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Frühsommer 1945 (Teil 1)

Heute, im Früh­som­mer 2020, reden wir, bedingt durch einen klit­ze­klei­nen Virus, vom Beginn der größ­ten Krise seit dem Zwei­ten Welt­krieg. Ver­set­zen wir uns ein­mal 75 Jahre zurück in das Dres­den der Zeit vom Mai bis zum Juli 1945, die­ser gro­ßen Zeit der Ein­schnitte in alle Lebens­be­rei­che der Bewoh­ner in unse­rer Stadt. Zer­bombte Stadt­vier­tel, 25.000 Tote im Februar 1945, hun­gernde Men­schen, im Krieg ver­lo­rene Män­ner, zer­störte Infra­struk­tur, am Boden lie­gende Wirt­schaft, eine auf den Men­schen las­tende Kriegs­schuld und Ver­bre­chen der Herr­schen­den des Drit­ten Rei­ches, Unsi­cher­heit über­all. Die fol­gen­schwere Nazi-Dik­ta­tur endete und die nächste Dik­ta­tur wird still und leise vor­be­rei­tet – Dres­den im Früh­som­mer 1945.

Marienbrücke 1945 - Foto Tageszeitung Dresden
Mari­en­brü­cke 1945 – Foto Tages­zei­tung Dresden
Das Gebäude Bautz­ner Straße Nr. 2 wurde in der zwei­ten Mai­wo­che 1945 stark fre­quen­tiert. An der Straße park­ten sowje­ti­sche Mili­tär­fahr­zeuge und requi­rierte deut­sche Autos. Meis­tens Män­ner, aber auch Frauen in Uni­form und Zivil kamen und gin­gen. Ein Gene­ra­tor der Sowjet­ar­mee wurde instal­liert. Noch funk­tio­nierte keine Strom­ver­sor­gung in der Stadt. Die Über­land­strom­lei­tun­gen waren zer­stört und das Kraft­werk Mitte am Wet­ti­ner Platz war noch nicht arbeitsfähig.

Die erste Zeitung erschien

Im Haus Nr. 2 (Villa Ecke Bautzner/​Glacisstraße; heute ein Restau­rant) hatte sich die Redak­tion der ers­ten Zei­tung nach der Kapi­tu­la­tion der Deut­schen Wehr­macht in Sach­sen ein­quar­tiert. Der Blick nach drau­ßen fiel auf die Ruine des Albert­thea­ters und auf das fri­sche Früh­lings­grün rund um den Albert­platz. Wel­cher Kon­trast. Ganz unspek­ta­ku­lär nannte sich das neue Blatt Tages­zei­tung für die deut­sche Bevöl­ke­rung. Im Selbst­ver­ständ­nis der Redak­tion und damit der Armee­füh­rung hieß es: Auf­klä­rungs­blatt der Roten Armee. Die Papier­qua­li­tät ließ zu wün­schen übrig. Aber dadurch bekam sie einen wei­te­ren Ver­wen­dungs­zweck, nach­dem sie aus­ge­le­sen war – Klopapier.

Am 22. Mai, einem Diens­tag, war es soweit. Die Tages­zei­tung erblickte das ‚Licht der Stadt und Ostsach­sens‘ und erschien bis zum 1. August 1945 von Diens­tag bis Sonn­tag. Neben den Infor­ma­tio­nen für die Bevöl­ke­rung zur Lebens­mit­tel­ver­sor­gung, zur Gestal­tung des städ­ti­schen Lebens, stand vor allem die posi­tive Rolle und das Eigen­bild der Sowjet­union und der Roten Armee bei der Nie­der­schla­gung Nazi-Deutsch­lands und der Wie­der­auf­bau in den Sowjet­re­pu­bli­ken im Mit­tel­punkt. Es wim­melte von ‚blü­hen­den Land­schaf­ten und Erfol­gen beim Auf­bau des Sozialismus‘.

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Es galt, in der deut­schen Bevöl­ke­rung ein posi­ti­ves Image der Besat­zungs­macht zu eta­blie­ren. Zudem wur­den in redak­tio­nel­len Arti­keln und in Bil­dern der Dank der deut­schen Bevöl­ke­rung für die Befrei­ung, für die Orga­ni­sa­tion des Nach­kriegs­le­bens und die Freund­schaft der Sowjet­ar­mee mit ihr her­vor­ge­ho­ben. Kri­tik gab es auch: an die vie­len klei­nen Mit­läu­fer-Pg., den Par­tei­ge­nos­sen der NSDAP, an Hams­te­rer und Indi­vi­dua­lis­ten, an Bau­ern, die Getreide, Fleisch und Lebens­mit­tel ver­scho­ben und ihre Höfe mit Tep­pi­chen, Geschirr, Haus­halts­wä­sche, Radio­ge­rä­ten neu aus­stat­te­ten. Der Schwarz­markt blühte.

