Geld oder Leben heißt hier Schein oder Sein. Denn das Traumlos, dessen Ziffern ein jeder im Städtchen zu kennen scheint und ob der Sonntagszeitung nun plötzlich verkündet wurden, ist als Lottoglück nach 15 Jahren wöchentlichen Hoffens plötzlich wahr: Eine Million wartet auf die glückliche Tippgemeinschaft.

Zudem trifft es mit den vier nicht mehr ganz tau(f)frischen Geschwistern Möller, im Alltag meist traum-, wenn nicht gar schlaflos zugange, nun wahrlich nicht die Falschen beim Hauptgewinn der Landeslotterie (damals noch nicht Jacks Pott genannt) – zwei mit Familie und zwei schrullige Einzelgänger, die anno 1912 – vielleicht in Magdeburg, vielleicht in Wien, aber vor allem in Dresden – nicht auf die Mindestrente zu warten scheinen. Die Freude ist dermaßen groß, dass Lottoscheinverwalter Daniel, kleiner Sparkassenangestellter (spritzig-witzig von Frank Bendas gegeben), der seit zehn Jahren nur das Geld einsammelt, aber nicht mehr tippt, sich nicht traut, das Glück zu trüben.
Vier Wochen bleiben ihm bis zur Scheinscheineinlösung in Leipzig, hier als zehn Jahre altes Plagiat zur Ansicht, um die Dinge zu klären und seinen beiden Schwestern, Emilie als Gattin eines Tuchhändlers und dem Fräulein Julie sowie den begabten Egomanen Ferdinand, einem bislang erfolglosen Schriftsteller, zu erklären, dass es besser wäre, nicht reich zu werden oder gar zu sein.
Reibungslose 360-Grad-Wende durch Doppelfinte
Nach diesem furiosen Prolog scheint eigentlich schon vieles klar, aber die beiden Georgs sind Größen ihres Fachs – und so warten noch weitere zwei Stunden gute Unterhaltung. Denn der oberste Stadtindustrielle – galant, gierig, gerissen – tritt auf den Plan und präsentiert in Unkenntnis von Daniels Dilemma die Lösung aller Probleme, die er auf einem Empfang in gefühlten zwölf Minuten im Kasten hat: Er als Witwer nimmt die olle Jungfer, sein Sohn die Tochter von Daniel, der Tuchhändler Exner bekommt den Traum von der eigenen Fabrik auf dem von ihm unter Bedingungen verschenkten Gelände und dem Dichter kauft er den Landesliteraturpreis – ob nun von Kleist, Lessing oder Büchner, Geld spielt hier keine Rolle.
Das klappt so hervorragend, dass sich sogar sein Sohn Axel und die wildkeuche Margit wie vom Blitz gerührt verlieben – herrlich gespielt, und eigentlich auch ohne die Gewinnsumme wäre alles tutti, denn alle Pläne stecken in der Verwirklichung.

Doch wir sind hier nicht auf der Fritz Heckert, sondern bei schwarzdeutschem Humor im Expressionismus: Ein echter Magnussen lässt sich auch nach vierwöchigem Liebesglück nicht veralbern – ebenso schwer logisch kombinierend und umsetzend wird alles in Windeseile zurückgedreht, großes dramatisches Kino in selten stringenter Rasanz.
So hat die Alternativbesetzung zur ebenso gelungenen ersten Pauli-Produktion des Sommers, also von Shakespeares „Was Ihr wollt“, die Anfang Juno Premiere feierte, nun die Gelegenheit, in die Theaterhistorie einzugehen. Denn Georg Kreislers „Geld oder Leben“ beruht nicht auf des noch größeren Georg Kaisers „David und Goliath“ von 1920, sondern ward erstmalig überhaupt aufgeführt, wofür die Theaterbrigade der Ruine viel Einsatz wagte.
Große Besetzung, schwarzer Humor
Denn das Werk ist nur fragmentarisch erhalten, so dass Musikus Matthias Krüger, einziger Profi im 18-köpfigen Ensemble auf der Bühne, noch einiges an Arbeit bis zur Spielfassung, die ja zum großen Teil von den Musiktiteln getragen wird, aber offiziell nicht als Uraufführung zu gelten hat, hatte, welche er dann souverän leitete und am Piano begleitete. Falls die Notenblätter nicht aufgetaucht wären, hätte man Kaisers Original gespielt – auch das immer aller Ehren wert, wie jüngst die großen Häuser in Dresden und Magdeburg anhand dessen zeitlos-hundertjähriger „Gas-Trilogie“ zeigten.
Regisseur und Theaterruinenchef Jörg Berger hat herrliche Charaktere in seiner vertrauten Brigade: Neben dem Duell zwischen Familiensprecher und Scheinbesitzer Daniel und Magnussen, dem Reichsten, von Ilko Tschiedel ganz und gar professionell gespielt, überzeugt die Blitzliaison zwischen Karoline Teichmann und Maximilian Zumpe als Margit und Axel.

