Der verdeckte Killer (Teil 4)

Die Spanische Grippe in Dresden 1918 bis 1920

Corona hat uns heute im Griff. Vor 100 Jahren gab es Ähnliches: die „Spanische Grippe“. Zwischen 25 und 50 Millionen Todesopfer forderte sie weltweit, mehr als der Erste Weltkrieg mit seinen 17 Millionen Toten.

In mehreren Folgen möchte ich die Wirkungen der Pandemie zwischen Krieg und Revolution, zwischen Hunger und Tanz auf dem Vulkan in den gesellschaftlichen Schichten darstellen. Sie werden staunen, welche Parallelen es zur Pandemie 2020 gibt.

Es herrschte Krieg. Die Nahrungsgüter in der Heimat wurden knapp. Selbst die Rationierungen konnten sehr oft nicht abgedeckt werden. Man hungerte und fror in weiten Bevölkerungskreisen. Alle Altersgruppen waren gesundheitlich geschwächt. Vor allem an der Westfront starben in der ersten Welle im Frühsommer und in der zweiten Welle im Herbst 1918 wöchentlich tausende Soldaten.

Propaganda auf allen Seiten

Eine Frage trieb die Propagandaverantwortlichen der sich feindlich gegenüberstehenden Heere der Mittelmächte und der Entende um: Wer ist für diese „Wehrkraftzersetzung“ verantwortlich? In medizinischen Schriften wurde übrigens schon 1918 von Viren geredet, aber nicht im heutigen Sinne, sondern als „Krankheitserreger“ oder „Gift“. Der echte Influenza-Virus wurde aber erst 1933 entdeckt.

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Spätere Untersuchungen der Spanischen Grippe sahen einen möglichen Ausgangspunkt in China oder in Frankreich und einen höchst wahrscheinlichen in den USA. Mit deren Eintritt in den Ersten Weltkrieg schleppten die Soldaten höchst wahrscheinlich den Virus auf die Schlachtfelder in Europa, von wo aus er sich über den ganzen Kontinent verbreitete.

Polizisten in Seatle mit Masken im Dezember 1918
Polizisten in Seatle mit Masken im Dezember 1918

Die Deutschen sind schuld

Eine 1918 weit verbreitete Hypothese und Verschwörungstheorie war, dass die Grippe durch spanische Konservendosen in die Armeen der Westalliierten der Entende gebracht wurde. Diese Dosen seien von den Deutschen vergiftet worden, nachdem deren Geheimdienste die spanischen Konservenfabriken unter ihre Kontrolle gebracht hätten. Amerikanische Pressevertreter „vermuteten“ zudem, dass der Verzehr von Fisch, welcher ebenso durch die Deutschen vergiftet war, ein Auslöser der Epidemie gewesen sei. Der damalige Leiter der US-Gesundheitsbehörde, Philip Doane, gab im September 1918 ganz offiziell folgendes der Welt kund: „Für deutsche Agenten wäre es ganz einfach, den Krankheitserreger in einem Theater oder einem anderen Ort, wo viele Menschen versammelt sind, freizusetzen. Die Deutschen haben Epidemien in Europa gestartet. Es gibt keinen Grund, warum sie mit Amerika behutsamer umgehen sollten.“ (siehe: Influenza 1918 in the United States bei pbs.org)

Natürlich „schoss“ die Gegenseite, die Deutschen also, in diesem Propagandakrieg zurück. Sie verbreiteten die Fake-News, dass die Krankheit im berüchtigten US-Gefängnis Sing Sing ausgebrochen und von amerikanischen Soldaten nach Europa geschleppt worden sei. Und von den dortigen Schützengräben, in denen die Soldaten unter freiem Himmel schliefen, hätte der Tau, der diese Spanische-Grippe-Bazillen dann enthielt, die Armeen der Mittelmächte angesteckt. Und ganz verworrene Verschwörungstheoretiker gab es damals auch. Sie machte kosmische Einflüsse auf das Leben auf Erden als Ursache aus.

