Ganz großes Kino* – das Thalia

das Thalia träumt im Tageslicht von den Schwärmern der Nacht

das Thalia träumt im Tageslicht von den Schwärmern der Nacht

Morgens um elf ist es dunkel im Thalia. Alle Stühle warten mit dem Sitzflächen auf der Tischplatte auf den nächsten Gebrauch. Eine Ahnung von Zigarettenrauch kündet vom vergangenen Abend – und aus dem Saal klingt heroische Filmmusik. Die Besucher der Privatvorstellung sind der 11-jährige Sohn von Besitzer Stephan Raack und ausgesuchte Freunde. „Ein Grund, warum ich das mit dem Kino durchgezogen habe“, sagt Raack lächelnd. „Ich wollte, dass meine Kinder in der Grundschule sagen können: ‚Mein Vater ist Kinobesitzer'“.

Bis zum Interview verstreicht noch etwas Wartezeit. Stephan Raack ist beschäftigt. Aber nicht gestresst! Ich verharre geduldig auf der Hollywoodschaukel im Hinterhof und lasse die Beine baumeln. Selbst leer im Tageslicht verströmt das Gesamtkunstwerk Thalia seine Magie. Am Abend, wenn die Stammkunden am Tresen sitzen (von Raack nach Bukowski liebevoll „Barflies“ genannt), Erstis sich um die Tische scharen und die Cinephilen mit verklärtem Blick aus dem Saal stolpern, gewinnt diese Magie noch eine andere Qualität. „An manchen Abenden stell ich mich hier hin“, sagt Stephan und demonstriert an der Stirnseite der Bar seine Position, „und stelle fest, dass alles gut ist.“ Hinter dem Tresen steht er jedoch nur noch in einigen Schichten. „Irgendwann ist die Bar-Phase vorbei. Man muss aufhören, bevor man komisch wird.“

Das Thalia, benannt nach der Muse der Komödie und Unterhaltung, ist zu dem Ort geworden, den Raack und seine frühere Mitstreiterin Anne Schlichting vor neun Jahren visionierten. Kommunikativ, experimentell und mit der richtigen Prise Schrulligkeit. Anne tat eines schönen Morgens einen Blick aus dem Schlafzimmerfenster und bemerkte, dass die kleine Räumlichkeit in ihrem Hinterhof zur Miete frei stand. Der erste Film, der in dem kleinen Kino gezeigt wurde, war „Cinema Paradiso“ – und auf ihn fällt auch die Wahl, falls das Thalia irgendwann seine Pforten schließen sollte. „Wenn es die Rechte an dem Film dann noch gibt“, räumt Stephan ein. Bis jetzt besteht in dieser Hinsicht jedoch noch keine Gefahr. Die Besucherzahlen ermöglichen, dass auch Experimente und Kleinpremieren über die Leinwand geistern können.

die Ruhe vor dem Ansturm

die Ruhe vor dem Ansturm

Das Thalia hat sich in der opulenten Kinolandschaft Dresdens ein festes Plätzchen erkämpft. „Dresden ist in Sachen Kino eine außergewöhnliche Stadt“, sagt Raack, „jeder Betreiber ist äußerst engagiert. Das macht den vielfältigen Charme aus.“ Stephan Raack entdeckte seine Faszination für Kino bei der Mitarbeit im Casablanca. Den einstigen Chef Michael Rudolph bezeichnet er gern als seinen Mentor. Umso bedauerlicher, dass die Rollläden des Programmkinos mittlerweile herunter gelassen sind. Dafür, dass sich Dresden mit seinem Ruf als Kinostadt rühmt, wurden bedenklich wenig Tränen vergossen.

Im August dieses Jahres landete die Traumkapsel Thalia im digitalen Jahrhundert. Der Zuschauer genießt die Vorteile besseren Sounds und schärferer Bilder, die Bedienung ist für den Vorführer unkomplizierter und schneller zu erlernen. Trotzdem blutet Stephan Raacks Filmophilen-Herz ein bisschen, fehlt doch der haptische Zauber des Filmeschiebens. Analog wird trotzdem noch abgespult, beispielsweise bei der Vorführung alter Streifen. Für die Stalingradreihe in Zusammenarbeit mit dem Militärhistorischen Museum wurde der Staub von den Rollen gepustet. Ein Bremsklötzchen im Rausch der schnelllebigen Zeit. Was bleibt ist das Flair der Kneipen-Kino-Kombi. Wo Filme ohne Werbung laufen – Biss zum Abspann. Und philosophische Gespräche geführt werden – Biss zum Filmriss.

Und so könnte man weiter schreiben und Anekdoten anbringen. Von der gestressten Mutter, die todesmutig einen zehnköpfigen Kindergeburtstag stemmen musste und die Rasselbande für einen Verschnaufkaffee ins Kinderkino quetschte oder von Blue Note-Chef Mirko Glaser, der sich gelegentlich Filme wie Medikamente empfehlen lässt. Aber es geht hier nicht ums Weiterlesen, sondern ums Gucken.

*jenseits von Guerilla!

Stefan Raack simuliert Zeitüberschuss

Stephan Raack simuliert Zeitüberschuss

    Informationen und Öffnungszeiten

  • Thalia Kino, Görlitzer Straße 6
  • Programm und Zeiten unter: www.thalia-dresden.de
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3 Kommentare zu “Ganz großes Kino* – das Thalia

  1. 26. Oktober 2013 at 23:11

    „Eine Ahnung von Zigarettenrauch kündet vom vergangenen Abend“……….wird dort geraucht ?!

    und wie sind die Eintrittspreise für dieses tolle Koni–oder Kino ?!

    grussi…….. :lol:

  2. 28. Oktober 2013 at 13:02

    @jensi: Guckst Du hier. Geraucht werden darf in der Kneipe, im Kino nicht mehr.

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