Der Wächter im Kunsthof

„Seid ihr des Wahnsinns? Die Uhr, sie schlug schon Mitternacht! Meine Kinder ruhen bereits in ihren Bettchen!“ Wenn der Wächter im Kunsthof die Vernunftgabel rausholt, sollten alle einen Schritt beiseite gehen. Beruhigende Worte von links und rechts, können sein Gemüt nicht besänftigen. Doch dann: „Psssst, pssst, pssst“, tönt es plötzlich aus allen Ecken. Und tatsächlich: unerwartete Stille legt sich über die aufgeregten Münder. Der Wächter fährt seine Krallen ein und verschwindet in der Masse Schaulustiger.

Mein erster Besuch beim diesjährigen Schaubuden Sommer war so nicht geplant. „Ein oder zwei Bier, gemütlich vor der Scheune trinken und dann gleich wieder nach Hause“, so der Gedanke als ich meine Wohnung an diesem Abend verlasse. Leider – wie so oft im Leben – kam mal wieder alles anders. Aus meinem zweiten Bier wird ein Gin-Tonic und dann taucht auch noch dieser Lockenkopf auf. „Ihr müsst unbedingt noch zur Mitternachtsüberraschung, bevor ihr nach Hause geht“, so seine Empfehlung.

Inzwischen hat sich auf der Alaunstraße schon eine riesige Menschentraube gebildet, die fröhlich Richtung Kunsthofpassage marschiert. Während sich auch die letze Lücke vor dem Platz des Ultramaringelb mit Leben gefüllt hat, ringt der aufmerksame Wächter mit Anwohnerstatus um Anhörung seines Anliegens. Das kleine Gitarrenorchester vor dem Mrs. Hippie überspielt die Szenerie kunstvoll als ob gerade ein neuer Tatort abgedreht würde. „Pssst, pssst, pssst“ – wie eine Welle überträgt sich der zischende Laut von Lippe zu Lippe.

Die einkehrende Ruhe entpuppt sich gleichzeitig als Startschuss für die Mitternachtsüberraschung. Romantisch ausgeleuchtet, haben sich die bärtigen und weniger bärtigen Männer des Dresdner Gnadenchors auf einem Balkon positioniert. Gehört der aufgeregte Wächter eventuell zum satirischen Schauspiel dazu? Sind wir tatsächlich Teil einer neuen Hinterhof-Doku geworden? Ich verwerfe dieses Gedankenspiel und versuche mich auf die gesungenen Texte über mir zu konzentrieren. So richtig vermag mir das jedoch nicht gelingen, der farbige Konfettiregen, welcher vom Himmel rieselt, hypnotisiert mich. Und nur eine knappe Viertelstunde später ist der Spuk auch schon vorbei. Auf dem Heimweg fällt mir schließlich doch noch etwas ein, dass vom Chor thematisiert wurde: Landwirtschaft – es ging, glaub ich, um „Cannabis-Pflanzen“.


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6 Kommentare zu “Der Wächter im Kunsthof

  1. Vielleicht ergötze sich wer und schenkt ihr eine Freikarte damit die Autorin erfährt was der SchauBudenSommer ausmacht neben Bier VOR der Scheune zu trinken.
    Was der Rest des Textes dem Leser vermitteln erschließt sich mir nicht ganz.

  2. Das waren Rosenblütenblätter, kein Konfetti! Und der Nachbar benötigt Baldrian. Oder nen andren Wohnort.

  3. Solange ich mindestens eine Person habe, die hinter mir steht, werde ich nicht aufhören zu schreiben. Sorry.

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

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