Das Ende der kleinen Anarchie

Sebnitzer Straße - "nicht sprengen"

Sebnitzer Straße – „nicht sprengen“

Während überall in der Bundesrepublik ganz feierlich dem Tag der Deutschen Einheit gedacht wird, muss man für die Dresdner Neustadt ganz klar feststellen: Der 3. Oktober 1990 war hier vor allem das Ende eines Traums und das Ende einer kleinen Anarchie.

Aber der Reihe nach. Helmut Kohl hatte uns im späten Herbst 1989 die blühenden Landschaften versprochen und die Dresdner nahmen es dankbar an. Nach dem Birnen-Jubel folgte die schwarz-rot-goldene Fahnenschwenkerei und die Einheitsrufe. Aus „Wir sind das Volk“ wurde erst „Wir sind ein Volk“ und später „Wir sind das Volk“. Irgendwie logisch, dass die Bachmänner und Däbritze der Neuzeit diesen Spruch aufgreifen mussten.

Mir wurde damals auf den Montagsdemos schon schlecht. Einheitsrufe wurden wichtiger als Stasi-Aufarbeitung. Neonazis tauchten auf mit Köpfen ohne Haaren, mit Jacken ohne Kragen, mit Jeans ohne Blau, dafür mit Knüppeln und Stahlkappen in den Schuhen. Die ersten Begegnungen waren schmerzhaft. Dresden begann zu nerven. Die Neustadt wurde zum Rückzugsgebiet und gleichzeitig zum Abenteuerspielplatz.

Bäume in den Dachrinnen

Hier standen ganze Häuser leer. Und plötzlich begann überall Leben zu sprießen. Kneipen schossen wie Pilze aus dem Boden. Die Bronxx, die Hundert, die Planwirtschaft, das Tivoli, das Schlagloch, das Raskolnikoff, das La Mitropa auf der Böhmischen, die Raute, das Stillos, und, und, und.

Lizenzen, Genehmigungen, Hygienevorschriften? Nicht doch. In Hinterhöfen wurden Trabbis gegen die Wand gefahren. Kohlen und Lebensmittel wurden öfter geklaut, denn gekauft. Mit Pfandflaschen wurde die schnelle Mark verdient und mit der Mopo die erste Westmark. Coschützer war das Bier der Stunde. Die Anzahl der Bunthaarigen nahm täglich zu. Jeder durfte alles, keiner hatte ne Ahnung und alle machten mit.

Und die Volkspolizisten, die Vopos, sie standen daneben und guckten zu. Freundlich meist, und hilflos.

Geburt der BRN

In dieser wilden Zeit, scheinbar ohne Gesetze, ohne Recht und Ordnung, in dieser Zeit wurde die Bunte Republik geboren. Anarchie mit Verfassung. Die Tage der Linksutopisten schienen gekommen. Doch nur auf den rund zwei Quadratkilometern in Neustadt und Hecht.

Drüben auf der anderen Elbseite ging man immer noch pünktlich um 6 Uhr zur Arbeit, auch wenn die Firmen dank der D-Mark kaum noch produzieren konnten. Plötzlich die ersten Arbeitslosen, die ersten Obdachlosen, die hässliche Fratze des Kapitalismus, auch sie zeigte sich.

Und dann war er vorbei, der kurze Sommer der Utopie. Plötzlich waren die grauen Vopos grün, bekamen westdeutsche Vorgesetzte und büffelten Gesetze. Das wilde Treiben war aus. Die es nicht so schnell begriffen, landeten im Knast, auf Droge oder in der Klappse. Doch die meisten fanden sich zurecht, passten sich an und um den wilden Sommer rankten sich bald nur noch Legenden. Die kleine Anarchie war ausgeträumt.

War früher alles besser?

  • Als kleine Erinnerungsstütze an die frühen 1990er Jahre veröffentliche ich in loser Folge ein paar Geschichten über die wilde Zeit von damals.
  • Alle Geschichten unter #Früher-war-alles-besser?.

Danke an Micha R. für die tollen Aufnahmen aus dieser Zeit.

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19 Kommentare zu “Das Ende der kleinen Anarchie

  1. Lila
    3. Oktober 2016 at 12:34

    Danke für die interessanten Fotos! Auf dem Bild mit der Haltestelle Louisenstraße steht an der Wand „Bachmänner und Kuhmäuler raus!“. Kann das jemand erklären? Die Parole gegen „Bachmänner“ ist ja nun neu aufgelebt… ;)

  2. Mirko
    3. Oktober 2016 at 12:45

    Bachmann und Kuhmaul waren zwei stadtbekannte Faschos soweit ich mich erinnere…Ersterer war aber m.E. kein Lutz.

