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Elend und Aufruhr, Teil 1

Die Tür öffnete sich und zwei junge Burschen betraten das Lokal „Zur Gleichheit“ in der Hechtstraße 21 an der Ecke zur Erlenstraße und schüttelten sich die jahreszeitgemäße Nasskälte aus ihren Klamotten, die das Hechtviertel in der Dresdner Neustadt in diesen letzten Novembertagen fest im Griff hielt. Nachdem sie sich durch den Qualm bis zur Theke vorgekämpft hatten, wurden die ersten auf sie aufmerksam.

Die Hechtstraße vor rund 100 Jahren, zeitgenössische Postkarte
Die Hechtstraße vor rund 100 Jahren, zeitgenössische Postkarte

Ein Jubel entbrannte, als würden soeben unerwartete Berühmtheiten aus den aktuellen Stummfilmen hereinkommen. Was aber gar nicht so abwegig war. Nur eben keine Schauspieler. Die beiden jungen Männer, Franz aus der Nr. 26 und Ludwig aus der Nr. 8 der Hechtstraße sind seit der sogenannten Hungerrevolte in der Dresdner Altstadt hier im Viertel bekannt wie bunte Hunde. Die Jungkommunisten wurden soeben aus der Haft im Knast auf der Schießgasse entlassen und durften nach der Meldung bei Polizeiinspektor Zehl auf der Wache, ein paar Häuser weiter in der Hechtstraße 39, nach Hause gehen. Nun müssen sie sich dort täglich melden, bis zur Gerichtsverhandlung.

Kampf gegen den Hunger

Der 18. November 1922 war hier im Stammlokal der Kommunisten, dessen Name Programm war, immer noch das beherrschende Thema. Sofort standen vor den beiden Helden je ein Bier mit Kompott. Ein Korn war damit gemeint. Der erste diente zum Aufwärmen, der zweite als Willkommensgruß durch den Wirt und der dritte als Dank des örtlichen Parteisekretärs der KPD für den revolutionären Einsatz und die Märtyrerhaft durch die Klassenjustiz. Und selbstverständlich wollten alle wissen, wie der Kampf gegen die Apologeten des Kapitals und gegen den Hunger drüben in der Altstadt verlaufen war.

Es begann am Nachmittag dieses 18. November auf dem Fischhofplatz1 in der Altstadt. Dort fand eine angemeldete Kundgebung gegen Hunger und den zu teuren Kohlen zum Heizen der Wohnungen, gegen die galoppierende Inflation, gegen die Zerrüttung der Wirtschaft und steigende Arbeitslosigkeit2. Aufgerufen zu dieser Kundgebung und der anschließenden Demonstration hatten der Erwerbslosenrat der Stadt, der Internationale Bund der Kriegsopfer und die Sächsische Invalidenvereinigung.

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Einige hundert Menschen waren anwesend. Mehrere Redner, die aus dem Fenster einer Wohnung am Platze sprachen, forderten Stadt und Land auf, etwas gegen Hunger und Kälte und für Arbeit zu tun. So mussten die Arbeitslosen und Kleinrentner um diese Inflationszeiten mit maximal 400 Mark pro Woche auskommen und davon auch noch ihre Familien ernähren, Miete zahlen und das Geld für die Heizung aufbringen.

Dresdner Nachrichten vom 21. November 1922
Dresdner Nachrichten vom 21. November 1922

Obolus für Arbeitslosenunterstützung

„Nieder mit dem Kapital. Nieder mit Versailles!“, riefen einige im Hintergrund der Kneipe. Beifall brandete auf. Franz hatte sich auf Grund seines kommunikativen Talents mit wachsendem Alkoholpegel in Begeisterung geredet, was andere zu einer Spendierfreude animierte. Zwischenrufer wollten wissen, ob das mit den Plünderungen stimme. Ludwig unterbrach Franzens Redefluss, was dieser dankbar wahrnahm, um seine Kehle mit Hopfigem zu ölen. Es sei nicht ganz so, wie die klassenfeindliche Presse schrieb, meinte Ludwig. Eine kleine Delegation sei in die Geschäfte gegangen und habe nur um einen Obolus für die Arbeitslosenunterstützung gebeten.

„Als dies verweigert wurde, sind wir halt wieder gegangen. Was dann die erzürnten Demonstranten taten, entzog sich unseres Einflusses“, warf Franz ein.

