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Ein Weihnachtsgeschenk für Dresden (Teil 1)

Mit offenen Mündern blickten Hans und Martha nach oben. Auf einem Sockel rechts oberhalb des Einganges zum Circus Sarrasani stand ein Elefant. Der Kopf mit dem nach unten hängenden Rüssel trat aus der elektrischen Lichtflut der erleuchteten Fassade hervor und schien die beiden Kinder anzublicken.

Die Versammlung der Clowns - zeitgenössische Postkarte
Die Versammlung der Clowns – zeitgenössische Postkarte

„Wenn ihr eure Guschen weiter so offenlasst, holen sich die Krähen noch euer Mittagessen aus dem Magen.“ Der 14-jährige Hans und seine zehnjährige Schwester Martha fuhren mit den Köpfen herum in die Richtung, wo sie den erwachsenen Rufer vermuteten. Aber da war niemand. Etwas tiefer grinste sie ein Clown an, der sich körpergrößenmäßig zwischen Martha und Hans befand.

„Ein Zwerg“, entfuhr es der kleinen Schwester, die sich ob des Bewusstwerdens eines Fauxpas den Mund mit der Hand zuhielt. Der so betitelte lachte laut auf.

„Schon gut, meine Kleine. Ich bin der Willi und gehöre zu der Clownstruppe vom Sarrasani, wie ihr an mir sehen könnt. Ich beobachte euch schon eine Weile. Habt ihr Lust, den Zirkus mal von innen zu sehen?“ Sie starrten den Clown wieder mit offenen Mündern an. Der lachte los. Beide nickten.

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Das Ereignis rückte näher

Die Geschwister standen an diesem 22. Dezember 1912, seitdem es dunkel wurde, vor dem Gebäude und froren schon. Der 4. Advent mit seinen null Grad und dem Sonnenschein am Tage ließ beide aber nicht in der warmen Stube im dritten Stock des Seitengebäudes der Hechtstraße 11 hocken. Ihre Mutter war hochschwanger mit dem dritten Kind und ihr Vater, Zigarrenarbeiter seines Zeichens, war froh, mal alle Fünfe grade sein lassen zu können. So machten sich Hans und Martha eingemummelt auf zum neuen Circus Sarrasani am Carolaplatz. Es waren schon viele Leute dort, die, wie sie, unbedingt den König sehen wollten.

Die Einweihung dieses Prachtbaus von europäischem Rang1 war das Gesellschaftsereignis des Jahres. Geschickt hatte das der Direktor des Hauses eingefädelt. Die Bruttoeinnahmen dieser ersten Vorstellung gingen zu Gunsten der Kinderheilanstalt, die unter dem Protektorat des sächsischen Königs stand. Ergo musste dieser bei der Eröffnung dabei sein.

Sarrasani-Gebäude - zeitgenössische Postkarte
Sarrasani-Gebäude – zeitgenössische Postkarte

Und wenn schon Majestät samt Familie anwesend waren, dann natürlich auch der hohe Adel, die amtlichen Würdenträger aus Land und Stadt, die Oberen der Kirchen, die führenden Unternehmer, das gehobene Bürgertum, selbstverständlich auch das Militär, die Größen aus dem Theater, der Musik, der Bildenden Kunst und Literatur und auch die, die sich für was Besseres hielten. Dafür mussten die Gäste auch das Doppelte an Eintrittsgeldern zahlen. Das gemeine Volk durfte seine Oberen auf dem Vorplatz bejubeln.

Der gewiefte Sarrasani zeigte eben auch seine soziale Ader. Das kam trotzdem an. Und jeder aus der Clownstruppe durfte sich zwei Menschen vom Vorplatz suchen, die kostenlos Eingang fanden.

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Direktor Hans Stosch-Sarrasani sen. und sein Gewissen

Er stand an der Brüstung des oberen Ranges und schaute in die noch leere Rotunde4. Im Geiste klopfte er sich auf die Schulter und bekam vor Stolz feuchte Augen. Ja, er hatte das erreicht, was er wollte. Sogar viel mehr als seine Vorfahren zusammen, sagte er sich. Vor einer Woche2 trafen die Künstler, Akrobaten, Clowns, Dompteure, Tiere, Wohnwagen und die Technik in zwei Zügen zu je 24 Waggons auf dem Güterbahnhof Dresden-Neustadt ein, aus Frankfurt am Main kommend. Unter großer Anteilnahme der Dresdner Bevölkerung und der hiesigen Presse marschierten sie in das neue Quartier am Carolaplatz.

