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C’est la vie! – Chroniken einer Französin in der Neustadt

Als ich vor zehn Jah­ren in mei­nen Eu­ro­li­nes-Bus nach Dres­den ein­stieg, war ich ge­rade mit mei­nem Stu­dium fer­tig und hatte keine Ah­nung, was ich in mei­nem Le­ben ma­chen wollte.

Peps auf dem Weg nach Dresden - Zeichnung: Jean-Pierre Deruelles
Peps auf dem Weg nach Dres­den – Zeich­nung: Jean-Pierre Deruelles

Al­les was ich wusste war, dass ich gerne reiste und eine Lei­den­schaft für das Spra­chen­ler­nen hatte. Ich träumte von An­da­lu­sien, hatte aber auch Lust, mein Schul­deutsch zu ver­bes­sern. Ich dachte, ich fange mit Deutsch­land an und lasse mich dann schön im son­ni­gen Spa­nien un­ter Oran­gen­bäu­men nieder.

Aus al­len Be­wer­bun­gen für ein Prak­ti­kum, die ich nach Deutsch­land ge­schickt hatte, ant­wor­tete Dres­den: Ge­nau die Stadt, die mich schon lange an­zog (ohne jede ra­tio­nale Er­klä­rung, denn meine ein­zige Vor­stel­lung von Dres­den stammte aus ei­nem schwarz-weiß Bild der zer­stör­ten Alt­stadt in 1945 in mei­nem Ge­schichts­buch der ach­ten Klasse)!

So zog ich in ei­ner WG in der Neu­stadt ein. Zehn Jahre spä­ter wohne ich im­mer noch in mei­nem Lieb­lings­vier­tel – in­zwi­schen mit mei­ner deutsch-fran­zö­si­schen Fa­mi­lie. Schade um die Orangenbäume.

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Die Seilschaft am 15. August bei den Filmnächten am Elbufer

In all die­sen Jah­ren habe ich mit gro­ßer Freude meine per­sön­li­chen kul­tu­rel­len An­ek­do­ten no­tiert, die ich als Fran­zö­sin in Deutsch­land er­lebe. Zu­nächst nur für mich selbst. Um mei­nen ers­ten er­staun­ten Blick über Er­leb­nisse auf­zu­be­wah­ren, die mich bald auf­grund mei­ner Ak­kli­ma­ti­sie­rung nicht mehr über­ra­schen wür­den. Dann wur­den diese ver­streu­ten Texte zu die­sen Chro­ni­ken, die ich sam­meln und tei­len wollte.

Da­mit möchte ich den Fran­zo­sen ein Ge­fühl für die­ses Nach­bar­land ge­ben, das oft ver­kannt ist. So­wie den Deut­schen er­zäh­len, auf wel­che in­ter­kul­tu­rel­len Hin­der­nisse eine Fran­zö­sin sto­ßen kann, wenn sie sich bei ih­nen niederlässt.

Ich bin si­cher, dass sich viele Fran­zo­sen in Deutsch­land (und Deut­sche in Frank­reich) in die­sen deutsch-fran­zö­si­schen Epi­so­den wie­der­erken­nen wer­den. Ich hoffe, diese Chro­ni­ken wer­den auch für alle un­ter­halt­sam und lehr­reich sein, die ihre ei­gene Kul­tur gerne in­frage stel­len oder ein­fach neu­gie­rig auf kul­tu­rel­len Aus­tausch sind.

Nun, auch wenn ich in man­cher Hin­sicht ein­ge­deutscht bin, kommt mir im­mer mal wie­der der Obelix-Spruch in den Sinn: „Die spin­nen die Deut­schen!“. Das meine ich na­tür­lich nicht böse: zwar ma­che ich mir gern über die Le­bens­art der Ger­ma­nen lus­tig, aber ebenso sehr über mei­nen ei­ge­nen gal­li­schen Blick! Und vor al­lem: Ich freue mich, Dres­den als neue Hei­mat­stadt aus­ge­wählt zu ha­ben: Ich war von An­fang an in die­sen Ort verliebt.

