Wer in den letzten Tagen aufmerksam am Elbufer auf Höhe der ehemaligen Carolabrücke unterwegs war, dem sind sie vermutlich schon aufgefallen: zahlreiche Steinstapel, auch Steinmännchen genannt, aufgeschichtet aus Steinen und dem Geröll der mittlerweile längst verschwundenen Brücke. Die Türme ziehen sich in auffälliger Länge und in unterschiedlichen Größen über die durch den Abriss der Carolabrücke entstandene, bislang noch karge Uferlandschaft.

Stein für Stein: Neue Touristenattraktion
Mal einzeln, mal in kleinen Gruppen stehen sie zwischen Kies und Sand und wirken dabei wie eine kleine Skulpturenlandschaft. Für viele dienen sie als zusätzliches Fotomotiv vor der eigentlichen Kulisse mit Frauenkirche, Hofkirche und Kunstakademie im Hintergrund. Einige sind sorgfältig ausbalanciert, andere eher spielerisch gestapelt, wiederum prägt den zurzeit größten Turm ein kleiner Schrein mit einem aus Kieseln gelegten Herz.
Wer genau dahintersteckt, ist bislang unklar. Viel spricht dafür, dass es keine einzelne Urheberin oder keinen festen Künstler gibt, sondern dass hier viele Hände beteiligt sind. Mit dem einladenden Frühlingswetter in den letzten Wochen wachsen die Türme weiter, ergänzt sowohl von Tourist*innen als auch von Einheimischen. Besonders auffällig: Die Steinmännchen ziehen sich über eine Strecke von fast 100 Metern entlang des Elbufers. Wie eine lose Linie markieren sie den Übergang zwischen Geröll und freier Fläche. Einige der Türme erreichen dabei beachtliche Höhen, einer ragt sogar über zwei Meter in die Höhe.

Früher Wegweiser, heute eher Problem
Dabei sind die Steinmännchen keineswegs eine neue Erscheinung. Seit Jahrhunderten werden sie weltweit errichtet, ursprünglich als Wegmarkierungen in unübersichtlichem Gelände. Gerade in Gebirgen, Wüsten oder weiten Landschaften halfen sie dabei, Orientierung zu geben, oft unter schwierigen Bedingungen wie Nebel oder schlechter Sicht. In vielen Regionen wurden sie über Generationen hinweg gepflegt und instand gehalten. In verschiedenen Kulturen haben sie darüber hinaus eine symbolische oder religiöse Bedeutung, etwa als Zeichen des Respekts gegenüber der Natur oder als Teil von Ritualen.
Heute hat sich ihre Funktion vielerorts verschoben. Vor allem an touristischen Orten entstehen Steinmännchen zunehmend als spontaner Zeitvertreib oder als Fotomotiv, nicht zuletzt befeuert durch soziale Medien, wo die kleinen Türme als ästhetische Kulisse inszeniert werden. Ganze Ansammlungen entstehen dabei oft innerhalb kurzer Zeit, besonders an beliebten Aussichtspunkten, Stränden oder Flussufern.
Doch genau das wird zunehmend kritisch gesehen. Denn das Stapeln von Steinen greift in empfindliche Ökosysteme ein. Unter den Steinen leben Insekten, Spinnen oder kleine Reptilien, Pflanzen wurzeln im Boden dazwischen. Werden die Steine bewegt, verlieren Tiere ihre Rückzugsorte und die Vegetation wird beschädigt. In vielen Urlaubsregionen wird daher inzwischen dazu geraten, keine neuen Steinmännchen zu errichten und bestehende Türme vorsichtig wieder abzubauen.


