Kontakte meiden und auf Hygiene achten

Das erkannten die Mediziner schon sehr frühzeitig. Sie rieten in weltweiter, Kriegsparteien und Ideologien übergreifender Einheit zu: Menschenmengen meiden; Mund, Haut und Kleider reinlich halten; Hände oft mit Seife waschen, vor allem vor dem Essen; Wohnungen gut lüften; Ansammlungen von Verdauungsprodukten im Körper vermeiden, indem man morgens nüchtern zwei Glas Wasser trinkt und dann das Klo aufsucht; kein von anderen zuvor benutztes Besteck, keine Handtücher und Servietten ohne Reinigung wieder benutzen. In einigen Städten wurde sogar das Tragen von Mundschutz zur Pflicht. Es galt dort der Slogan: „Lieber lächerlich als tot“. New York stellte das Spucken auf der Straße unter Strafe. Des Weiteren sollten Kleidung und Schuhe nicht zu eng sein. Auf das Tragen von Handschuhen möge man verzichten.

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Und der Schnitter hielt reichlich Ernte

In Dresden wurden durch die Presse ähnliche Regeln verbreitet. Außer diesen Ratschlägen gab es hierzulande aber keine wirksamen medizinischen Gegenmittel, keinen Impfstoff. Wie auch. Der Verursacher, ein spezieller Virus, war noch nicht einmal entdeckt. Man glaubte zudem, dass es ein Bazillus sei, der die Krankheiten und schnellen Tode verursachte.

Da war das Feld wie gemacht für allerlei Experten und obskure Ärzte, die allerhand Mittelchen und Methoden unters unwissende und ängstliche Volk mit Hilfe der hiesigen Presse gewinnträchtig bringen wollten. Die Dresdner Neuesten Nachrichten empfahlen ein bakteriologisches Schutzmittel zur Vermeidung von Folgen der Spanischen Grippe. Ein Dr. Kling aus Stockholm entwickelte das Verfahren, das mehrmalige Einspritzen von Mitteln gegen Typhus und Cholera unter die Haut vorsah. Die Dresdner Nachrichten wiederum empfahlen dagegen eine „tägliche Desinfizierung der Mund- und Nasenhöhle mit feinpulverisierter Borsäure oder Salizylsäure sowie das Gurgeln mit schwachen Hypermanganlösungen“.

In derselben Zeitung wurde ein Professor Loew aus München zitiert, der die Ursache der Spanischen Grippe im Mangel an Kalk sah. Er empfahl: „Man kauft in der Apotheke 100 Gramm kristallisiertes Calciumchlorat, löst es in 6 Liter Wasser auf und nimmt davon zu jeder Mahlzeit zwei Esslöffel voll, Kinder die Hälfte. … Man kann das Calcium-Wasser auch in die Suppe, in den Kaffee nehmen. … Auf diese Weise erhält der Körper täglich 1 Gramm Kalk und damit werden die weißen Blutkörperchen in den Stand versetzt, ihre Abwehrtätigkeit gegen alle eindringenden Bakterien voll zu erfüllen; im kalkarmen Körper versagt diese Tätigkeit.“

Trotzdem starben immer mehr Menschen, waren die Ärzte total überlastet und die Krankenhäuser überfüllt. Die Wirtschaft sank danieder. Straßenbahnen und Züge verkehrten in immer größeren Takten, da die Fahrer und Schaffner reihenweise ausfielen. Fabriken reduzierten die Produktion, der Handel schloss früher am Tag und die Elektrizität wurde zugeteilt. Telefongespräche wurde auf militärische und nur dringende private Angelegenheiten beschränkt.

Am 19. Oktober 1918 schlossen durch Anordnung des Bezirksarztes in Dresden alle Schulen und Kindereinrichtungen, nachdem zuvor schon ganze Klassen in Quarantäne geschickt wurden.

Die Spanische Grippe erreichte den Höhepunkt der zweiten Welle in der sächsischen Residenz.

Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür hat der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universtätsbibliothek durchstöbert.

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

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