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Kunstmaler Kügelgen grausam ermordet

Ein Kurzkrimi aus dem Buch „Historische Kriminalfälle aus Sachsen“ von Dietmar Sehn.

Tausende Trauergäste waren am Gründonnerstag, dem 30. März 1820 zur feierlichen Beisetzung des Malers Gerhard von Kügelgen1 gekommen, voran Frau Helene, die Brüder Wilhelm und Gerhard sowie die zwölfjährige Tochter Adelheid. Die Trauergäste trugen brennende Fackeln. Alle gaben dem 48–jährigen Maler, der in Rom studiert und am Hofe des russischen Zaren in St. Petersburg Künstlerporträts für den dortigen Adel geschaffen hatte, auf dem Katholischen Friedhof in der Friedrichstadt die letzte Ehre. Was war geschehen?

Kügelgenhaus auf der Hauptstraße
Kügelgenhaus auf der Hauptstraße

Kügelgen spazierte einmal wöchentlich von seinem Atelier und seiner geräumigen, Elfzimmerwohnung an der Hauptstraße, dem „Haus Gottes Segen“, zu seinem im Bau befindlichen Wochenendgrundstück am Stadtrand zu Loschwitz. Er wollte sich von den Bauarbeiten überzeugen und den Arbeitern Geld auszahlen. Oft begleitete ihn ein Schüler oder sein Sohn Wilhelm, aber am 27. März 1820 ging Gerhard von Kügelgen allein den Weg. Wilhelm musste zur Chorprobe.

Als dieser zurückkehrte, wartete die Familie in der Stadtwohnung auf den Vater, der ansonsten immer gegen acht Uhr zu Hause war. Doch an diesem Tag in der Karwoche zeigte die Uhr bereits die neunte Abendstunde an, das Ausbleiben des Mannes war völlig ungewohnt. Es musste etwas passiert sein und die Sorge um den Vater wuchs. Der 17-jährige Sohn Wilhelm beschloss, den Vater mit Freunden zu suchen. Ein sieben Kilometer langer Weg lag vor ihnen. Die Bauarbeiter am neuen Grundstück hatten ihre Arbeit beendet, keiner war dem Maler begegnet. Ein Nachbar sagte: „Ihr Vater hat schon vor sieben das Grundstück verlassen!“

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Polizei sucht mit Hunden

Sohn Wilhelm informierte nach ergebnislosem Suchen die Polizei und bat um Unterstützung. Sie schickte Polizeihelfer und Hunde und die Gegend wurde rechts und links der Straße abgesucht. Die Chaussee führte an Villen vorbei, die durch Bäume und Felder unterbrochen waren.

Längst war Mitternacht vorbei. Plötzlich, der nächste Morgen dämmerte schon, bellte ein Hund. Sohn Wilhelm rannte zu dem Tier und erschrak. Er sah seinen Vater auf bloßer Erde liegen. Ihm bot sich ein bizarres Bild. Das Gesicht war durch Schläge blutig geschlagen und mehrere Stichwunden entstellten den linken Augenwinkel, den linken Unterkiefer und das linke Schläfenbein. Die rechte Gesichtshälfte war teilweise eingedrückt und zerschmettert. Gerhard von Kügelgen trug nur eine Unterhose und am Finger steckte ein goldener Ring. Der Maler war tot, erschlagen, erstochen. Offenbar war dies ein Raubmord: Uhr, Schlüssel, Geld und sogar seine Kleidungsstücke fehlten. Die Polizei sicherte Fußspuren.

Selbstportrait Gerhard von Kügelgen
Selbstportrait Gerhard von Kügelgen

Die unglaubliche Nachricht verbreitete sich in Windeseile und die Dresdner waren in höchster Sorge eines neuen Verbrechen wegen. Immerhin war in dieser Gegend erst vor Wochen ein grausamer, bislang ungeklärter Mord geschehen. Es war der vierte Mord innerhalb kurzer Zeit, ein Tischler war am Schwarzen Tor2 ermordet aufgefunden, eine Schildwache im Palaisgarten erschossen worden. Die Polizei veröffentlichte konkrete Angaben über die geraubten Gegenstände und die Regierung versprach eine Prämie von 1.000 Taler für denjenigen, der den Mörder anzeigte. Das Geld käme aus der Schatulle des Königs von Sachsen, der den Künstler sehr schätzte.

Gegenüberstellung im 19. Jahrhundert

Der Monat April brach an, der Verdacht fiel auf einen Unterkanonier, der einem Händler Kügelgens silberne Uhr angeboten hatte. Die Militärbehörde entschied, die Männer im Kasernenhof aufzustellen. Der Händler musterte die Soldaten, konnte aber keinen der angetretenen Burschen identifizieren. Erst beim Verlassen der Kaserne begegnete ihm ein junger Mann, der dem Verkäufer ähnlich sah. Der Mann informierte erneut die Polizei, die daraufhin den Unterkanonier Fischer festnahm. Dieser leugnete die ihm zugrunde gelegten Beschuldigungen. Er wisse nichts von einer Uhr, geschweige von einem Mord.

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Schließlich gestand er nach mehreren Verhören, doch einige Tage später widerrief er sein Geständnis, gestand, widerrief. Fischers Rettung brachte ein neuer Zeuge. Knapp einen Monat nach dem Mord an Kügelgen meldete sich ein weiterer Händler bei der Polizei.