Die liebenswürdige Familie Möller, ergänzt um Daniels Frau Helene, seine Schwestern Emilie und Julie und den Dichter Ferdinand – allesamt herzerfrischend von Kirsti Schüller, Barbara Smith, Ilka Knigge und Christoph Mors gespielt – sowie Schwager Otto Exner mit Michael Hochmuth – gerät ob des Glücks und seiner Rückabwicklung wieder zusammen. Herrlich auch der Anwaltsgaudi (mit Tschiedel, Zumpe und Preu in einer kurzen Doppelrolle), mit dem der kleinen Erpressung der Wind aus den Segeln genommen und die alte Ordnung ohne Mehrwert wiederhergestellt ist.
Bittersüße Art von Kreisler
Kurz prüft sie das gemeinsame Aufmüpfen gegen das mafiöse wie galante Establishment, welches von Kreisler in seiner bittersüßen Art hintersinnig als alternativlos angeprangert wird, um dann doch das normale Weiterleben zu akzeptieren. Die mürrischen Dienstgeister sind mit Karl Weber als bärtigem Stubenmädchen und Christian Preu als geschäftstüchtigem Hausbesitzer bestens besetzt. Vor allem funktionieren die Chorszenen und der Gesang in musikalischer Einstudierung von Yvonne Dominik und Matthias Krüger, so dass es trotz heißer Premierentemperaturen großen wie verdienten Beifall gab.

Gegen solcherart ärgerliches Ungemach hilft heutigen Glücksspielern übrigens die beliebte Zufallszahlentippserei – aber man kann das einzuzahlende Geld auch in ein Sparschwein stopfen und sich den Gewinn bei vermeintlichen Treffern dann selbst auszahlen und mit der Gewinnquote vergleichen. Rein mathematisch müsste mehr herauskommen, da die Verwaltungskosten und die Staatsgier entfallen – der Vergleich funktioniert allerdings nicht mehr, wenn das Schule macht.
In der Theaterruine sind zudem – auch dank kluger wie nachhaltiger Spielplangestaltung – mit Shakespeares „Was Ihr wollt“ (wieder am 4. & 5. August) die ebenso gelungene Juno-Premiere und mit dem Vorjahreskracher „Monty Python’s Spamalot“ (wieder vom 9. bis 11. August) noch weitere respektable Stimmungsaufheiterer alternierend zu dieser traumlosen Traumhaftigkeit im aktuellen Angebot. Damit laufen wie im Frühjahr avisiert nun gar fünf (!) eigene Produktionen im Repertoire, wobei die Spielzeit diesmal bis Ende Oktober geht und der Spielplan der Kulturoase durch zahlreiche Gastspiele ergänzt wird.
„Geld oder Leben“ – Komödie von Georg Kreisler nach Georg Kaisers „David und Goliath“
- Nächste Vorstellungen am 21. & 22. Juli, 16. bis 18. August sowie 21. & 22. September (je 20 Uhr)
- Theaterruine St. Pauli



















