Frühsommer 1945 (Teil 2)

Heute, im Frühsommer 2020, reden wir, bedingt durch einen Virus, vom Beginn der größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Versetzen wir uns einmal zurück in das Dresden vom Mai bis zum Juli 1945, dieser Zeit der Einschnitte in alle Lebensbereiche der Bewohner unserer Stadt. Zerbombte Stadtviertel, tausende Tote, hungernde Menschen, im Krieg verlorene Männer, zerstörte Infrastruktur, Wirtschaft am Boden, eine auf den Menschen lastende Kriegsschuld und Verbrechen der Herrschenden des Dritten Reiches, Unsicherheit überall. Die folgenschwere Nazi-Diktatur endete und die nächste Diktatur wird still und leise vorbereitet.

Titelseite der Tageszeitung für die deutsche Bevölkerung
Titelseite der Tageszeitung für die deutsche Bevölkerung

Zum Sattwerden zu wenig

Hunger machte sich breit. Die Stadtverwaltung und die Rote Armee bemühten sich für die schwer geschundene Stadt, für die leidgeprüfte Bevölkerung, für die vielen Kinder und die ständig eintreffenden Flüchtlinge Mehl, Fleisch, Milch, Gemüse herbeizuschaffen. Ein Unterfangen, das Organisationstalent und auch harte Maßnahmen erforderte. Eine davon war der Transport der lebensnotwendigen Güter. Es fehlte an Fahrzeugen.

Am 7. Juni erließ die Stadtverwaltung auf der Melanchthonstraße eine Verordnung, nach der alle n i c h t fahrbereiten PKW, LKW, Zugmaschinen, Anhänger, Elektrokarren beschlagnahmt wurden. Die Spediteure und Fuhrunternehmer mussten für deren Heranschaffung ihre Mitarbeiter bereitstellen und die Kfz-Werkstätten diese dann, ebenfalls unentgeltlich, reparieren. Was wegen fehlender Ersatzteile, Reifen, Motoren auch nicht einfach war.

Seit dem 22. Mai 1945 galten folgende tägliche Lebensmittelrationen. Ein Auszug: Arbeitern standen da 400 g Brot, Angestellten 300g und Kindern 250g zur Verfügung. Auf dem Papier der Verordnung wohlgemerkt. Bei Fleisch waren das 40g, 35g und 25 g. Bei Hülsenfrüchten und Graupen waren das 30g, 20g und 20g, und, extra aufgeführt, für sogenannte nichtarbeitende Familienmitglieder (z.B. Rentner) waren das ganze 15g. Fette, also Butter, Margarine, Schmalz gab es 15g für Arbeiter, 10g für Angestellte, 20g für Kinder und 7g für nichtarbeitende Familienmitglieder. Bei Zucker in der jeweils verfügbaren Form gab es für Schwerarbeiter und Kinder 25g, für Arbeiter und Angestellte 20g und für die übrige Bevölkerung 15g. Kartoffeln gab es pro Kopf bis Ende Mai einmalig 500g. Kaffeeersatz (kein Bohnenkaffee!) gab es 100g und Salz 400g. Beides pro Monat (!) gerechnet.

Davon sollten die Menschen satt werden. Was Wunder, dass Schwarzmarkt und Hamsterei blühten. Aber irgendwann gab es immer weniger zum Tauschen. Und die immer noch gültige Reichsmark verlor inflationär ihren Wert.

Da war es dann doch schon eine gute Nachricht, die die Tageszeitung am 7. Juni 1945 aus dem Ernährungsamt der Stadt verkündete: In den ‚nächsten Tagen‘ sei mit einer Abgabe von 62,5 Gramm Sauermilchkäse pro Kopf zu rechnen. Natürlich nach und nach, je nach Anfuhr.

Arbeitskräfte für die Trümmerbeseitigung

Trümmerfrauen in Dresden. Beschriftung seinerzeit: Die lustigen 19 vor Beginn der Arbeit. Foto: Tageszeitung/Gössel
Trümmerfrauen in Dresden. Beschriftung seinerzeit: Die lustigen 19 vor Beginn der Arbeit. Foto: Tageszeitung/Gössel
Nein, es waren keine fröhlichen und freiwilligen Aktionen der sogenannten Trümmerfrauen. Auch wenn ihnen vor dem Rathaus später ein Denkmal geschaffen wurde und die Tageszeitung
lachende Frauen vor Trümmerbergen propagandistisch präsentierte.

