Ein Portemonnaie auf Reisen

Drei Monate auf dem Fenstersims.

Drei Monate auf dem Fenstersims.

Es war einmal ein kleines schwarzes Lederportmonnaie. Es hatte schon viel erlebt. Seit ein paar Jahren ist es Lillis treuer Begleiter. Doch eines Abends im Juni machte es sich auf Reisen. Nicht ganz freiwillig, denn während Lilli sich an der sozialen Ecke zwischen Görlitzer und Louisenstraße vergnügte, machte jemand lange Finger und stibitzte die Geldbörse.

Flugs trug der das kleine schwarze Ding von dannen. Die Augen des Diebes müssen später größer gewesen sein als die Länge der Finger, denn was war drin? Unbrauchbarer Kram. Ein Führerschein, der Personalausweis, Fotos, eine Mensa-Karte und, immerhin, fünf Euro. Inzwischen war der Spitzbube mitsamt Beute fast an der Bautzner Straße angelangt. Da, ein Fenstersims. Er pflückt das Kleingeld heraus und legt die Geldbörse darauf ab.

Und dann passiert erstmal gar nix. Nun, die Simse in diesem Haus, an dem einst eine Katze langsam abblätterte, sind ein bisschen höher, Passanten konnten das Portemonnaie nicht sehen. Und wer macht im Erd­geschoss schon freiwillig das Fenster auf. Während­dessen grübelte Lilli zu Hause, was sie nun machen soll. Den ganzen Kram neu beantragen? Zu den Ämtern rennen? Hui, das kostet und nervt. Also schob sie die Erneuerung der Papiere Tag für Tag auf. Und irgendwie wurde das alles auch gerade nicht gebraucht.

Aus Tagen werden Wochen, aus Wochen Monate. Und plötzlich, am ersten Oktober klingelt es. Ein kleiner Mann steht vor der Tür, ziemlich hager, mit Brille und braunem kurzen Haar, Arbeitskleidung, grüne Hose, roter Pullover. Er stellt sich vor, Herr Adler, Fensterputzer, und er habe da etwas, ob sie die Lilli sei.

In den Händen hielt er etwas kleines Graues aus Leder. Lilli wirft einen Blick hinein, möchte vor Freude an die Decke hopsen, den kleinen Mann umarmen, ihm ’ne Belohnung geben. Aber der winkt nur ab, schmunzelt und meint „wiedermal jemanden glücklich gemacht.“

Das kleine schwarze Portemonnaie, es hat in der Sonne zwar seine Farbe eingebüßt und kommt nun in blassem Anthrazit daher, aber drinnen war bis auf das bisschen Bargeld noch alles. Vom Mensa-Ausweis bis zum Führerschein und auch alle Fotos sind noch da. Und Herr Adler, der zieht weiter, putzt weiter die Scheiben in der Neustadt und wenn er mal wieder was findet, bringt er es vorbei.

linie

12 Kommentare zu “Ein Portemonnaie auf Reisen

  1. anne
    3. Oktober 2016 at 19:42

    Herr Adler hat einen Kuchen verdient!

  2. Insider
    4. Oktober 2016 at 07:53

    Respekt Herr Adler und noch 1 Kuchen !!!

    Aber Vorsicht, ganz schnell könntest Du Dich verdächtig machen !!!
    So ist es mir vor ca. 4 Wochen passiert…..
    Vor`m REWE auf der Königsbrückerstrasse fand ich 1 kleine Geldbörse. Ich nahm das Fundstück an mich, lief mit meinem Einkauf geradewgs nach Hause und informierte sofort die Polizei. (Revier Nord).
    Eine sehr nette Beamtin am anderen Ende der Telefonleitung hinterfragte einige Details zum Inhalt der Geldbörse. Darin befanden auch einige Dokumente, EC-Karte usw. Der Bestohlene junge, freundliche Mann hatte den Verlust offensichtlich bereits bei den Ordnungshütern gemeldet und die EC-Karte sperren lassen. Die nette Beamtin veranlasste das zeitnah „jemand“ zur Abholung des Fundstücks vorbei kam.
    Was dann geschah ist an Geschmacklosigkeit nicht zu überbieten. Nach ca. 30 min. erschienen 1 sehr netter Polizist sowie 1 abschreckendes Beispiel eines Polizisten. Letzterer stellte mir gleichlautende Fragen 3 X !!! (Hatte er meine Antworten nicht verstanden oder wußte er nach nur wenigen Augenblicken nicht mehr was er eigentlich gefragt hatte ?) Nachdem er sich genötigt sah meine Daten zu hinterfragen und meinen Ausweis zur Datenaufnahme zu verlangen erhielt der offensichtlich Bestohlene sein Eigentum zurück, bedankte sich mit 10,-€ bei mir und alle waren glücklich. Nur ich nicht. Derartig unfreundliche, übereifrige & minderbemittelte Beamte wie der 1 von mir beschriebene braucht kein Mensch. Nichtmal sein freundlicher Kollege.

    Fazit: Hoffentlich finde ich niemalsnicht wieder 1 Geldbörse o.ä. Vermutlich würde ich nicht wieder die Polizei rufen um mich nicht nochmal verdächtig zu machen.

    I.

  3. studi
    4. Oktober 2016 at 08:52

    Wenn da ein Ausweis oder ähnliches drin ist, woraus man die Anschrift erkennt, bringe ich Fundstücke immer persönlich zum Besitzer.

