Wie Dresden zum Wasserklo kam

Um die Antwort gleich zu geben: durch Zwang! Diese Ungeheuerlichkeit teilte das Gewerkschaftsorgan Sachsenstimme seinen Lesern am 28. August 1904 mit. Und in der Residenz erhob sich kaum ein Sturm des Unverständnisses. Es gab zwar schon in einigen Hotels, in den Villen der betuchten Oberschicht und bei Königs diese moderne Art der Fäkalienabfuhr. Aber für den Rest, also die absolute Mehrheit der Dresdner, hieß es, zum Geschäft der hinterlistigen Zwecke das Plumpsklo im Hof aufsuchen, bei Tag und Nacht, bei Hitze, Regen, Sturm und strengem Frost.

Pilatus - Sachsenstimme - Sächsisches Sonntagsblatt - unter anderem Organ der sächsischen Gewerkvereine. Ausgabe von 1904.
Pilatus – Sachsenstimme – Sächsisches Sonntagsblatt – unter anderem Organ der sächsischen Gewerkvereine. Ausgabe von 1904.

Es stank zum Himmel

Die Sachsenstimme beschrieb die Situation so: „Auf viele Fremde machte es einen abschreckenden Eindruck, wenn ihnen nach Aufheben des Abortdeckels ein Schwarm ekliger Fliegen in das Gesicht schwirrte.“ Von den „edlen“ Düften ganz zu schweigen.
Und wie war um die Jahrhundertwende die Lage in Paris, dem Zentrum des europäischen Luxus, des feinen Geschmacks und der vornehmen Sitten? „In den Hotels gibt es nur ein Wasserklosett, das sogenannte ‚cabinet au siége‘. Die übrigen Aborte bestehen in Kammern, an deren hinterstem Winkel sich im Boden ein zementiertes Loch befindet“, so in der Zeitung beschrieben.

In der Historie hatte das sogenannte stille Örtchen einen großen Wandel hinter sich. Anfangs hockte man sich dahin, wo man gerade war. Dann gab es das sibirische Klo, bestehend aus zwei Stöcken: einen zum Festhalten, den anderen zum Wölfe verscheuchen. Die Römer hatten ein Massenabort für Kommunikation und Geschäfte aller Art. An mittelalterlichen Burgen waren die Aborte an der Außenmauer angebracht. Kreuzgefährlich, denn bei einer Belagerung konnte einem das Klo wörtlich unter dem Arsch weggeschossen werden. In den Städten kippte man den Unrat direkt auf die Straße und traf dabei des Morgens noch nicht wache Bürger. Und heute dient das Klo oft als einziger Rückzugsraum vom stressigen Alltag, wo man in Ruhe Mails checken, Zeitung oder ein Buch lesen oder einfach nur mal ungestört seinen Gedanken nachgehen kann. Es gibt zwar noch keine statistische Erhebung, aber ich vermute, dass in diesen Corona-Zeiten die Verweildauer auf dem stillen Örtchen erheblich zugenommen hat.

Aushang in einem WC um die Jahrhundertwende: Nach jedesmaligen Gebrauch ist das Kloset zu spülen, bei eintretendem Frost mit Salzwasser nachzuspülen und die Abortfenster geschlossen zu halten. Scheuerwässer, Asche usw. dürfen nicht eingeschüttet werden. Das Papier darf nicht größer sein als diese Tafel. Jede Unregelmä0ßigkeit im Funktionieren des Klosets ist dem Besitzer sofort anzuzeigen und wird jede Reparatur, die nicht auf natürliche Handhabung zurückzuführen ist, auf Kosten des Mieters gemacht werden. Der Besitzer.
Aushang in einem WC um die Jahrhundertwende: Nach jedesmaligen Gebrauch ist das Kloset zu spülen, bei eintretendem Frost mit Salzwasser nachzuspülen und die Abortfenster geschlossen zu halten. Scheuerwässer, Asche usw. dürfen nicht eingeschüttet werden. Das Papier darf nicht größer sein als diese Tafel. Jede Unregelmä0ßigkeit im Funktionieren des Klosets ist dem Besitzer sofort anzuzeigen und wird jede Reparatur, die nicht auf natürliche Handhabung zurückzuführen ist, auf Kosten des Mieters gemacht werden. Der Besitzer.