  3. 3. Oktober 2016 at 14:13

    danke für die unsentimentalen erinnerungen. auch wenn ich schon immer einer von der ‚falschen‘ elbseite bin und seit 40 jahren jeden wocjhentag um 6 zur arbeit ;-)

  4. Eric
    3. Oktober 2016 at 14:41

    Servus,

    für alle, welche der Neustadt der End 80er Anfang 90er Jahre nachtrauern:
    Ohne die Wende wäre die Neustadt mit seinen alten historischen Gebäuden längst zusammen gefallen, so marode war alles.

  5. 3. Oktober 2016 at 15:53

    Tja, dass mit dem Verfall-Erhalt klappt ja leider nicht.

  6. Mirko
    3. Oktober 2016 at 16:04

    Ohne die Wende wäre die Neustadt wahrscheinlich einfach abgerissen und durch WBS70 ersetzt worden. Dann würde das ganze Viertel jetzt so aussehen wie die komische Siedlung oberhalb des Alaunparkes…;)

  7. Karsten
    3. Oktober 2016 at 18:02

    Ach na ja, das mit der „kleinen Anarchie“ ging ja noch ne ganze Weile weiter. Wer erinnert sich noch daran, wie man jahrelang Montags bis Sonntags so ab geschätzt 15 Uhr vor der Scheune bewundern konnte, wie die Fortschrittlichen, die viel Schlaueren, die moralisch Überlegenen sich im Vollsuff nicht mehr auf den Beinen halten konnten und deshalb mitten auf der Straße lagen. Mit dem PKW fuhr man besser gleich „außen rum“. Fußgänger und Radfahrer wechselten angewidert die Straßenseite, hinüber zum Dönerladen. Angewidert und genervt allenfalls, in jedem Gesicht ablesbar. War’s der Anblick? Das soziale und reife Verhalten? Oder das allgegenwärtige Aroma von Kotze, Pisse, Scheiße und Co.? Waren es die hin und wieder außer Kontrolle geratenen 4-Beiner? Nun, das konnte nur jeder für sich selbst wissen.

    Heute trifft man hin und wieder einen dieser Protagonisten auf der Straße und erkennt sie noch. Manche scheinen gerade noch so die Kurve bekommen zu haben. Man freut sich darüber. Bei manchen hingegen verspürt man mittlerweile schon wieder abgrundtiefes Mitleid.

    Wieviele von denen heute immer noch von den täglichen Arbeitsergebnissen der „verhassten Idioten und Arschlöcher“ leben, man kann nur mutmaßen. Haste ma ne Maaak???

  8. 3. Oktober 2016 at 19:23

    So sahen die Pläne aus.

  9. Hechtler
    3. Oktober 2016 at 19:48

    @Mirko: Nicht ganz, bei den Plattenbauten in der DDR wurde mehr Abstand gelassen als heute.

  10. Seldon
    4. Oktober 2016 at 07:20

    @Eric, Mirco:
    „Nach Informationen von Pieper muss die Studie (Mit Abriss/großflächigem Neubau“) spätestens Anfang der 80er Jahre verworfen worden sein. Denn Zum Ende der 80er war zwar für weite Teile des Viertels eine Neubebauung vorgesehen, die sollte aber entgegen dem hier vorliegenden Modell den historisch entstandenen Straßengrundrissen folgen.“
    Ob die schicksanierten und lückenfüllenden Nachwendehäuser jetzt ein Gewinn sind, mal dahin gestellt. Fakt ist jedenfalls, dass sich im Kiez jeder hätte die Miete leisten können…im Gegensatz zu heute.
    MIt der Louisenstraße 7, dem Aktiv, verschiedenen anderen Objekten verschwanden im real existierenden Kapitalismus Häuser, die von dem arbeitsscheuen Gesindel instandbesetzt und mit Leben gefüllt wurden…
    Inetressant mal wieder, dass sich hier verbal eher an bunthaarigen „Asozialen“ denn an glatzköpfigen Knüppelschwingern abgearbeitet wird. Hätte es Schlagloch, 85, 33 usw nicht gegeben, wäre die Neustadt möglicherweise kulturell ebenso tot wie die Altstadt, oder eine Faschohochburg wie die einschlägigen Dresdner Viertel…

  11. 4. Oktober 2016 at 13:43

    Ich bin im Diakonissen KH geboren und im Hecht groß geworden. Als ich in die Realschule nach Hellerau kam hieß es immer „cool, du wohnst in der Neustadt?“. Ich war und bin stolz auf meine Kindheit im grauen Hecht der immer bunter wurde. Manchmal vermisse ich die Zeit, die Ecken an denen ich früher gespielt habe sind inzwischen zu gebaut oder nicht mehr da, aber das ist eben so, das ist der Lauf der Dinge.
    Guter Beitrag.

