JEIN – Der Poetry-Slam zur Landtagswahl

Axel Krüger, Lisa Schöyn und Simeon Buß als Duo "Brave New World", Josephine Berkholz, Moderator Thomas Jurisch, Stefan Seyfarth, Matthias Klaß und Mike Altmann- Foto: MDR/Hagen Wolf
Axel Krüger, Lisa Schöyen und Sim Panse als Duo „Brave New World“, Josephine Berkholz, Moderator Thomas Jurisch, Stefan Seyfarth, Matthias Klaß und Mike Altmann- Foto: MDR/Hagen Wolf

Poetry-Slam mit Botschaft: Geht wählen!

Ausreden sind zwecklos: „If you don’t understand the poem, feel it!“, ein Augenblick der Stille folgt. Fragezeichen. Tuscheln. Stille. Viel zu lange still schon! Endlich, ein geistiges Klicken: „Aha, der Juri will, dass wir mit dem Herzen lauschen!“ Und nicht nur das: Nachdem Poetenflüsterer Thomas Jurisch sich von einem Aquaplaning in der Zungengegend erholt hatte, zeigte er seine ernste Seite: „Geht wählen, aber wählt mit dem Herzen, wählt Menschen, nicht Programme.“ Am Sonnabend Abend präsentierte sich die Schauburg als Wahlkampfbühne: Doch auf das Publikum warteten keine zähen Phrasen, sondern Inhalt statt Leere, Poesie statt Sachpolitik. Mit Unterstützung des MDR Info verwandelten zwei Slam-Parteien, „Die Guten“ und „Die anderen Guten“, die anwesenden Köpfe in rotierende Motoren.

Blutverschmierte Gesellschaftskritik


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Im Lichte der bevorstehenden Landtagswahl trugen sieben Künstler unter dem Motto „JEIN“ politische Texte vor, die Raum für gedankliche Bewegung schafften: nach links, nach rechts, die Treppe rauf und dann doch wieder zurück in den Keller. Dort angekommen, freute man sich, dass man im heimischen Bunker gut die Wahlperiode eines Abgeordneten überleben könnte. Hauptsache weg von den Dingen, die man nicht sehen möchte. Vier Jahre lang verführt uns nun die Einsamkeit zu Racheplänen. Rache an der Gesellschaft, die uns in den Keller brachte. Mit „Die Schuld seiner Sühne“ eröffnete der Moderator persönlich den poetischen Schlagabtausch, so ernst hat man den Entertainer selten auf der Bühne erlebt. „Das sind doch große, starke Hände. Doch könnt ich sie nicht halten, meine Unschuld…große Starke Hände voller Blut…Bullshit! Die Gesellschaft hat dich zu dem gemacht, was du heute bist!“ Es ist der Ruf nach Humanität, den er in Worte kleidet. Geglaubt aus Rache handelnd, sich doch als Mörder fühlend, frisst die Schuld den Protagonisten schließlich auf. Nun ist es die Schlinge, die ein Menschenleben auf dem Gewissen hat, die Schlinge der Gesellschaft. „Du bist niemals Mörder, er war nur Soldat“, Thomas geht, die Gänsehaut bleibt.

Juri Poetry Slam
Mit tiefgründiger Gesellschaftskritik eröffnete Thomas Jurisch den Landtags-Slam.

„Mit uns wird alles anders“: „Eure Partei“ trifft Alice Schwarzer

Für kurzzeitige Entspannung sorgte „Eure Partei“ von Matthias Klaß aus Eisenach. Es konnte eigentlich kein Zufall sein, dass nur wenige Stunden vor dem Auftritt des Thüringers, DIE PARTEI ihre letzte Wahlkampfveranstaltung im Alaunpark abhielt. „Mit uns wird alles anders“, man wolle Alkohol verbieten und Drogen legalisieren, eine Maut für Fußgänger müsse her und was ist eigentlich mit „Sterbehilfe? Wir stehen dafür ein! Wenns sein muss dürfens gerne auch gesunde Opfer sein“. Merkt euch den Namen „Eure Partei“, sie sind radikaler als jede Nazipartei. Dann plötzlich eine Überraschung: Alice Schwarzer empörte sich in Gestalte Julia Engelmanns: „Warum gibt es verdammt noch mal keine Eisberge im Bodensee?“. Nach einem Anagramm für weibliche Geschlechtsorgane suchend, kam dem Görlitzer Slammer Axel Krüger gleich noch die passende Geschäftsidee: Weizenbier-Flatrate-Anbieter will er werden. Aber auf keine Fall in Bielefeld – Bielefeld existiert nämlich nicht.