Wer sich nicht an der Beseitigung der Trümmerberge beteiligte, erhielt auch keine Lebensmittelkarten. Und ohne Lebensmittelkarten verhungerte man. Noch Ende Mai wurden Arbeiter und Angestellte, ganz gleich ob Männer, Frauen und Jugendliche, die sich auf dem Weg zu ihrer regulären Arbeit in noch vorhandenen Betrieben, Werkstätten des Handwerks oder Büros und Einkaufsläden befanden, morgens von Soldaten der Roten Armee weggefangen. Ihnen wurde eine Schaufel in die Hände gedrückt.

Neues Arbeitsamt

Ein neues Arbeitsamt musste erst aufgebaut werden. Die Unterlagen des alten Amtes waren verschwunden oder verbrannt oder als letzter Akt des Naziregimes vernichtet. Nachdem mühsam eine gewisse Ordnung geschaffen wurde, fehlten dann etwa 8.000 Arbeitskräfte in Dresden. In der Tageszeitung vom 7. Juli 1945 war zu lesen: „Wenn heute etwa die Reichsbahn 300 Pg´s (ehemalige Mitglieder der NSDAP) aus Gründen politischer Säuberung entlässt, so werden diese ohne Verzug mit Hacke und Schaufel bei den Privatfirmen eingesetzt, die an der Wiederherstellung der Reichsbahnanlagen arbeiten… Alle Werktagsarbeit (Montag bis Samstag) regelt das Arbeitsamt. Nur die Sonntagseinsätze der ehemaligen Nazis erfolgen durch die Antifa-Ausschüsse.“ In den Straßenbahnen gab es den Werbetext: „Nehmt die Schaufel in die Hand, nur die Arbeit hilft dem Land.“

Das kulturelle Leben erwachte als erstes in der Schauburg

Am Freitag, den 1. Juni, 19 Uhr, drang fröhliches Lachen aus der Schauburg. Der Andrang war, wie der Hunger nach Geselligkeit und Zerstreuung, groß. Die Schauburg öffnete nach der langen Schließung endlich ihre Pforten für das neue „Volks-Varieté“, wie die Tageszeitung schrieb. „Im Zuge des Wiederaufbaus, zu Beginn neuen impulsierenden Lebens, konnte mit der außerordentlichen Unterstützung des Herrn Stadtkommandanten und der neuen Stadtverwaltung das erste Artistenprogramm in kürzester Zeit zusammengestellt werden.“

Einen Tag später folgte der Faunpalast in der Leipziger Straße. Dort präsentierte das Gastspielunternehmen Hans Graell die bei den Dresdnern beliebten Künstler aus dem zerstörten Central-Theater (es befand sich in der Altstadt an der Waisenhausstraße), wie die Revuekomiker Hans Kiefer und Hans Hansen, den in Vorkriegszeiten viel belachten Onkel Felix alias Rudi Schiemann, die Solotänzerin Inge Kaßner, die Sopranistin Heidi Kaiser, die Artisten ‚Zwei Athenos‘ und 11 Mann der Kapelle ‚Göschl-Pfund‘.

Wissenschaftler, Ärzte, verdienstvolle Künstler, hohe Geistliche und leitende Personen der Stadt- und Bezirksverwaltung (eine Landesverwaltung gab es Anfang Juni noch nicht) erhielten übrigens sämtliche Lebensmittel nach der Schwerarbeiternorm. Das waren in der Regel 10 % mehr als die oben aufgeführten Rationen für Arbeiter. Lehrer erhielten Lebensmittelkarten nach der Norm für Arbeiter.

Unter der Rubrik „Frühsommer 45“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken aus der Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Dafür hat der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universtätsbibliothek durchstöbert.

2 Kommentare zu “Frühsommer 1945 (Teil 2)

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