Von geplanter Vorsicht und spontaner Nachsicht

Da ist er wieder. Mist. Auch heute gelingt es mir wieder nicht, mich an ihm vorbei zu schmuggeln. Mein Hausmeister, heute ist er damit beschäftigt, hässliche Graffiti der vergangenen Nacht an der Hauswand zu übertünchen und wie immer muss er mir auch heute wieder ein Gespräch aufs Auge drücken. „Na, denken Sie dran, am Wochenende ihr Auto außerhalb zu parken.“ Logisch, es ist doch Bunte Republik und da geht es in der Neustadt immer ein bisschen drunter und drüber, aber er ist immerhin die Vorsicht in Person und dafür hat er auch seine Gründe. „Voriges Jahr hat ja hier die halbe Straße gebrannt.“

Falsch, denke ich und muss dann doch was sagen: „Nee, das war vor zwei Jahren, da hab ich doch selber noch gelöscht.“ Das war ein Fehler, denn jetzt kann ich nicht mehr einfach weitergehen, immerhin bin ich auf sein Gesprächsangebot eingegangen. Also erzählt er mir, dass diese Chaoten schon seit zehn Jahren immer im Juni die Neustadt verwüsten würden. Er denkt wahrscheinlich immer noch, dass ich erst in der Neustadt wohne, seit ich in dem von ihm betreuten Hause Mieter bin. Zaghaft werfe ich ein, dass es die BRN schon viel länger gibt und dass es auch nicht in jedem Jahr Krawalle oder Randale gab. Er wehrt ab und verweist auf die unglaubliche Lautstärke des Festes. Jetzt wäre eigentlich ´ne prima Gelegenheit, mich bei ihm zu beschweren, denn immerhin hat er mitsamt Familie mir den Sonntag Abend zur Hölle gemacht. Beim Grillfest im Garten dröhnten die Schlager so laut, dass ich mich beim besten Willen nicht mehr auf meine Arbeit konzentrieren konnte. Aber er lässt mich ja nicht zu Wort kommen, jetzt erzählt er von der Polizei und dass die ihn vor zwei Jahren gar nicht nach Hause lassen wollte. Er hätte sich aber so aufgeregt, dass die Beamten schließlich klein beigegeben hätten. Das wiederum glaube ich ihm aufs Wort. Wahrscheinlich haben die ihn sogar ganz schnell weitergeschickt, weil er ihnen mit seinem Geschwätz auf die Nerven ging.

Irgendwie schaffe ich es dann doch, mich loszureißen, als ich später die Straße entlang bummele, beschließe ich, ihm sein aufdringliches Verhalten nach zu sehen. Immerhin ist er so was wie ein Neustädter Original und ich nur der Zugezogene.


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