  12. mchel neumann
    4. Oktober 2016 at 15:32

    Die Louisenstraße 7 war nicht instandbesetzt. Die war nur ein Seitenflügel im HH, wo statt eines Vorderhauses nur nur ein Stück Treppe stand. Du meinst evtl. die Louisenstraße 3. Das Aktiv war m.W. auch nicht instandbesetzt – das war doch das Haus Bischfosweg Ecke Köbrü. Und da war erst noch ne Behörde drin (die KWV glaub ich).
    Der Teil mit „sich im Kiez jeder hätte die Miete leisten können“ ist auch eher so bisschen naja. Jeder, der eine Wohnung zugewiesen bekommen hat, hätte sich die Miete leisten können. War ja nicht so, dass – ausser um die Wende rum – jeder eine Wohnung besetzen konnte. Da mussten durchaus einige bei ihren Eltern wohnen bleiben oder anderweitig sehr beengt leben. Und Aussicht auf Reparatur bestand da auch nicht, wenn die Bude naß, Ofen kaputt oder Fenster undicht waren.

  13. 7. Oktober 2016 at 12:26

    Stimmt so.

  14. kurt
    7. Oktober 2016 at 22:22

    Ach, die paar armen Suppen durchzufüttern hat nun überhaupt nichts mit Deiner oder meiner ach so realistischen Wertschöpfung zu tun, da wird wertgeschöpftes Geld in anderen Größenordnungen viel sinnloser verbraten als für so paar Hansel ’ne warme Bude und ’ne Knifte zu bezahlen. Du zeigst das typische Bild eines disziplinierten Menschen der eigentlich gerne selber mal aus der Rolle fallen würde. Naja…

  15. Revoloser
    16. Oktober 2016 at 12:50

    Korrekt, das waren zwei Neonazis zur Wendezeit. Bachmann ein Dicker. Keine Ahnung was aus den beiden Nulpen inzwischen geworden ist…

  16. Revoloser
    16. Oktober 2016 at 12:57

    War schon ne schöne Zeit, als ich Anfang bis Mitte der 90er bei der Mewi auf dem Lutherplatz gearbeitet habe. Dort wo jetzt die Linkspartei ihre Ich AG hat. Bei uns gingen viele Originale ein und aus. Und die Kollegen waren allesamt klasse. Leider ändert sich die Welt schnell und im Kapitalismus noch schneller. Aber so ist das nun, ich lebe im hier und jetzt, nicht in der Vergangenheit. Man lebt eben mit der Zeit. Immer wieder Neues, viel Schönes und auch Schlechtes.

  17. Revoloser
    16. Oktober 2016 at 12:58

    Wir AG, sorry. ;)

  18. Revoluzzer
    3. September 2017 at 15:18

    Einheitsrufe wurden wichtiger als Stasi-Aufarbeitung … Wie heute wieder auf den Wahlplakaten. Damals gabs noch Andersdenkende, die von der Einheiz-Partei richtig verfolgt wurden. Heute zählt’s Karrieredenken.

  19. Peter Denimal
    30. Oktober 2017 at 11:07

    Die Romantik des Verfallens kann nur wirklich so lange genossen werden, während sie noch bewohnbar ist. Wenn es nur ein Fotothema wird, muss sie wegen Gefahr an die Öffentlichkeit geserrt werden. Obwohl die Renovierung manchmal kahl und brutal wirkt, bedeutet sie die Zukunft. Immerhin ist der Spielplatz noch da, die meisten Haüser auch, und eine gewisse Atmosphäre ist auch geblieben, die die Marktwirtschaf allein nicht abschaffen kann. Geschichte ist multiformig, und darauf kann jeder sich freuen.

    1990 zog ich von Brixton, London nach die Neustadt, und bis 2000 mietete ich eine Wohnung in der Sebnitzer Strasse 33, das rechte Haus auf dem obrigen Foto, und erlebte die Wende, das wilde Osten, die Renovierung des Hauses und letztendlich die neue Zeit. Dann war auch die Zeit für mich zu gehen. Ich bin noch nicht wieder nach Dresden zurückgekehrt. Frauenkirche, Walschlösschenbrücke, usw. kenne ich nicht, also wird es schon eine grossartige Reise kommen.

    Peter Denimal
    English-, französich- u. Niederländisch-lehrer der VHS Dresden, 1990-97,
    Umschulungslehrer für das Pädagogische Kabinett der Stadt 1990-92,
    Ökumenischer Jugenddienst Teilnehmer und Lagerleiter, 1982-1997.
    peter.denimal@univ-lille2.fr

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