Die Stadtverwaltung zog in die Neustadt

In der Melan­chthon­straße 9 (heute Berufs­schul­zen­trum) ließ sie sich nie­der. Als Ober­bür­ger­meis­ter Dres­dens wurde mit Bekannt­gabe am 24. Mai 1945 in der Tages­zei­tung Rudolf Fried­richs vom Orts­kom­man­dan­ten der Roten Armee beru­fen. Es war ein schwie­ri­ger Akt für ihn, da viele ehe­ma­li­gen Mit­ar­bei­ter Dres­den ver­las­sen hat­ten, Akten ver­brannt waren, Sach­kunde ver­lo­ren ging.

Zu bemer­ken sei, dass als Stadt­rat für den Bereich Per­so­nal Her­mann Matern beru­fen wurde. Er war Mit­glied der soge­nann­ten ‚Gruppe Ulb­richt‘ der KPD, die mit der Roten Armee und unter deren Schutz in den ers­ten Tagen ihres Ein­mar­sches in deren Besat­zungs­zone aktiv wurde (ohne Nen­nung der Par­tei­zu­ge­hö­rig­keit, Par­teien waren noch nicht erlaubt). Er betei­ligte sich am Ver­wal­tungs­auf­bau. Herr Stadt­rat Her­mann Matern (wie er in der Tages­zei­tung bezeich­net wurde) war u.a. für die Rei­ni­gung des Stadt­ap­pa­ra­tes von Nazis und Kol­la­bo­ra­teu­ren zustän­dig. Außer­dem war er Augen und Ohren und der Ein­flüs­te­rer der Mili­tär­kom­man­dan­tur im Stadt­rat, nach der Devise von Wal­ter Ulb­richt: „Es muss alles schön demo­kra­tisch aussehen.“ 

Bahnhof Neustadt 1945 - Foto Tageszeitung Dresden
Bahn­hof Neu­stadt 1945 – Foto Tages­zei­tung Dresden

Ein Sonntag in der Trümmerstadt

Der 29. Mai war laut Tages­zei­tung ein herr­li­cher Sonn­tag mit fast wol­ken­lo­sem Him­mel. Die Stra­ßen­bahn­li­nie 11, die als eine der ers­ten Linien nach Kriegs­ende zwi­schen Bühlau und Bahn­hof Neu­stadt den Betrieb wie­der auf­nahm, beför­derte am Vor­mit­tag viele Men­schen an den Stadt­rand, ins Grüne. „Als Sol­da­ten der Roten Armee ein­stei­gen und dem Schaff­ner das Fahr­geld hin­hal­ten, winkt er ab. ‚Net Bil­leti für Kras­noja Armia‘“, so zu lesen. „Die Stra­ßen­bahn bringt die Dresd­ner hin­aus in ihre Gär­ten. Die Dresd­ner wis­sen, dass es jetzt gilt, auch das kleinste Stück Boden zu nüt­zen.“ Andere bum­mel­ten der­weil am Königs­ufer ent­lang der Elbe im Ange­sicht der zer­bomb­ten Alt­stadt auf der ande­ren Seite.

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Drei Wochen nach Kriegs­ende begann ganz lang­sam ein zar­tes Pflänz­chen des Neu­be­ginns zu wach­sen. „Die Men­schen freuen sich des freien Tages“, hieß es in besag­ter Zei­tung. „Frei­lich gibt es noch nicht die Sonn­tags­ver­gnü­gen von frü­her. … Da hat zum Bei­spiel ein Büro Pla­kate ange­bracht, in denen es alle Artis­ten und Varie­té­künst­ler, die sofort arbei­ten kön­nen, zur Mel­dung auf­ruft. Vor der geöff­ne­ten Schau­burg und ande­ren Film­thea­tern wim­melt es von Menschen.“

Wei­ter hieß es: „Sicher, Dres­den ist vor­nehm­lich noch eine Stadt der Frauen. So hört man oft­mals die Frage auf­klin­gen, wann kom­men unsere Män­ner wie­der? Es ist ein hoff­nungs­vol­les Fra­gen, denn heute wis­sen die Frauen, dass die deut­schen Sol­da­ten aus sowje­ti­scher Kriegs­ge­fan­gen­schaft heim­keh­ren wer­den.“ Die­ser Opti­mis­mus war lei­der auch Propaganda.

Dafür wur­den die Rot­ar­mis­ten im Stadt­bild posi­tiv insze­niert. Da war das rus­si­sche Mäd­chen in Uni­form, das „mit zwei Fähn­chen exakt und stramm mit freund­lich blit­zen­den Augen den Ver­kehr am Albert­platz regelt. Da ist eine rus­si­sche Patrouille zu Pferd – ein männ­lich schö­nes Bild. Hier nimmt ein Rot­ar­mist scher­zend ein deut­sches Kind auf den Arm und ein Lachen hilft über das ‚Nix ponemai.“

Unter der Rubrik “Früh­som­mer 45” ver­öf­fent­li­chen wir in loser Rei­hen­folge Anek­do­ten aus dem Leben, Han­deln und Den­ken aus der Zeit kurz nach dem Zwei­ten Welt­krieg. Dafür hat der Dresd­ner Schrift­stel­ler und Jour­na­list Heinz Kulb die Zei­tungs­ar­chive in der Säch­si­schen Lan­des- und Uni­ver­stäts­bi­blio­thek durchstöbert.

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