Turnen – eine nationale Pflicht!

Wenn wegen der Corona-Krise die öffentlichen Sportstätten spätestens ab Donnerstag allesamt geschlossen sind, muss sich der geneigte Turnbegeisterte wohl mit Youtube-Tutorials behelfen.

Solche gab es natürlich vor 100 Jahren nicht, jedoch machte die vaterländische Presse, allen voran die Dresdner Nachrichten ordentlich Druck mit dem Slogan: „Turnen – eine nationale Pflicht!“

Turnfest zu Leipzig - Postkarte von 1913
Turnfest zu Leipzig – Postkarte von 1913
Das 12. Deutsche Turnfest in Leipzig 1913, das Fest der Hunderttausend, war gerade vorbei, da schreckte die Statistikbehörde des Königreiches Sachsen die patriotisch gesinnte königs- und kaisertreue Bevölkerung mit der Tatsache, dass die sächsische Residenz ihren ersten Platz in der Mitgliedschaft in den Turnvereinen an Leipzig verloren habe.

Damit haben die Dresdner der besseren Gesellschaftsschichten diesen „Jungborn deutscher Volkskraft“ nicht zu würdigen gewusst, so der Vorwurf. Ganze 7.000 Turner, darunter auch einige weibliche Mitglieder, zähle man in Dresden, in Leipzig komme man auf mehr als das Doppelte und beklagte, dass früher der Allgemeine Turnverein Dresden einmal der größte Turnverein in Sachsen war.

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Wie kam es zu diesem Debakel? Schuld daran hatte die „Teilnahmslosigkeit der gebildeten und besitzenden Klassen“, die das gemeinnützige Werk der Turnerschaft zu wenig unterstützen. Das Vaterland sei in Gefahr, weil die „im sozialdemokratischen Fahrwasser segelnden ‚Freien Turnerschaften‘ den auf nationalen Boden stehenden Turnvereinen einen harten Kampf um Mitglieder aus der arbeitenden Bevölkerung“ lieferten.

Und wie sollte das Problem gelöst werden? „Jeder Gebildete muss das gemeinnützige Werk persönlich fördern“, sei es aktiv durch mitturnen oder passiv durch Finanzierung. Ausreden, wie „das ist nicht fein“ oder „es schicke sich nicht“, dürfe es nicht mehr geben.

Und weiter hieß es in der vaterländischen Presse: „So sei denn jeder deutsche Mann sich seiner Pflicht eingedenk, die Körperschaft, die seit einem vollen Jahrhundert in stillem treuem Wirken Jugendpflege im besten Sinne des Wortes treibt, die die Jünglinge vorbereitet und stählt zum Heeresdienst, die Männer tüchtig und wehrkräftig macht, die Alten gesund und lebensfroh erhält“, zu unterstützen. … Das letztendliche Ziel der Turnerschaft sei doch „die Gesundung und Erstarkung unseres Volkes, daß in kommenden ernsten Zeiten Männer braucht, aber keine Schwächlinge, Charaktere, aber keine in steter Verweichlichung widerstandsunfähig gewordene Volksgenossen.“

Und die Presse gipfelte deshalb in den nationalen himmlischen Orgasmus: „Zum Wohle Alldeutschlands! Drum auf zum Turnen! Gut Heil!“ Ein Jahr später wurden diese gestählten jungen Männer in den Schützengräben für Kaiser und Vaterland und ohne Heil verheizt.

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Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür hat der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universtätsbibliothek durchstöbert.

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

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