Fremd in der Stadt

Ich habe Besuch: Christo aus Mainz, er will die Neustadt kennen lernen. Im, wie immer ziemlich verrauchten, Oscar erkenne ich ihn  sofort. Seine neumodischen All-Wetter-Sportjacke leuchtet schon von weitem. Weil wir in der Filmkneipe keinen Sitzplatz bekommen, gerade kein Video ausleihen wollen und natürliche wieder mal sämtliche Billardtische belegt sind, suchen wir nach einem anderen Lokal. Mit einem aufmerksamen Fremden an der Seite, erlebe ich das vertraute Viertel wieder neu.

Ihm fallen diverse Hundehaufen, kaputte Häuser und riesige Schlaglöcher auf, die ich längst übersehe. „Das gibt es in Mainz nicht“, sagt er. Null zu Eins für Mainz. Dafür hat die Neustadt mehr Flair, behaupte ich kühn – Christo ist still geworden. Ausgleich im Freundschaftsspiel. Nicht ohne Stolz führe ich ihn von Kneipe zu Kneipe. Zwei zu Eins – Führung für Dresden. Christo ist begeistert: „Sind hier immer so viele Leute“, fragt er, als wir drei Kneipen weiter immer noch keinen Sitzplatz gefunden haben. „Die Neustadt ist eben beliebt“, revanchiere ich mich für die Hundehaufen. Drei zu Eins. In der 100 wird Christos Geldbeutel nicht sehr strapaziert – hier ist es nicht mal halb so teuer wie in Mainz. Vier zu Eins. Das wir gerade in einer der günstigsten Kneipen ein Plätzchen bekommen haben, muss ich ihm ja nicht auf die Nase binden.

Nun bekommt Christo die Freundlichkeit der Neustädter zu spüren: Das gesprächige Pärchen an unserem Tisch verwickelt uns in eine Diskussion über Szene, Kultur und Lebensart. Gemütlich lehne ich mich zurück – es ist eben ein Heimspiel. „So was von freundlich, in Mainz ist mir das noch nicht passiert“, gesteht mir Christo später auf der Straße. Fünf zu eins. Im letzten Moment reiße ich meinen Bekannten am Arm. Ein Auto prescht mit über 50 Sachen die Alaunstraße lang. Fünf zu zwei, oder besser zu drei, wegen der Lebensgefahr. Ein paar Meter weiter lungern ein paar Halbstarke herum, pöbeln Passanten an, und wir müssen einen Bogen machen. Fünf zu vier.

In der Louisenstraße, Ecke Rothenburger, zerschellen Bierflaschen auf der Straße. Ich ärgere mich: Gleichstand. Ich frage meinen Gast was er in der Neustadt vermisse. Seine Antwort: „Eine Kneipe mit Tischfußball wäre toll.“ Ich überlege angestrengt – gilt die Groovestation als Kneipe? Zur Ablenkung ziehe ich ihn fix in den neuen Jugendtreff an der Alaunstraße. In Katys Garage steht für den nächsten Tag Comedy auf dem Programm, da müssen wir hin. Die Dresdner Neustadt verbucht kurz vor Schluss mit dieser Attraktion Punkt sechs und nach einem Blick auf den Kicker um die Ecke noch Punkt sieben. Nur ich bin ein bisschen maulig, denn mit Heimvorteil hätte ich mir ein deutlicheres Ergebnis gewünscht.


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