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Ab­schlie­ßend möchte ich dar­auf hin­wei­sen, dass diese Chro­ni­ken das Er­geb­nis per­sön­li­cher Ein­drü­cke und Er­fah­run­gen sind, die in ei­nem be­stimm­ten Kon­text statt­fin­den: in Dres­den und ge­nauer in dem be­son­de­ren Stadt­vier­tel der Neu­stadt. Auf kei­nen Fall möchte ich Ver­all­ge­mei­ne­run­gen ge­ne­rie­ren oder Kli­schees ver­ewi­gen: Wenn ich von den „Deut­schen“ spre­che, sind es viel­leicht nur die Dresd­ner (oder die Ost­deut­schen, oder die Sach­sen, und na­tür­lich nicht alle). Und vor al­lem han­delt es sich nur um meine ei­gene sub­jek­tive Wahrnehmung! 

In die­sem Sinne wün­sche ich euch also vom gan­zen Her­zen: Will­kom­men in mei­nem Le­ben als Fran­zö­sin in der Neustadt.

Peps verzweifelt am Telefon - Zeichnung: Peps auf dem Weg nach Dresden - Zeichnung: Jean-Pierre Deruelles
Peps ver­zwei­felt am Te­le­fon – Zeich­nung: Peps auf dem Weg nach Dres­den – Zeich­nung: Jean-Pierre Deruelles

Folge 1: Anton, Nordpol – Nordpol, Anton

Das Not­wen­digste, wenn man sich in ei­nem an­de­ren Land nie­der­las­sen und in­te­grie­ren möchte ist: die Spra­che zu ler­nen. Ich frage mich heute noch, wie es mir ge­lun­gen ist, trotz mei­ner Un­ge­duld, mit der Spra­che der Dich­ter zu­recht zu kom­men. Vor al­lem am Telefon.

Mein Be­rufs­le­ben in Dres­den star­tete ich als Bü­ro­as­sis­ten­tin in ei­nem klei­nen in­ter­kul­tu­rel­len Ver­ein. Die erste Schwie­rig­keit da­bei war, Nach­rich­ten für mei­nen Chef ent­ge­gen­zu­neh­men, wenn er nicht da war. Theo­re­tisch war das nicht wei­ter kom­pli­ziert: Ich musste nur den Na­men der Per­son so­wie ihre Te­le­fon­num­mer aufschreiben.

Ich hatte die Zah­len auf Deutsch re­la­tiv schnell ge­lernt. Mein grö­ße­res Pro­blem war viel­mehr, die Na­men und (noch schlim­mer) die E‑­Mail-Adres­sen mei­ner Ge­sprächs­part­ner zu entziffern.

Im Ge­gen­satz zu den fran­zö­si­schen Zah­len, die ei­nem gute Ma­the­ma­tik Kennt­nisse ab­ver­lan­gen (71 heißt auf Fran­zö­sisch „soixante-et-onze“, wort­wört­lich „sech­zig plus elf“; 92 heißt „quatre-vingt-douze“, also „vier­mal zwan­zig plus zwölf“), sind die deut­schen Zah­len eher ein­fach zu ver­ste­hen. Mit zwei Ausnahmen. 

Ers­tens wer­den die deut­schen Zah­len „rück­wärts“ an­ge­ge­ben: Für 52 zum Bei­spiel sagt man nicht „fünf­zig und zwei“, son­dern „zwei-und-fünf­zig“. In­fol­ge­des­sen sind alle Aus­län­der ge­zwun­gen, zu­erst die 2 zu schrei­ben, wo­bei ein Loch vorne bleibt, dann die 5. Ich habe im­mer die Deut­schen be­wun­dert, die es schaf­fen, zu­erst den 5 und dann den 2 zu schrei­ben. In der Zwi­schen­zeit hätte ich schon ver­ges­sen, ob es sich um 42, 52 oder 62 handelt.