Er berichtete von einem anderen Soldaten, der ihm Kleidungstücke anboten hatte und sagte: „Die Dinge gehören wahrscheinlich dem Ermordeten“. Beim Offiziersanwärter Kaltofen ergab eine Hausdurchsuchung, dass mehrere Gegenstände dem ermordeten Kügelgen gehört hatten.

Schließlich identifizierte der Händler ihn auch als Verkäufer der silbernen Uhr. Kaltofen kam unverzüglich in Haft und erklärte: „Die Sachen habe ich von Kanonier Fischer und in den Hosen steckte wohl der vermisste Schlüssel.“

Erneut wurde Fischer verhaftet, der wieder gestand und widerrief. Der Arzt hatte ihm Gedächtnisschwäche und Beschränktheit bescheinigt. Fischer wurde Mangels allen Verdachtes aus der Haft entlassen, erhielt alle Rechte eines sächsischen Untertans zurück – ein bislang einmaliger Fall in der sächsischen Kriminalgeschichte. Viele Dresdner waren über die Entlassung empört. Sein Verteidiger nahm Fischer in Schutz, sein Alibi war nicht anzufechten. Er fuhr mit ihm aus Dresden.

Neue Beschuldigungen

Inzwischen hatte ein Schuhmacher ebenfalls Kaltofen beschuldigt, bei ihm Stiefel des Malers reparieren zu lassen. Der 24-Jährige, der eigentlich guten Ruf und vorbildliches Benehmen genoss, verlor die Fassung und beleidigte den Zeugen auf üble Weise. Er polterte schließlich beim Verhör gefühllos und kaltblütig: „Ich habe kurz vor Weihnachten einen Mann, der mir über den Weg lief, mit dem Beil erschlagen. Ich brauchte Geld. Ostern brauchte ich wieder Geld. Ich lauerte jemanden auf und gab den erstbesten kurzerhand mit dem Beil einen Schlag auf den Kopf. Der Mann stürzte und ich nahm aus seinen Kleidern drei Taler, 17 Groschen und seine Uhr.“

Allerdings beschuldigte Kaltofen den Erstverdächtigen als Komplizen: „Wir haben einander geschworen, uns nicht gegenseitig zu belasten.“
Anfang Januar 1821 begann der Prozess des Leipziger Schöppenstuhls, der feststellte: „Das Motiv des Angeklagten war seine Spielsucht, die so stark war, dass er auf offener Straße zwei Leute tötete.“ Das Urteil lautete: „Der Angeklagte ist auf das Rad zu flechten und dort ist ihm jeder Knochen einzeln zu brechen.“ Kaltofen legte Rechtsmittel ein und bat um die Gnade des Königs und dieser bewilligte den Tod durch das Schwert, also die „leichtere“ Todesart.

Tod durch das Schwert

Am 11. Juli 1821 bestieg der junge, hübsche Mann zügig die Stufen zum Schafott. Seine letzten Worte lauteten: „Meine Herrschaften, Fischer hat dieselbe Strafe verdient, die ich jetzt erleide.“ Kaltofen strich sich die Haare aus dem Nacken und das Schwert des Henkers fiel. Die öffentliche Hinrichtung war wie immer eine Sensation und die meisten Einheimischen fanden die Strafe als durchaus gerecht, manche fragten sich: Ist Fischer tatsächlich unschuldig? Hatte Kaltofen einen Komplizen?

Der Kriminalfall zog sich nach dem Tod von Kaltofen noch eine ganze Weile hin. Die drei Händler prozessierten vor dem Amtsgericht und forderten die Belohnung von tausend Talern. Das Gericht entschied einen Vergleich und ließ das Geld an die Kläger aufteilen.. Die 200 Jahre alten Akten befinden sich im Sächsischen Hauptstaatsarchiv in Dresden und enthalten Fakten über den Mord. Die Notizen wurden fein säuberlich mit einem Federkiel und schwarzer Tinte gemacht. In einer der Akten findet sich die Feststellung eines Seelsorgers. Kaltofen hätte bei den Unterredungen seine kalte, entschlossene Botschaft, aber keine Reue gezeigt und Gott gedankt, dass seine Schandtaten ans Licht gekommen sind, denn er hätte wohl noch mehrere Morde verübt.

Im Kügelgenhaus befindet sich heute das Museum der Dresdner Romantik. Kügelgens Arbeitszimmer ist mit einigen Atelier-Utensilien nachgestaltet. Am barocken Haus steht mit großen, goldenen Buchstaben, wie einst die Inschrift: „An Gottes Segen ist alles gelegen.“

Ein schlichter Stein ziert das Grab des Professors. Der Maler Caspar David Friedrich, ein guter Freund von Kügelgen, hat ihn in einem seiner Gemälde „Kügelgen Grab“ verewigt.

Grabstätte des Malers Gerhard von Kügelgen, Caspar David Friedrich (1822)
Grabstätte des Malers Gerhard von Kügelgen, Caspar David Friedrich (1822)

Historische Kriminalfälle in Sachsen

  • Das Buch „Historische Kriminalfälle aus Sachsen“ von Dietmar Sehn ist im Suttonverlag erschienen, ISBN: 9783963033001.

Anmerkungen der Redaktion

1 Gerhard von Kügelgen, lebte von 1772 bis 1820, war Porträt- und Historienmaler und Professor an der Kunstakademie in Dresden – mehr Infos im Dresdner Stadtwiki.
2 Das Schwarze Tor – gehörte zur Stadtbefestigung von Altendresden (der heutigen Innere Neustadt), es befand sich an der Hauptstraße in Höhe des Albertplatzes. Es gegen 1812 abgebaut.

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