bekannte Johann Christoph Adelung. Im Januar 1787 trat er seine Stelle in Dresden an. Er wurde zu einem Glücksfall für die Entwicklung der Kurfürstlichen und späteren Königlichen Bibliothek. Er führte die Vorarbeiten von Francke und Canzler weiter und erweiterte die Bestände der Bibliothek durch Zukäufe und Einverleibungen sowie durch die systematische Katalogisierung und Öffnung der Nutzung für breite Kreise auf den Weg zu der sächsischen Zentralbibliothek, zu der sie heute in der Vereinigung mit der Universitätsbibliothek Dresden zur Sächsischen Universitäts- und Landesbibliothek geworden ist.
Ein weiterer bedeutender Oberbibliothekar, neben anderen, war Carl Wilhelm Daßdorf, der das Amt von 1807 bis 1812 innehatte. Er wohnte am Neustädter Markt, Ecke Rähnitzgasse und starb hochgeachtet in Dresden.3 Seine Begegnungen mit Lessing und Herder sind Gegenstände kommender Erzählungen.
Als sich am 27. August 1791 Kurfürst Friedrich August III., Kaiser Leopold II. und der preußische König Friedrich Wilhelm II. im Schloss Pillnitz trafen, um das weitere Vorgehen gegen Napoleon zu koordinieren, zeigte er voller Stolz seine Bibliothek im Japanischen Palais, die inzwischen in Europa zu einer gewissen Berühmtheit gelangte.
Anmerkungen des Autors
1 Meusel, Lexikon (hierzu zur Berichtigung: Meusel, Gel. Teutschl. 4. Ausg. 4. Nachtr. Lemgo 1791. S. 96). (Hasche), Magazin der Sächsischen Geschichte aufs Jahr 1786. Th. 3. Dresden. S. 614–617
2 Friedrich Adolf Ebert, Geschichte und Beschreibung der Königlichen Bibliothek zu Dresden, Brockhaus Verlag Leipzig 1822, Bayrische Staatsbibliothek München N.libr.391, Seite 64 ff.
3 Illustrierte Tageszeitung vom 16. März 1936
Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür durchstöbert der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek. Der vorliegende Text ist literarischer Natur. Grundlage bilden die recherchierten Fakten, die er mit fiktionalen Einflüssen verwebt.

