Dann ist da noch die Zahl „zwo“, die kein Fran­zose je in der Schule ge­lernt hat (ge­nau wie der „Sonn­abend“ an­statt des „Sams­tags“, aber das ist eine an­dere Ge­schichte). Diese Zahl wirkt sehr fremd, wenn man sie zum ers­ten Mal hört. 0, 1, 5, 0, 7, „zwo“?! „“Zwo“ be­deu­tet „zwei“ und soll dir da­bei hel­fen, die „zwei“ von der „drei“ zu un­ter­schei­den!“ wurde mir ei­nes Ta­ges erklärt. 

Na schön.

Am An­fang wäre es mir aber lie­ber ge­we­sen, man hätte mir die „zwei“ ganz nor­mal ge­sagt. So hätte ich viel­leicht keine un­voll­stän­di­gen Te­le­fon­num­mern auf­ge­schrie­ben, in de­nen es im­mer wie­der eine Zahl fehlte: ganz zu­fäl­lig die „zwo“, die ich für ei­nen Hus­ten­an­fall ge­hal­ten hatte. Nun habe ich mich aber daran ge­wöhnt und finde so­gar, dass wir et­was auf Fran­zö­sisch er­fin­den soll­ten, um den „quatre-vingt“ (80) vom ähn­lich klin­gen­den „quatre-vingt-un“ (81) zu unterscheiden.

Nach­dem ich die Te­le­fon­num­mer drei Mal wie­der­ho­len las­sen musste, ging es wie­der um den Na­men der Per­son am an­de­ren Ende der Lei­tung. Ganz egal wie er ge­schrie­ben wurde: Ich brauchte nur ei­nen Hin­weis, da­mit mein Chef er­ra­ten konnte, wer da wohl an­ge­ru­fen hatte (von wo die Per­son an­rief, ihr Be­ruf und worum es ging? Das kommt erst nach drei Mo­na­ten in­ten­si­ver Sekretariatsarbeit).

Also: „Ihr Name war …?“ Und jetzt, passt auf den Ver­län­ge­rungs­na­men auf: „Ich bin Bir­git Berta Ida Ri­chard Gus­tav Ida Theo­dor“. „Aaahhh, Mo­ment…!!!!! Bitte war­ten Sie kurz, ich konnte mir das nicht no­tie­ren. Bir­git Berta, wie? Ri­chard, sa­gen Sie?“.
Auch gab es auch ko­dierte Nach­rich­ten, wie im Krieg: „Anna An­ton Nord­pol Nord­pol An­ton. Ich wie­der­hole: An­ton Nord­pol Nord­pol Anton“?

Ich dachte mir schon, dass es sich ir­gend­wie um ein Ver­stän­di­gungs­pro­blem han­deln musste, aber ich wusste nicht wel­ches. Da ich mich nicht traute, den Sta­pel No­ti­zen mit all die­sen un­ver­ständ­li­chen Na­men auf dem Schreib­tisch mei­nes Chefs zu hin­ter­las­sen, ver­suchte ich es an­ders: „Eine Dame hat an­ge­ru­fen, ich habe ih­ren Na­men nicht ver­stan­den, aber ich habe ihre Num­mer no­tiert“. Manch­mal wagte ich ein schüch­ter­nes „Bir­git ir­gend­was?“. Und da mein Chef nickte „Ah Bir­git, sehr gut, danke“, schrieb ich schnell all mei­nen Zet­tel­ent­würfe ohne Ver­län­ge­rungs­na­men sau­ber nach, da­mit er nichts von mei­ner Ver­wir­rung mitbekam.

Zum Glück fand ich schnell her­aus, dass all diese Vor­na­men ge­nutzt wur­den, um den Na­men der Per­son zu buch­sta­bie­ren. Bir­git schreibt man B wie Berta, I wie Ida, usw.

Lei­der ist es un­mög­lich, ei­nen deut­schen Ge­sprächs­part­ner zu bit­ten, sei­nen Na­men zu wie­der­ho­len, ohne dass er gleich an­fängt, ihn zu buch­sta­bie­ren. „Kön­nen Sie das bitte wie­der­ho­len?“ „Berta Ida Rich…“; „Nein, ich meinte IHREN NAMEN, kön­nen Sie DEN wie­der­ho­len?“ Warum ver­ste­hen die Deut­schen nicht, dass es viel schlim­mer ist, zwölf exo­ti­sche Na­men zu hö­ren als nur einen?

