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Geburt der Popgymnastik

Aus dem Trichter des Grammophons erschallt das schnarrende männliche Kommando: „Achtung. Wir stehen gerade, Brust raus, heben den Kopf und die Hände platzieren wir an die Oberschenkel. Im Takt der nun folgenden Blasmusik heben wir die Arme und die Hacken gehen zugleich nach oben. Also heben und senken, heben und senken, heben und senken …“1

Alaunstraße, zeitgenössische Postkarte
Alaunstraße, zeitgenössische Postkarte

Dies ist der Beginn der Gymnastikstunde bei Meta Lange im ersten Stock der Alaunstraße 1. Die Fenster waren weit geöffnet und ließen die um diese Jahreszeit Anfang Mai des Jahres 1924 merkwürdig feuchtkühle Luft, getrieben von böigen Winden, herein.

Das Grammophon als Turnlehrer

Die Vorturnerin Meta, in deren Wohnung sich das Damentrio traf, welches noch aus der Arztgattin Elsa Schreiber und der Frau des Landesbeamten Berta Fiedler bestand, kam so langsam außer Puste.

„Diese Luft bekommt mir gar nicht“, sprach Berta japsend. „Heute werde ich wohl nicht alle zwölf Übungen machen können.“ Den beiden anderen ging es nicht besser. Deshalb rief Vorturnerin Meta, die Gattin eines Majors der deutschen Restreichswehr2, eine Pause aus und ließ sich in einen der Stühle plumpsen. Zum Glück hatte sie kühle Limonade bereit gestellt, die hoch willkommen in großen Zügen getrunken wurde. Derweil dudelte das Grammophon weiter und gelangte bereits in die Übung Nummer drei auf der Turnerplatte.

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Die Beka-Turnplatten

Erst vor einigen Wochen brachte die Schelllackplattenfirma Beka diese Turnerplatten auf den Markt. Und Meta hatte die Idee, dass sich die drei Freundinnen doch wöchentlich bei ihr treffen könnten, um sich mit Musik und sportlichen Tipps den Winterspeck von Rippen, Hintern und Oberschenkeln zu entfernen. Keine leichte Angelegenheit, wie die Damen mittlerweile schweißtreibend erfuhren. Aber was solls. Schließlich möchte man in die neuen schmalen androgynen Kleider der Frühlingsmode passen und nicht unnötige Fettröllchen den lästernden Damen vom Frauenverein der Kirchgemeinde „Martin Luther“ präsentieren.

Gymnastik vor 100 Jahren.
Gymnastik vor 100 Jahren.

Die 1905 in Berlin gegründete Plattenfirma zählte inzwischen zu den bekanntesten in ganz Deutschland.3 Der merkwürdige Name war ein Kürzel der Gründer Bumb und Koenig. Beide gründeten damals ein Institut für moderne Erfindungen und entwickelten Phonographen und stiegen in den schnell wachsenden Markt der Schelllackplatten ein. 1910 kaufte sich dann der schwedische Industrielle Carl Lindström ein und übernahm 1917 die Beka vollständig. Mit weiteren Zukäufen und Markenübernahmen wurde er Europas größter Schallplattenproduzent.

Die Turnerplatte

Im Frühjahr 1924 brachte Beka dann die ersten Platten mit Anleitungen zur Gymnastik mit Musik für Zuhause heraus, eine Erfindung, die es in den USA schon seit längerem gab. Die Übungen begannen stets mit einem erklärenden Vortrag.1 Dann ertönten zackige Kommandorufe wie auf dem Kasernenhof oder im Sportverein. Diese gingen in rhythmisch gespielter Blasmusik bekannter Märsche und Turnerlieder über. Unsere drei Damen fanden die aufmunternde und anfeuernde Zusammenwirkung von Kommando und Musik wohltuend. Bei Meta als Offiziersgattin war das verständlich. Aber auch die anderen Damen waren dieser Art Musik in Verbindung mit sportlichen Übungen zugetan.

Überhaupt erfreuten sich die Turnerplatten rasch großer Beliebtheit. Was zunächst als lästige Pflicht empfunden wurde entwickelte sich erstaunlicherweise zur Freude und nervlichen Beruhigung. Plötzlich gab diese Mischung besonders auch den jungen Leuten neuen Schwung in die durch die Wirren der Nachkriegszeit vernachlässigten Körperertüchtigungen, straffte den Körper und die stärkten die Selbstdisziplin.

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Die Zukunft dieser Platten

Diese Turnerplatten erschienen in praktischen kleinen Alben mit ansprechendem Dekor mit ansprechenden Illustrationen und erklärendem Text.1 Damit bekam der Sport neben den Turnvereinen und Militärausbildungsstätten eine dritte Komponente, den Sport ganz individuell zu Hause.

Dabei waren die Amerikaner schon weiter. Dort gab es nicht nur die Turnerplatten für den Privatgebrauch, sondern auch sogenannte Gesundheitsplatten mit Vorträgen zum Dünnwerden, aber auch zum Dickwerden, gegen Rheuma und schlechte Verdauung, für jedes Alter und jede Krankheit.

Dresdner Nachrichten vom 25. Februar 1924
Dresdner Nachrichten vom 25. Februar 1924

Das gab es in den deutschen Landen nicht. Noch nicht. Aber das Land über den großen Teich schickte sich als einer der Siegermächte des Ersten Weltkrieges an, seine kulturellen Ansichten in der restlichen Welt zu verbreiten.

Für heute hatte das Trio genug

Im noblen Bad der Frau Major wuschen sich Meta, Elsa und Berta den Schweiß ab, zogen ihre Turnsachen aus und die Alltagskleider an. Den Abschluss bildete guter Bohnenkaffee mit frisch gebackenem Rhabarberkuchen. Genau die richtige Medizin für die verbrauchten Kalorien bei der Gymnastik. Auch wenn diese heute zeitlich verkürzt war. Dafür passte noch ein Eierlikörchen als Finale rein, zeitgleich mit dem Ende der Turnerplatte.

Anmerkungen des Autors

1 Dresdner Nachrichten vom 16. April 1924
2 Auf Grund des Versailler Vertrages von 1919 durfte die Reichswehr nur eine Gesamtstärke von 100.000 Mann haben.
3 siehe Wikipedia unter Beka und Carl Lindström


Unter der Rubrik “Vor 100 Jahren” veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür durchstöbert der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek. Der vorliegende Text ist literarischer Natur. Grundlage bilden die recherchierten Fakten, die er mit fiktionalen Einflüssen verwebt.

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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