Die Neustadt im Wandel der Zeiten

Einst vom Abriss bedroht ist die Neustadt heute das angesagteste Viertel der Stadt. „Wissen Sie, wir nennen die Straße immer Görlitzer Allee, wegen der vielen Bäume in den Dachrinnen.“

So sahen Anfang der 1990er Jahre viele Häuser in der Neustadt aus.
So sahen Anfang der 1990er Jahre viele Häuser in der Neustadt aus.

Diesen Satz werde ich nie vergessen. Gesagt hat ihn ein Taxifahrer zu mir im Jahre 1990. Es muss einer meiner ersten Besuche des Viertels gewesen sein. Die Neustadt, Europas größtes Gründerzeitviertel war damals heruntergewirtschaftet. Die Pläne zum Abriss lagen schon in den Schubladen. Dazwischen kam die Wende und mit ihr ein unglaublicher Boom. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Neustadt zu einem wunderschönen Stadtteil entwickelt.

Häuser, die noch Geschichten erzählen können. Häuser, die zum Teil mehr als 150 Jahre alt sind. Bunt und vielfältig und großstädtisch. In den engen Gassen tummeln sich die Bewohner und die Besucher. Auch für Touristen wird die Neustadt immer interessanter, die erkennt man daran, dass sie mit Faltplänen rumstehen und fragen, wo der Kunsthof oder Pfunds Molkerei sei. Freundliche Bewohner weisen ihnen dann den Weg. Der Stadtteil ist etwas mehr als einen Quadratkilometer groß und zählt fast 16.000 Einwohner. Hier wohnt Dresdens Jugend, das Durchschnittsalter beträgt rund 31 Jahre. Das Viertel vervielfältigt sich gerade selber, Schulen und Kindergärten platzen aus allen Nähten. Wer durch die Neustadt wandert, sieht überall nur Babybäuche und Kinderwagen. Knirpse auf Laufrädern machen die Fußwege unsicher.

Den Dresdnern ist die Neustadt noch immer vor allem bekannt als Kneipen-Viertel. Einerseits zu recht. Denn mit rund 150 Lokalen herrscht hier eine Kneipendichte, gegen die noch nicht einmal die angeblich längste Theke der Welt in Düsseldorf ankommt. Andererseits zu unrecht. Denn die Neustadt ist mehr, viel mehr. Im Viertel sind insgesamt mehr als 2500 Gewerbebetriebe angemeldet. Ein Neustädter Computerspielehändler brachte es kürzlich auf den Punkt: Alle Läden zusammen seien wie ein riesiges Kaufhaus. Hier gibt es nichts, was es nicht gibt. Auch in dieser Hinsicht ist es in der Neustadt bunter als anderswo. Nirgendwo sonst in Dresden gibt es mehr Künstler, mehr Galerien, mehr Buchhandlungen und mehr Bio-Läden auf so engem Raum.

Die Neustadt liegt zentral. Zu Fuß ist man in wenigen Minuten an der Elbe oder in der Heide. Der Albertplatz ist ein Straßenbahnknotenpunkt und auch einen eigenen Bahnhof haben die Neustädter. Und sobald die ersten Sonnenstrahlen herauskommen tummelt sich jeder Zweite auf dem Alaunplatz. Sei es, um einfach die Sonne zu genießen oder um den Körper beim Ballspiel zu stählen. Neustädter Leben – das ist eine andere Form von Lebensqualität. Hier scheint die Uhr schneller zu laufen. Keine Abende mit hochgeklappten Bürgersteigen, keine schrägen Blicke auf Schnorrer, Ausländer oder Andersdenkende – die gehören hier ebenso dazu wie der Yuppie, der Bürger oder der Spießer. Die Neustadt ist aber trotz alledem nicht besser oder schlechter – sie ist halt nur ein bisschen anders. Das ist gut und soll auch so bleiben.

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