Und wie war das mit den menschlichen Hinterlassenschaften in der Dresdner Öffentlichkeit zu Zeiten des erhabenen Königreiches Sachsen? Die Herren der Schöpfung pinkelten ungeniert an Häuserwände. Oder wenn deren Hunde an den Bäumen für ihre Artgenossen flüssige Nachrichten hinterließen, „überschrieben“ ihre Herrchen diese mit kräftigem oder blubberndem Strahl. Noch im 19. Jahrhundert machte sich auch die „Gnädigste“ nichts daraus, es einfach im Stehen beim Betrachten der Schaufensterauslagen auf der Hauptstraße plätschern zu lassen. Für die „Großgeschäfte“ boten sich Büsche, die Elbwiesen und Hinterhöfe an.

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Wie wurde man der beißenden Gerüche Herr? Mit Parfüms und Duftwässerchen aller Art. Und da unser Riechorgan nicht so stark entwickelt ist, gewöhnte man sich an die penetranten Marken von Urin und Kot, die auch noch mit anderen körperlichen Ausdünstungen durchmischt waren.

Hygiene gegen Pandemien

Bis ins 18. Jahrhundert war die Pest die Geißel. Im 19. Jahrhundert schleppten die Engländer die Cholera aus Indien nach Europa ein, neben Pocken, Tuberkulose, Diphtherie. Mit verheerenden Folgen.

Das 20. Jahrhundert brachte die Spanische Grippe und die Varianten der Influenza. Das jetzige Jahrhundert beehrt uns gerade mit COVID 19. Als eine der wichtigsten Vorbeugungsmaßnahmen erwiesen sich in allen diesen Pandemien Hygiene, Kontaktbeschränkungen und Sauberkeit.

Das erkannte man auch im 19. Jahrhundert im Rat der Stadt. Bis zur Mitte dieses Zeitabschnittes hatte jedes Haus seine abflusslosen Abortgruben im Hof. Diese wurden dann von speziellen Unternehmen bei einem bestimmten Füllstand in Holzfässern von Hand ausgeschöpft. Das Ganze kippte man dann einfach in die Elbe.

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Dann gab es Erleichterung, was das „Duftende“ betraf. „Statt der Abortgruben werden die Abfall- und menschlichen Kotmassen direkt in die unterirdischen Kanäle auf der Straße geleitet, wo sie sich mit den sonstigen Kanalinhalten (wie Regen- und Haushaltswasser) verdünnen. Die Straßenkanäle vereinigen sich bekanntlich zu Hauptkanälen, die bis jetzt direkt rechtwinklig in die Elbe münden. Es gibt deren 35“, so in der Sachsenstimme zu lesen.

Da kann man erahnen, dass die Kultur- und Kunststadt mit einem irren Duft des Menschlichen durchzogen war.

Klosett-Regeln
Klosett-Regeln

Erste ökologische Maßnahmen

Ende August 1904 bestätigte endlich das Königliche Gesamtministerium die Einführung der Schwemmkanalisation in Dresden. Diese Anlage gibt es in weiten Teilen noch heute. Das neue an dieser Konstruktion: gleichlaufend mit der Elbe wurden an beiden Ufern große Abfangkanäle gebaut, in die die 35 bestehenden Kanäle einmündeten. Die Abfangkanäle sind fast drei Meter hoch und haben ein haubenförmiges Profil.

Am Endpunkt der Altstädter Seite ging der ganze Cocktail nicht etwa in die Elbe. Es wurden erste Umweltschutzmaßnahmen eingebaut. Zwei eiserne Röhren führten unter der Elbe auf die Neustädter Seite, wo sich diese Röhren mit den Ausflüssen der Neustädter Häuser und Straßen vereinigten und in eine Reinigungsstation in Übigau überführt wurden. Dort erfolgte eine mechanische Reinigung. Das so gefilterte Abwasser wurde in einer speziellen Röhre mit Pumpen unterhalb von Übigau, gegenüber der Mündung des Schonerbachs, auf dem Grund der Elbe dem Fluss übergeben. Bei Hochwasser drückte eine Pumpstation das Kanalwasser in die Elbe.