Ei­nige Zeit spä­ter fiel mir dann auf, dass alle An­ru­fer die glei­chen Vor­na­men ver­wen­de­ten. Mit die­sem ko­mi­schen „Nord­pol“ da­zwi­schen. Wie konn­ten alle auf „Nord­pol“ ge­kom­men sein, um das „N“ zu buch­sta­bie­ren? Warum nicht „Nor­bert“ oder „Na­ta­scha“?

Re­si­gniert fragte ich dann schließ­lich doch mei­nen Chef. Er er­zählte mir, dass es sich um ein „Te­le­fo­n­alpha­bet“ han­delt, der als Re­fe­renz gilt, um Na­men zu buch­sta­bie­ren. Ei­nige Deut­sche be­herr­schen es ganz, die meis­ten ken­nen zu­min­dest die Wör­ter, die für die am häu­figs­ten be­nutz­ten Buch­sta­bie­ren gel­ten, wie „Nord­pol“ für das N.

Und wo­her ken­nen sie es? Un­ter an­de­rem aus der Fern­seh­sen­dung „das Glücks­rad“ (Das Spiel ken­nen wir auch in Frank­reich!): „Ich kaufe ein E wie Emil!“. Warum wird die­ses Al­pha­bet an­ge­wandt? Um das Ver­ste­hen kom­pli­zier­ter Wör­ter und Ei­gen­na­men am Te­le­fon zu er­leich­tern. Klar. Aber nicht so klar, wenn man nicht aus Deutsch­land kommt.

Ein Gast­bei­trag von Peps, der Fran­zö­sin in der Neu­stadt. Il­lus­tra­tio­nen: Jean-Pierre De­ru­el­les. Fort­set­zung folgt.

P.S. Das Te­le­fo­n­alpha­bet, auch Buch­sta­bier­ta­fel ge­nannt, be­her­bergt noch ei­nen zwei­ten Nicht-Na­men: "Q – wie Quelle".

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14 Ergänzungen

  1. @Peps

    WIE GEIL IST DAS DENN? MEHR DAVON!

    End­lich mal ein Licht­blick in die­sen trü­ben Zeiten.…..

    Grüße vom Balkon

  2. Sehr schön ge­schrie­ben und su­per in­ter­es­sant mal den Blick von „au­ßen“ zu be­kom­men. Bin ge­spannt wie es wei­ter geht…

  3. Der Nord­pol war üb­ri­gens vor­her ein "Na­than", aber Na­than und auch Sa­muel wa­ren nicht Deutsch ge­nug und wur­den des­halb er­setzt. Den Nord­pol buch­sta­bie­ren wir also erst seit knapp 90 Jah­ren. In die­sem Jahr tagt wohl eine Ex­per­ten­kom­mis­sion, die un­ser Buch­sta­bier­al­pha­bet über­ar­bei­te­ten will. Span­nend, wie selbst sol­che klei­nen Dinge po­li­tisch ge­prägt sind.

  4. "Auf kei­nen Fall möchte ich Ver­all­ge­mei­ne­run­gen ge­ne­rie­ren oder Kli­schees verewigen"

    Ich auch nicht. Da­her: Will­kom­men, Erzfeind! ;-)

  5. Sehr un­ter­halt­sam und witzig!
    Das Neu­stadt-Ge­flüs­ter wird im­mer besser!

    Mar­tha-An­ton-Ri­chard-Ida-Emil
    &
    Samuel-Theodor-Emil-Friedrich-Anton-Nordpol
    :)

  6. So sieht und hört man es sehr sel­ten. Ich hab mich ka­putt ge­lacht. Sehr span­nend, bin ge­spannt wie es weitergeht 

  7. Sehr wit­zig und er­fri­schend, ich bin ge­spannt auf Teil 2. Auch die Bil­der sind toll. Eine ta­len­tierte Familie!

  8. Chère Pe­rinne
    écrit aéré et lé­ger et charmant.
    J'ai hâte d'en sa­voir plus.
    Sa­lutati­ons Paul

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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