Ein Auflachen riss ihn aus seinen Träumen. Er drehte sich um und … niemand war da. Dann wurde ihm klar, dieses Lachen fand in seinem Kopf statt. „Wundere dich nur, du arroganter Klotz. Ich bin´s nur, dein Gewissen. Von wegen alles allein gemacht.“

Das ließ der Direktor nicht auf sich sitzen. „Hast du überhaupt eine Ahnung, welche Widerstände ich überwinden musste, bis dieses Haus heute eröffnet werden kann?3 Seit Jahren fechte ich einen Kleinkrieg aus Intrigen, Komödien, diplomatischen Vexierspielen7, Eifersüchteleien und Cliquenrevolutionen aus. Ursprünglich wollte ich nach Berlin. Aber die Preußen zeigten sich wenig begeistert. Dann eben München. Am Höhenrande der Theresienwiese wollte ich den ersten Monumentalcircus des zwanzigsten Jahrhunderts errichten.“

„Ha“, meldete sich das Gewissen. „Bescheidener geht es wohl nicht. ‚Hans Erdmann Franz‘, so rief dich doch deine Mutter immer zur Ordnung, wenn du mal wieder im Größenwahn schwammst und fantasiertest. Hans Erdmann Franz, willst du jetzt auch noch König und Kaiser oder gar Gott spielen?“

Sarrasani-Gebäude - zeitgenössische Postkarte
Sarrasani-Gebäude – zeitgenössische Postkarte

„Halte dich zurück! Du kannst dich zu den Kleingeistern von München gesellen. Zwei Jahre Guerillakämpfe dort haben mir gereicht. Da brauche ich dich nicht auch noch. Die Welt ist voll genug von diesen Kleingeistern, Angsthasen, Jammerlappen und Bedenkenträgern. Hätten wir nur auf diese gehört, säßen wir heute immer noch auf den Bäumen. Ich bin jedenfalls kein Jünger dieser Gattung. Also ging ich nach Dresden. Auch hier war es kein Zuckerschlecken. Bei meinem ersten Vorsprechen wurde ich ausgelacht und an der Grenze zur Unhöflichkeit aus dem Zimmer herauskomplimentiert. Aber ein Stosch gibt nicht auf. Und so stürmte ich vorbei an dem verdutzten Cerberus5 in das Büro des Oberbürgermeisters Gustav Otto Beutler.

Der war ein Mann mit Visionen für ein Dresden von europäischem Rang, wie ich hörte, und er erkannte sofort die Bedeutung meiner Idee für die Residenz. Ich kaufte dieses Areal hier im Jahre 1910 von der Stadt für 80 Mark den Quadratmeter. Auch der berühmte Stadtbaurat Hans Erlwein hatte wohl nichts dagegen. Und keine zwei Jahre später siehst du hier diesen Prachtbau stehen. Was sagst du nun, du nörgelndes Gewissen?“

Stille. Mit sich im Reinen drehte sich Hans Stosch-Sarrasani um und verließ lächelnd sein Heiligtum. Majestät kommen bald und er muss noch in seinen Frack schlüpfen.

Hans und Martha auf Tour durch das Haus

Das Vestibül6 erschien den beiden Geschwistern ziemlich klein. Neben den Kassen gab es auch einen Blumenladen. Dann führte Clown Willi die beiden in die Manege. „5.000 Leute passen hier rein“, erzählte er den Kindern, die das Rondell mit den Zuschauerplätzen, der Manege und der Bühne bestaunten.

„Sowas findet ihr in ganz Europa nicht wieder!“

„Auch nicht in Paris?“, warf Hans ein.

„Auch nicht in Paris und nicht in Rom, nicht in London und auch nicht in St. Petersburg. Habt ihr Hunger?“

Ein energisches „Ja“ kam aus ihnen. Und so wurden sie in die Künstlerklause geführt, in der schon andere Menschen des Vorplatzes mit „ihren“ Clowns saßen. Kartoffelsalat mit Bockwurst wurden Hans und Martha gereicht. Dazu gab es eine Waldmeisterlimonade. So was Gutes hatten sie schon lange nicht mehr gegessen.

Dann hatte Willi noch eine Überraschung. „Hier habt ihr zwei Sitzplatzkarten für die Vorstellung nachher.“

Hans und Martha kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Für sie war heute Heiligabend, Ostern und Geburtstag in einem. Mit den anderen Gästen der Straße wurden sie auf ihre Plätze geführt.

(Teil 2)

Anmerkungen des Autors

1 siehe Dresdner Nachrichten vom 20.Dezember 1912
2 siehe Dresdner Nachrichten vom 16. Dezember 1912
3 aus Die Weltschau – illustrierte Sarrasani Zeitung vom 22. Dezember 1912
4 Rotunde: aus dem Lateinischen; ist ein Baukörper mit einem kreisförmigen Grundriss
5 Cerberus: latinisiert der „Dämon der Grube“ in der altgriechischen Mythologie; der Höllenhund, der den Eingang zur Unterwelt bewacht, so dass kein Lebender rein und kein Toter rauskommt. Im Umgangssprachlichen wurden manche dominante Vorzimmerdamen von Chefs bezeichnet.
6 Vestibül: Vor- oder Eingangshalle
7 Vexierspiel: Ein Spiel, bei dem geneckt, gefoppt und getäuscht wird. Wird auch im Geschäftlichen und in der Politik angewandt.


Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür durchstöbert der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek. Der vorliegende Text ist literarischer Natur. Grundlage bilden die recherchierten Fakten, die er mit fiktionalen Einflüssen verwebt.

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