Der verdeckte Killer (Teil 3)

Die Spanische Grippe in Dresden 1918 bis 1920

Corona hat uns heute im Griff. Vor 100 Jahren gab es Ähnliches: die „Spanische Grippe“. Zwischen 25 und 50 Millionen Todesopfer forderte sie weltweit, mehr als der Erste Weltkrieg mit seinen 17 Millionen Toten. In mehreren Folgen möchte ich die Wirkungen der Pandemie zwischen Krieg und Revolution, zwischen Hunger und Tanz auf dem Vulkan in den gesellschaftlichen Schichten darstellen. Sie werden staunen, welche Parallelen es zur Pandemie 2020 gibt.

Heute, im Mai 2020, diskutieren die Experten darüber, ob es eine zweite oder gar dritte Corona-Welle geben werde. Anfang Oktober 1918 bedurfte es keiner Diskussion. Über den Sommer dieses Kriegsjahres verbreitete sich die Spanische Grippe über den gesamten Kontinent.

Und wieder trat sie in den Kriegsgebieten der Westfront zu Tage, diesmal mit einer Brachialgewalt ohne Gleichen. Mutiert und gestärkt. In Frankreich wurden ganze Familien dahingerafft, ganze Dörfer ausgelöscht. Allein Mailand zählte Anfang Oktober 1918 etwa 70.000 Grippekranke. Täglich sterben 100 bis 200 Menschen aus allen Altersgruppen.

Der Sieg im Krieg steht kurz bevor

Am 5. Oktober 1918 tritt die Mehrheits-SPD in die Reichsregierung ein und faselt von einer Friedensregierung und der Umwandlung des Ständestaates in einen Volksstaat. Die sozialdemokratische Dresdner Volkszeitung schwenkt auf die Reichspropaganda-Kriegsberichtserstattung mit ihren Euphemismen um. „Auf dem Schlachtfelde zwischen Cambrai und St. Quentin nahmen wir rückwärtige Stellungen ein. … In der Champagne wurden feindliche Teilangriffe beiderseits von St. Etienne abgewiesen.“

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Und die Grippe? Welche Grippe? Diese fand erstmal nicht in Deutschland und schon gar nicht in Sachsen oder Dresden statt. Und die Soldaten an der Front waren sowieso immun. Wenn da nur nicht die Todesanzeigen in den Dresdner Zeitungen wären, wo verbrämt von Lungenkrankheiten oder nach kurzem Leiden, nach kurzer schwerer Krankheit gesprochen wurde. Man starb lieber den Heldentod fürs Vaterland auf dem Feld der Ehre.

Und die nationalliberale Dresdner Neuesten Nachrichten berichtete heroisch über einen Dresdner Lehrer aus der Neustadt, Vizefeldwebel im Felde und Träger des Eisernen Kreuzes 1. Klasse. Bei schweren Kämpfen in einem französischen Dorf griff der Feind plötzlich seine Kompanie im Rücken an. Dabei wurde der Zugführer des Lehrers schwer verletzt. Entschlossen übernahm der Vizefeldwebel das Kommando. Beherzt dreht er das Maschinengewehr auf den Feind in seinem Rücken und verhinderte somit, dass dieser das Dorf erobern konnte. Majestät werden darauf einen getrunken haben.

Die Spanische Grippe ist wieder da

Am 8. Oktober 1918 kam auch die Dresdner Volkszeitung nicht umhin, die neue Anwesenheit der Grippe zuzugeben. „Zwar sei die Anzahl der Betroffenen bei weitem nicht so hoch wie im Mai und Juni, dafür tritt sie aber in gefährlicherer Form auf“. Zum üblichen Husten und Naselaufen „trete verstärkt Lungenentzündung mit meist tödlichem Verlauf auf“. Trotzdem gäbe es noch keinen Anlass zur Besorgnis.

Aus dem nahen Freiberg wurde indes berichtet, dass in einigen Fällen die Erkrankung schon nach wenigen Stunden zum Tod führte.