Und die „erzürnten“ Demonstranten stürmten fast ein dutzend Ladengeschäfte, hauptsächlich Bäckereien und Textilkaufhäuser, aber auch Cafés, zertrümmerten Schaufenster, stahlen Lebensmittel, Alkohol, Zigaretten, Kleider, Anzüge, Stoffe. Das Kaufhaus Renner am Altmarkt war betroffen. Das Schneiderfachgeschäft Hengehold auf der Reichsstraße3 wurde so demoliert, dass die hohen Verluste den Inhaber zur Geschäftsaufgabe zwangen und 50 Angestellten den Arbeitsplatz kostete.2

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„Aber von den tausenden armen Erwerblosen, Rentnern und Invaliden, die frieren und hungern und den sich in den Cabarets und Salons dieser Stadt im Champagner wälzenden superreichen Kriegsgewinnlern und Ausbeutern schreibt keiner“, warf der Ortssekretär der KPD, Zustimmung heischend, ein. „Franz und Ludwig. Ihr habt die Ehre der Arbeiterklasse und unsere Fahne hochgehalten. Dafür habt ihr die Macht dieser dekadenten Leute gespürt. Danke dafür. Es lebe unsere Kommunistische Idee, es lebe Lenin und Sowjetrussland, unsere wahre Heimat.“ Hochrufe erschallten, Beifall brach aus. Das Ende des Parteiabends nahte. Frau und Kinder warteten.

War die Polizei informiert?

Nicht erzählt wurde, dass sich in den Demonstrationszug organisiert hunderte vor allem junge Genossen aus der Stadt und dem Umland einreihten und die Exzesse durchführten. Mit der Polizei wurde Katz und Maus gespielt. Sie gab sich überrascht von diesen Gewaltausbrüchen. Doch einige bürgerliche Zeitungen2 legten den Finger in die Wunde und informierten ihre Leser darüber, dass die bewaffnete Staatsgewalt schon mindestens zehn Tage zuvor von den geplanten Aktionen im Anschluss an die friedliche Demonstration wusste. Bei der Anmeldung der Demo wurde fallen gelassen, dass es durchaus Teilnehmer geben könne, die aus der Not heraus nach Abschluss des Marsches zur „Selbsthilfe“ greifen könnten. Darauf habe man aber keinen Einfluss.

Das Presseamt des Dresdner Polizeipräsidiums informierte tags darauf, dass es 49 Personen wegen Plünderung und Aufruhr festgenommen wurden. Darunter waren nur 19 Delinquenten, die Erwerbslose und Kriegsversehrte waren. Die große Mehrheit hätte noch Geld aus Wochenlohn und Arbeitsverdienst bis zu 20.000 Mark in den Taschen.2

Und geklaut wurde in diesen Tagen Vieles. Als erstes bediente sich die Inflation aus den Taschen der Bürger und finanzierte damit die Staats- und Kriegsschulden mit zunehmend steigenden Preisen. An den Devisenbörsen verfiel die Reichsmark. So musste man am 20. November 1922 für einen (!) US-Dollar 6.758 Mark hinblättern. Eine tschechische Krone war für 210 Mark zu haben. 2643 Mark kostete ein holländischer Gulden und für schlappe 30.624 Mark (!) bekam man ein englisches Pfund. Ein Trostpflaster für die Verzweifelten gab es im Wirtschaftsteil der Zeitungen auch. Den Österreichern in ihrer Restrepublik erging es noch schlechter. Als Deutscher bekäme man dort am besagten 20. November 1922 für läppische 32 Pfennige ganze 100 Kronen.2

Dresden – eine Hauptstadt der Diebe?

Man musste selbst am hellerlichten Tag bei einem Bummel durch die Altstadt aufpassen, dass einem beim Laufen nicht die Schuhe geklaut wurden. Vor der Großmarkthalle an der Weißeritzstraße wurden einem Händler aus Radeberg vom Handwagen ein großer Batzen Margarine geklaut. Auf der Ehrlichstraße entwendete man aus einer Wohnung Herrenbekleidung und Damenkleider, Uniformen, Decken und Teppiche. Zu faul zum Wäschewaschen war wohl jemand auf der Rosmaringasse. Hier verteilte eine Waschfrau die gerade getrocknete Wäsche, als ihr der Rest vom Wagen weg entwendet wurde.

Aber das Ende der Fahnenstange war noch lange nicht erreicht. Ein Jahr später war jeder Deutsche Billionär und das waren keine Lottogewinne.

Anmerkungen des Autors

1 heute nicht mehr vorhanden; im Geviert zwischen dem heutigen Platz der Annenkirche dem Freiberger Platz, der heutigen Freiberger Straße und dem Postplatz gelegen
2 siehe dazu die Dresdner Nachrichten vom 21. November 1922
3 Südvorstadt; heutige Fritz-Löffler-Straße zwischen Hauptbahnhof (Südseite, Friedrich-List-Platz, früher Bismarck-Platz) und Fritz-Löffler-Platz (früher Reichsplatz)


Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür durchstöbert der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek. Der vorliegende Text ist literarischer Natur. Grundlage bilden die recherchierten Fakten, die er mit fiktionalen Einflüssen verwebt.

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