  4. eumel
    4. Oktober 2016 at 12:03

    Ja, so mache ich es auch, immer den direkten Weg, wenn jemand am selben Ort wohnt (oder auch schon mal per Post abgeschickt). Herr Adler kann jetzt alle Gutmenschen zum Kaffeekränzchen einladen….noch einen Kuchen obendrauf von mir!
    Ansonsten eine rührende, schöne Geschichte aus unserem Szeneviertel hier in Dresden! Das lässt hoffen trotz Langfinger, Pegida u.Co…..!!!!

  5. 4. Oktober 2016 at 12:18

    @Insider: Nur weil Du von einem Polizisten unfreundlich behandelt worden bist, willst Du künftig nicht mehr die Polizei rufen? Das wäre sehr schade. Das von Dir geschilderte Beispiel zeigt mir vor allem eines: Polizisten sind auch Menschen und eben keine Automaten. Auch die können mal ’nen schlechten Tag haben. Und vor allem, wenn Du nun noch dazu zwei erlebt hast, die freundlich waren (inkl. Dame am Telefon), ist doch die persönliche Quote schon mal so, dass es wahrscheinlicher ist, auf freundliche Polizisten zu treffen.

    An Deiner Stelle würde ich davon ausgehen, das macht das Leben vergnüglicher.

    Gruß, Anton

  6. Insider
    4. Oktober 2016 at 14:26

    @Anton,
    nicht allein die Unfreundlichkeit des 1 Beamten hatte mich verärgert
    sondern vielmehr die Tatache, daß dieser Wicht in Uniform meine
    Personalien aufgenommen und 1 Art Protokoll gefertigt hat, wohldem
    die ganze Angelegenheit erledigt hatet und die bestohlene Person zurück
    erhalten hat `was abhanden gekommen war. Zwangsläufig komme ich mir wie „1 Verbrecher“ vor. Wenn
    dieser Beamte tatsächlich schlechte Laune hatte möchte er gefälligst
    im Revier bleiben und Innendienst verrichten und nicht ehrliche Finder
    unter Verdacht stellen.
    Ansonsten stimme ich Dir natürlich zu. Polizisten sind auch nur
    Menschen. Und das es auch anders funktionieren kann bewies der
    2.Polizist allein durch die Tatsache das er über seinen übereifrigen
    Kollegen nur den Kopf schüttelte und mich bei der Verabschiedung mit
    einem freundlichem Augenzwinkern und lustigem lächeln auf den
    Lippen verabschiedete.

    Sei`s drum und mein Leben bleibt sicherlich sehr, sehr
    vergnüglich. :-)

    I.

  7. 4. Oktober 2016 at 14:37

    @Insider: Mein Leben würdest Du übrigens vergnüglicher machen, wenn du statt „1 Beamter“ „ein Beamter“ schreiben würdest. ;-) Diese Zahlsprache bereitet mir immer Kopfschmerzen. Danke!

  8. Jutta B.
    4. Oktober 2016 at 15:22

    Frage: woher wusste der Bestohlene bei wem er sich zu bedanken hatte ;-)

  9. Insider
    4. Oktober 2016 at 16:09

    @Anton,

    Dein Wunsch ist mir Befehl. Du bekommst von mir Kopfschmerztabletten,
    ich schreibe fortan „ein Beamter“ und lege noch einen drauf indem
    ich zukünftig schreibe, „ein Diebstahlsaufnahmevollsteckunsbeamter“ :-)
    Jetzt gehts in den REWE einkaufen in der Hoffnung…..

    I.

  10. Insider
    5. Oktober 2016 at 04:02

    @Jutta,

    3 Lösungvorschläge biete ich Dir an:

    a) Der Bestohlene kam mit den 2 äh zwei Polizisten vorbei
    b) Der Bestohlene wurde informiert
    c) Der Bestohlene kannte meine Adresse

    Kleine Hilfestellung:

    b & c sind es nicht.

    Thema ist erledigt :-)

    I.

  11. Anne
    9. Oktober 2016 at 11:10

    Insiders Erfahrungen meine gegenübergestellt:
    Abends auf einem Neustädter Fußweg Portemonnaie und Handy gefunden. Im Portemonnaie fand ich einen Ausweis mit einer Adresse, die nicht nah am Fundort war. Ich machte mich auf den Weg. Nur dort gab es den Namen nicht am Klingelschild. Das Handy war nicht gesperrt, so fand ich einen gleichen Nachnamen unter den Telefonnummern. Es war ein Verwandter, der mir mit die neue Adresse durchgab und sehr dankbar war. Unter der neuen Adresse war gerade niemand zu Hause, aber die Nachbarin war so freundlich (es sah nach enger Wohngemeinschaft aus) und ich warf noch einen Zettel in den Briefkasten. Die ganze Aktion kostete mich vielleicht 2…3 Stunden.
    Ein paar Tage später traf ich vor dem Haus einen Familienangehörigen, der mir bestätigte, es sei alles angekommen und die „Verbummlerin“ würde sich auf alle Fälle noch mal melden.
    Gehört habe ich allerdings nie wieder etwas. Mein Fazit: Unkomplizierter wäre es wohl gewesen, ich wäre zur Polizei gegangen. Nur liegenlassen würde ich es trotzdem nicht, denn ich hoffe, wenn mir das mal passiert, gibt es auch einen ehrlichen Finder…

  12. 9. Oktober 2016 at 12:10

    Fundbüro ist auch eine gute Möglichkeit.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

linie