Große Worte und ein kleiner Mann

„Bitte gehen sie weiter, es gibt nichts zu sehen!“ sprudelt es dem Munde der in Leipzig ansässigen Berlinerin Josefine Berkholz. „Es ist Zeit für große Wort, kleiner Mann“ und schon betrat Mike Altmann, ebenfalls Görlitzer, die Bühne. Mitleid versprühend, bedauerte er zunächst die Facebook-Verweigerer im Saal: „Wie wollte ihr überhaupt mitbekommen, wie viel Elend euch eigentlich umgibt?“ Wachsamkeit sei das non-plus-ultra in einem Zeitalter, regiert von Heino und den Sportfreunden Stiller. Gefahren lauern überall, so auch in des Deutschen liebsten Waschmittels: Ariel. Nicht auszumahlen, was passieren könnte tauschte man das „L“ gegen ein vollwertiges „R“ am Ende. Das Spiel ließe sich weiterführen: „Und wie heißt das bestverkaufte Produkt von Arier? ULTRA. „ARIER ULTRA wäscht nicht nur sauber sondern rein.“ Rein wie reinrassig?“, gab sich Mike nachdenklich. Langsam dämmerte es auch dem letzten Schauburg-Besucher: Die Nazis versuchen uns weichzuspülen. Getoppt wird das Ganze nur noch durch ARIER FLECKENENTFERNER. Damit werde die braune Gesinnung für uns unsichtbar und die Faschistenbande kann ganz in Ruhe den Umsturz planen, erklärte der Poet unmissverständlich. Die Sachsen seien – deutschlandweit betrachtet – weniger gefährdet: Uns Kindern des deutschen Ostens wurde die Political Correctness quasi in die Wiege gelegt, warum sonst warteten wir mit der Friedlichen Revolution bis zum Jahre 89? Weil 88 im Geschichtsbuch einfach doof aussieht!

Dystopische Ehrengäste: Aldous Huxley und George Orwell hinterlassen ihre Schatten

Brave New World, ein Duo aus Köln, entlarvten mit ihrem Beitrag die Tücken des Konsums unserer schönen neuen Welt: „Ich glaube an Konsum, Gott den Allmächtigen.“ Unsere zerstörten Träume sind der Grund, warum wir uns lieber von anderen lenken lassen als selbst zu denken. „Wir gaben euch Träume, jetzt wollen wir sie wieder…Vielen Dank für den Einkauf, beehren Sie uns bald wieder.“ Wir sind gefangen im Labyrinth der Möglichkeiten, Gott 4000 wird es schon irgendwie richten. Genosse Altmann setzte hingegen in seinem zweiten Beitrag des Abends „Hauptsache korrekt – oder Immer schön euphemistisch bleiben“ auf die Diplomatie George Orwells Neusprech und holte sich den staatlich anerkannten Tollmetscher zu Hilfe. So wurden auch die letzten Aggressionen eines Kevin Heinrichs im Newspeak erstickt. Mal ehrlich, so ein „Lügenpresse auf die Fresse“ war unter politisch-korrekten Gesichtspunkten einfach nicht tragbar.

14-08-23 Brave New World
Lisa Schöyen und Simeo Buß als „Brave New World“: Eine Homage an Aldous Huxleys Dystopie einer „Schönen Neuen Welt“?

Alles wird gut!
Stefan Seyfarth aus Dresden sah alles ein bisschen entspannter als der Rest der Poeten-Bande. Sein realistischer Geist weiß mit Träumen recht wenig anzufangen: „Erwartungen sind da, um enttäuscht zu werden.“ Auch für scheinbar unbelehrbare Traumtänzer hat Stefan eine simple Lösung parat: „Jeder Optimist wird gedisst, bis er sich verpisst“.

14-08-23 Seyfarth
Stefan Seyfarth und der Optimismus, besser bekannt als Tom und Jerry.
Weder „Die Guten“ noch „Die Anderen Guten“ konnten das Publikum auf eine Seite ziehen. Am Ende stand ein klares „JEIN“- „JEIN“ zu allen und niemanden. Nicht immer geht es darum zu gewinnen, vielmehr geht es darum gehört zu werden. In diesem Sinne mit Krügers Worten schließend: „Empörung ist das neue Miteinander: Nörgler an die Macht!“
Guten und andern Guten
Die „Anderen Guten“ links bis zur erhobenen Mitte und „Die Guten“ auf der rechten Seite kämpfen für ein und dasselbe Ziel: Den Sturz des Poetenflüsterers Thomas Jurisch.

Nachtrag: Der Poetry-Slam zur Landtagswahl kann seit heute in voller Länge in der Mediathek des MDR angesehen werden.

5 Kommentare zu “JEIN – Der Poetry-Slam zur Landtagswahl

  1. Ein wenig Schade, dass du nicht auf den zweiten Text von „Brave New World“ eingegangen bist, der war nämlich richtig gut! Vermutlich der Beste Text des Abends. Trotzdem ein schöner Beitrag!

  2. Schade, das hab ich wohl verpasst..
    Erinnert mich an den guten Ausspruch aus Schramm’s Programm von Papst Gregor:
    ‚Die Vernunft kann sich mit groesserer Wucht dem Boesen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht.‘

    Also: Verschwendet nicht sinnlos eure Wut, sondern hortet euren Zorn und seid bereit!

  3. @Tilman: Alle Beiträge waren richtig gut :) So richtig entscheiden, welcher davon nun der „Beste“ war, könnte ich auch im Nachhinein noch nicht :)

  4. Ich hatte nich erwartet, dass die Kritik so ausführlich ist, aber mir gefällt, dass du auf vieles eingehst und zu jedem Künstler ein Zitat hast :-) Trotzdem war es etwas massig. Und ich hab ein paar Tippfehler gefunden *muahahah*

  5. Liebe Lisa,

    danke für den ausführlichen Beitrag – freut mich als Künstler sehr, wenn so ausführlich und begeistert berichtet wird. :)
    Ich möchte nur eine kleine Sache (zwecks Google Optimierung und so ;) ) korrigieren; da dass von der Bühne total schwer verständlich war, Unser Slam Team heißt „Brave New Word“. :) also ohne das „L“ am Ende. :)
    & @ Tilman: Vielen Dank!!!! :)

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

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