Und ewig mahnt das Zifferblatt

Joachim Reimer in seiner Werkstatt. Von wegen zauselig!
Joachim Reimer in seiner Werkstatt. Von wegen zauselig!
Für Captain James Hook, den fiktiven Widersacher Peter Pans, wäre der Eintritt durch die schmale Tür zu Joachim Reimers Laden ein traumatisches Erlebnis gewesen. Es tickt, tackt und klackert, als applaudierte permanent ein routiniertes Publikum. Zu vollen Stunden schießen Kuckucke aus ihrem Gehäuse und verabschieden eine frisch verstorbene Stunde. Seit 1982 betreibt Joachim Reimer auf der Bautzner Straße sein Geschäft mit der Vergänglichkeit.

Für Reimer stellte es eine Selbstverständlichkeit dar, denselben Beruf zu erlernen wie sein Großvater und Vater. Zwar wuchs er bei seiner Mutter auf und wurde nicht durch nachmittägliche Bastelstunden vorgeprägt – seine Berufung fand er trotzdem und vermutet eine genetische Affinität. Für seine Lehre ging er nach Glashütte, obwohl ihm ein Oberguru des Fachs, Horst Landrock aus Zittau, lieber gewesen wäre. Der hatte jedoch gerade sein eigen Fleisch und Blut in der Ausbildung und Reimer entschied sich für den historischen Betrieb im Osterzgebirge. Er war gerade im Stadium des industriellen Uhrmachers angelangt und hätte das Handwerk gern noch tiefer durchdrungen, als er zur NVA musste. Nach Ableistung der Wehrzeit verschlug es ihn in seine Heimatregion nach Zittau. Als Beleuchter arbeitete er am Gerhart-Hauptmann-Theater, was seinem Faible für Schöngeistiges entsprach. Vierzig Vorstellungen eines Stückes bedeuteten für ihn keine Langeweile. Im Gegenteil: so konnte er die feinen Nuancen im Spiel, die dem einmaligen Besucher entgehen müssen, vergleichen.

Damen vom alten (Pendel-)Schlag. Ist das Pendel exakt 998 Millimeter lang, dauert eine Halbschwingung eine Sekunde.
Damen vom alten (Pendel-)Schlag. Ist das Pendel exakt 998 Millimeter lang, dauert eine Halbschwingung eine Sekunde.

Reimer erfuhr, dass sein Onkel auf der unteren Alaunstraße eine Uhrmacherwerkstatt betrieb und arbeitete dort mit. Als sich seine Tätigkeiten mehr und mehr auf Büroarbeit beschränkten, entschloss er sich, die Werkstatt Mühle auf der Bautzner Straße zu übernehmen. Einen Teil seines Wissens holte er hier autodidaktisch nach, vertiefte sich in die Feinmechanik, die Magie der Chronometrie. Manchmal, sagt Joachim Reimer, packt in das Fernweh. Sein Sohn ist Industriekletterer und besteigt Hochhäuser und Türme auf der ganzen Welt. Da ist es Reimer auch manchmal so, als müsste er sein Köfferchen packen. Aber für jemanden wie ihn fühlt sich dann schon ein Museumsbesuch wie eine Weltreise an. Stellvertretend umrunden seine Uhren für ihn kleine Universen, Kunden tragen sie weit fort. Und wenn Reimer Uhren aus dem 18. Jahrhundert flickt, ist das wie eine Zeitreise.

Joachim Reimer hat keine Probleme, zum Ticken einer Uhr einzuschlafen – was nicht heißen soll, dass ihm das je in seiner Werkstatt passierte. „Uhrmacher ist das schönste Handwerk der Welt“, haucht er fast zärtlich. In seinem Metier vereinen sich Kunstfertigkeit und Lebensweisheit in einem komplexen Zusammenspiel aus Zahnrädchen, Federn und Schräubchen. Spindelketten, genietet wie Fahrradketten, und dabei so fein wie ein Spinnweb. Dazu braucht man gute Augen und eine ruhige Hand – und dazu wiederum braucht man Zeit. Nur zwei Tage hatte Reimer seine Pforten anfangs geöffnet, den Rest der Woche war er mit Reparieren beschäftigt. Der Blick in ein Uhrwerk verrät die Handschrift des Konstrukteurs, „seinen Geist“, sagt Reimer. Seine Arbeit führt ihn in kleinteilige Mikrokosmen, einzigartig und privat. Mit Andacht seziert Reimer kranke Uhren, deren Werk holprig schlägt. Entfernt Rost, setzt winzige Zähnchen in winzige Lücken ein. Je präziser die Arbeit, desto reibungsloser der Lauf: Eine Möglichkeit, sich der Unendlichkeit anzunähern und sich dabei mahnend die eigene Endlichkeit ins Bewusstsein zu rufen.

Den freien Montag nutzten Joachim Reimer und seine Frau diese Woche zur manuellen Zeitumstellung.
Den freien Montag nutzten Joachim Reimer und seine Frau diese Woche zur manuellen Zeitumstellung.

Informationen und Öffnungszeiten


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Palais-Sommer

  • Uhrmachermeister Joachim Reimer, Bautzner Straße 58
  • Montag geschlossen, Dienstag bis Freitag 10 bis 18 Uhr
  • Telefon: 0351  8043845

13 Kommentare zu “Und ewig mahnt das Zifferblatt

  1. Das ist ja abgefahren und völlig unlogisch, es stehen doch nicht nur eine Ziffer, sondern mehrere Ziffern auf dem Blatt. Dann will ich es mal korrigieren. Danke für den Hinweis.

  2. Aha, hab mich gebildet. Das Wort ist ein Determinativkompositum aus den Substantiven Ziffer, Fugenelement -n und Blatt. Und solche Fugenelemente werden ja immer ungebräuchlicher.

  3. Immer diese Halbwahreheiten. Man kann es mit oder auch ohne „n“ schreiben. Das bestätigt „mein“ Duden.

  4. Ups meckere über andere und habe selbst einen Fehler gezaubert. „Mein“ Duden ist fast neu ;-), wenn man über die Fettflecken und Rotweinspuren wegsieht.

  5. @Muyserin: duden-online kennt Ziffernblatt jedenfalls nicht. Und in dem sich mehr an der amtlichen Rechtschreibung orientieren Wahrig steht es ebenfalls nicht drin.

  6. Vielleicht solltet Ihr Herrn Reimer fragen, der muss doch wissen, ob seine Uhren Ziffer- oder Ziffernblätter haben ;-)

    Sehr schön geschriebener Beitrag, schön auch, das es in Zeiten der unpersönlichen Massenkaufrauschtempel und des anonymen Netzhandels solche Menschen in solchen Geschäften noch gibt, die ein Hauch von „guter alter Zeit“ umweht.

  7. Ja, da kann ich meinen Vorrednern nur zustimmen. Schöner Artikel.
    Was das Einkaufen angeht, so kommt es darauf an – wenn ich weiß, was ich will, kann ich es auch irgendwo kaufen. Wenn ich aber was spezielles will oder fachkundige Beratung oder eben eine Reparatur brauche, dann bleibt nur das örtliche (Fach-)Geschäft.

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

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