Die alten Einflüsse der 35 Kanäle von rechts und links der Elbe wurden später gebündelt und für Regenwasser in einem wehrartigen Vorbau gestaut. Erst 2019 wurde dieser Vorbau neu konzipiert. Trotzdem flossen noch viele Fäkalien und andere Schadstoffe jahrzehntelang in die Elbe.

Die Folgen

Nach 1904 konnte der Rat der Stadt endlich dem Gestank zu Leibe rücken und den Unsitten des öffentlichen Pinkelns und Scheißens rigoros entgegentreten. Eine neue Aufgabe für die Behörden und die Polizei. Eine Aufgabe, die auch heute noch aktuell ist. Und ein Kulturfortschritt allemal, wie die Zeitungen damals einhellig bemerkten.

Die Stadt wurde überzogen mit öffentlichen Toiletten. Die Klos in den Häusern waren kein Hort des Dauergestanks mehr, jedenfalls in Abhängigkeit vom Inhalt des zuvor individuell Gegessenen. Die Kanalisationen auf den Straßen rochen nur noch bei Wetterumschwung, wie die Alten zu sagen pflegten. Aber Baden in der Elbe? Wurde nicht besser, auf Grund der zunehmenden Industrieabwässer und der landwirtschaftlichen Düngungen.

Zukünftig geht es darum, mit neuen wissenschaftlichen und technischen Lösungen Pisse, Scheiße und Industrieabfälle in einen Rohstoffkreislauf zu überführen. Und dann wird aus Scheiße wirklich Gold.

Der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb hat die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universtätsbibliothek durchstöbert. In loser Folge berichten wir über geschichtliche oder gesellschaftliche Ereignisse in der Neustadt.

8 Kommentare zu “Wie Dresden zum Wasserklo kam

  1. Na, da lässt sich doch aber noch mehr erzählen. Was ist denn mit dem gläsernen WC am Dr Külz Ring, das hat doch eine Bedeutung diesbezüglich? Wann und wo wurde das erste WC in Dresden installiert, was sagten die Leute dazu? Waren wir damals Vorreiter oder eher Nachzügler? Wo gibt es heute noch Außenklos, sind einfache Fall-Aborte (aka Plumpsklos) überhaupt noch legal? Immerhin dauerte es bis in die 1980er, dass alle Dresdner ein Innenklo mit WC nutzen konnten, und die heute so verrufenen Platten am Stadtrand waren damals das ersehnte Paradies für viele. Es ist ein spannendes Thema, bitte dranbleiben!

  2. @Jenny: Interessanterweise empfand man die Innen-Klos in den Plattenbauten als Fortschritt, während früher die Toilette außerhalb der Wohnung angelegt war, um den Geruch fern zu halten. Als ich Anfang der 1990er Jahre in einen unsanierten Altbau auf der Königsbrücker zog, hatte ich dort nicht nur den Luxus eines Badeofens mit Badewanne, sondern jede Wohnung hatte eine eigene Toilette auf der gleichen Etage, aber außerhalb der Wohnung. Ich hoffe, Dein Kommentar ist dem Herrn Kulb Anspruch, da nochmal nachzuhaken. Schließlich sollte man auch das legendäre Protestklo nicht vergessen.

  3. @jens : …….. den Fäkalienbottich von Hand ausgeschöpft… gruselig
    ….gibt es heute noch in Indien….erledigt die unterste Kaste—die sogenannten „Unreinen“…..

    grussi……

  4. „Die Herren der Schöpfung pinkelten ungeniert an Häuserwände.“Noch im 19. Jahrhundert machte sich auch die „Gnädigste“ nichts daraus, es einfach im Stehen beim Betrachten der Schaufensterauslagen auf der Hauptstraße plätschern zu lassen.

    Das klingt ein bisschen abenteuerlich. Gibt es da Quellen?

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

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