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Am 12. Oktober 1918 schrieben die Dresdner Nachrichten in einem inzwischen umfangreicheren Artikel, dass „sich die Grippe auch in Dresden weiter ausbreitet, … sind doch in einigen Schulklassen verhältnismäßig viele Schüler erkrankt. … Die Zahl der in die Krankenhäuser eingelieferten Grippeerkrankten nimmt gleichfalls zu, und dazu kommt, dass diesen Anstalten Schwierigkeiten dadurch entstehen, dass das Personal selbst unter der Krankheit zu leiden hat.“

Und natürlich müsse sich die Bevölkerung auch selbst schützen. Man empfahl den Leuten, die sich nicht wohl fühlten oder gar Fieber bekämen, ein paar Tage im Bett zu bleiben. „Dadurch kann vielfach einem Bösartigwerden der Grippe vorgebeugt werden. Vor allem beuge das Zuhausebleiben einer Verbreitung der Krankheit vor. Dies gelte besonders für unpässliche Schulkinder.“

Der damals sehr bekannte österreichische Bakteriologe (Virologen gab es damals nicht, weil Viren noch nicht entdeckt waren) Professor Dr. Ghon sagte folgendes aus: „Lungenentzündung und Rippenfellentzündung wurden der normalen Influenza aufgepfropft. Gerade diese Komplikationen sind es, die den tödlichen Verlauf verursachen. … Die Krankheit ist überaus ansteckend und wird von Mensch zu Mensch übertragen, direkt und indirekt, am häufigsten auf dem Wege der sogenannten Tröpfeninfektion, wie sie beim Sprechen, Husten, Nießen erfolgt. … Ein spezifisches Heilmittel gibt es nicht.“

Ein Problem hatte die Spanische Grippe auch in statistischer Hinsicht: Sie wurde, wie die normale Influenza, datenmäßig nicht erfasst. Deshalb gibt es bis heute keine genauen Angaben über Betroffene und Tote. In Dresden erfassten zunehmend der sogenannte Stadtbezirksarzt und die Allgemeine Ortskrankenkasse nur die offiziell von den Krankenhäusern gemeldeten Daten. Viele andere, die keine Sozialversicherung oder andere Kassen hatten und sich Ärzte nicht leisten konnten, fielen durch das Raster.

Worüber berichtet werden durfte

Natürlich nicht über Misserfolge an der Front, nicht über Krankheiten unter den Soldaten, nicht über Probleme in der Kriegswirtschaft. Über Nahrungsmittelproduktion und deren Verteilung schon, denn die Zeitungen hatten die Aufgabe, die Bevölkerung über Preise und Angebote zu informieren, die es auf den Lebensmittelkarten gab.

Das Sächsische Innenministerium legte den Preis für einen Zentner Kartoffeln auf 6,50 Mark bis Ende Oktober 1918 fest, was aber nicht hieß, dass man dafür auch den Zentner Kartoffeln wirklich bekam. Eher auf dem Schwarzmarkt für einen selbstverständlich noch höheren Preis. Um gegen die Preistreibereien auf dem sogenannten freien Markt vorzugehen, gab es sogar eine eigens eingerichtete Behörde – das Reichs-Wucheramt, ein Vorläufer der Kartellbehörden. Ja, so hieß das wirklich. Es sollte die Bevölkerung und die Industrie vor allem im Interesse der Front vor überhöhten Preistreibereien schützen.

Anrufen konnten diese Behörde die Preisprüfungsstellen des Landes und jeder Bürger. Half aber wenig. So wurden von Bauern und Großhändlern zum Beispiel die Preisbindung von Freilandgurken dadurch übergangen, dass man diese nun als „Gärtnergurken“ deklarierte. Eine Außenstelle des „Reichs-Wucheramtes“ befand übrigens sich in der Neustadt am Niedergraben 5. Und wer besonderes Glück hatte, konnte bei der Sächsischen Landeslotterie wöchentlich Geldbeträge zwischen 500 und 5.000 Mark gewinnen. Natürlich nur, wenn man etwas Geld für die Lose übrighatte.

Wie sich die Bilder gleichen

Und wer hatte Schuld an dieser todbringenden Epidemie? Auch damals hatten die Amerikaner einen schnell ausgemachten Übeltäter. Und was wurde an merkwürdigen Mittelchen und Methoden zur Heilung der Spanischen Grippe und zum persönlichen Selbstschutz empfohlen und gewinnträchtig verkauft? Der Staat und vor allem die Kommune kamen auch um harte Schutzmaßnahmen nicht umhin. Und wer opponierte dagegen? Dieses und mehr in der nächsten Folge.

Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür hat der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universtätsbibliothek durchstöbert.

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

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