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Wer gewinnt die Wahl 1913?

Schnell noch einmal aufs Klo. Dies verordnete Gustav Herzog seinem 12-jährigen Sohnemann, ebenfalls Gustav mit Namen. Denn ob er so schnell wieder auf eine Hütte käme, bezweifelte sein Vater.

Widerwillig ging Gustav jun. auf die Toilette auf der halben Treppe zwischen dem dritten und vierten Stock auf der Hechtstraße 11. Derweil klopfte Gustav sen. an des Nachbars Tür. „Komme gleich“, hörte er von drinnen den Ruf seine Freundes Ernst Rosemann. Dann erschien dieser mit seiner frisch verheirateten Luise.

Reichskrone, Postkarte von 1914
Reichskrone, Postkarte von 1914

Angezogen mit dem Besten was der Kleiderschrank hergab, begaben sich der Sattlergehilfe Gustav mit Junior und der Arbeiter Ernst mit Gattin in Richtung Bischofsplatz und dann weiter zur Reichskrone1. Es war schon gegen 7 Uhr abends an diesem 10. Oktober 1913 und immer mehr Leute hatten dieses Ziel. Sie alle waren Sozialdemokraten. Der Feen-Saal war der Treffpunkt der Sozis in der Neustadt und schon gut besucht.

Noch lief die Stimmenauszählung im vierten sächsischen Reichstagswahlkreis2. Eine Nachwahl, da der bisherige Abgeordnete, ebenfalls ein Sozi, verstarb. Die Zeit der Stimmenauszählung vertrieb man sich mit Bier, Spaß und politischen Diskussionen.

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Fröhliche Stimmung in der äußeren Neustadt

Gegen acht waren Saal und Biergarten so voll, dass die Polizei das Gelände sperrte. Euphorisch gab das Leib- und Magenblatt der hiesigen Sozialdemokratie, die Dresdner Volkszeitung (DVZ), die Stimmung am anderen Tag so wieder: „Die Verkündung der ersten für uns günstigen Zahlen aus einem Stadtbezirk löste lauten Beifall aus und jede weitere Mitteilung steigerte die Erwartung bis zum Schluss.“

Dresdner Volkszeitung vom 11. Oktober 1913
Dresdner Volkszeitung vom 11. Oktober 1913

Es wurde aber nicht nur gesoffen und politisiert. „Die Kapelle des Hauses spielte fleißig in die plaudernden und ratenden Massen hinein, sobald aber die Arbeitersänger das Podium betraten, um das Volk im Saale mit markigen Freiheitsliedern zu unterhalten, wurde aufmerksam gelauscht und lebhaft Beifall gespendet.“ Gustav Junior sang mit, da ihm viele Lieder aus der sozialistischen Kindergruppe im Hechtviertel bekannt waren.

Ein Raum in der Reichskrone durfte nicht von Unbefugten betreten werden. Hier arbeitete das Wahlkomitee ruhig und konzentriert an der Erfassung der Ergebnisse, wie die Zeitung schrieb. Diese erfuhr man per Telefon aus den Wahllokalen, was nicht einfach war, da die Verbindungen durch das „Fräulein vom Amt“ persönlich hergestellt wurden und es häufig wegen Netzüberlastung nicht klappte.

Ein Siegesfest

Dann war es endlich soweit. Der Wahlbeauftragte der SPD, Wirth, trat auf die Bühne. Stille breitete sich im Feen-Saal aus. Ein spannungsgeladenes Knistern lag in der Luft. Wirth verkündete den Sieg des Kandidaten der SPD, Wilhelm Buck. Im ohrenbetäubenden Jubel gingen die weiteren Worte unter. Der Saal bebte, die Anwesenden fielen sich in die Arme. In der DVZ las man am nächsten Morgen die Details. Das rechtselbische Dresden wählte mit absoluter Mehrheit rot. Wilhelm Buck erzielte einen Vorsprung von mehr als 6.000 Stimmen vor seinen bürgerlichen Herausforderern, den Konservativen und den Fortschrittlichen. Auch in einer Listenvereinigung hätten diese den Sozialdemokraten nicht schlagen können. Dadurch entfiel eine Stichwahl.

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Der Sieg täuschte aber nicht darüber hinweg, dass die Wahlbeteiligung geringer als bei der regulären Reichstagswahl im Jahr zuvor ausfiel. Eine Methode hatte damals ihren Ursprung. „… das Heranschleppen säumiger Wähler ging ohne besondere Aufregung von statten.“ Leidtragende der geringeren Wahlbeteiligung waren besonders die großen bürgerlichen Parteien. Die Dresdner Nachrichten und der Dresdner Anzeiger lasen den Nichtwählern die Leviten. Sie wären „hinter dem Ofen sitzen geblieben, wahrscheinlich, weil ihnen zu gefährlich erschien, ihre werte Person dem Regen und dem kühlen Luftzuge Preis zu geben“.

Der Feen-Saal der Reichskrone - Postkarte von 1913
Der Feen-Saal der Reichskrone – Postkarte von 1913

Treff der Bürgerlichen

Die Konservativen kamen im Neustädter Kasino3 auf der Königstraße zusammen. Den ganzen Abend hofften sie, dass es zur Stichwahl kommen möge. Die Ernüchterung folgte. Süffisant schrieb die Dresdner Volkszeitung: „Herr Hartmann (der Chef der Konservativen) ließ den Wahlkreis 4 hochleben und ein General a.D. die Frau Hartmanns.“

Die Fortschrittlichen trafen sich im Ballhaus4 auf der Bautzner Straße. Dort machte man den Altstädter Kollegen böse Vorwürfe, „dass sie der Bitte um Feldunterstützung nicht entsprachen.“ Der Getränkeumsatz soll nach Einschätzung von Inhaber Alfred Pfahl sehr mäßig ausgefallen sein.

Fazit

Viele Sozialdemokraten träumten ob des grandiosen Sieges mit größter Euphorie: „Vorwärts zu neuer Arbeit, zu neuen Siegen, der Morgenröte einer besseren Zeit entgegen“ (DVZ vom 11. Oktober 1913). Das war aber den Genossinnen und Genossen aus der Hechtstraße 11 an diesem Abend schlicht egal. Gustav Herzog Senior mit Ernst Rosemann und seiner Luise strebten sichtlich berauscht vom Bier und anderem Gesöff schwankend und frivole Lieder singend der Heimat entgegen, sicher geleitet vom nüchternen Gustav Junior.


Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür hat der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek durchstöbert.

Anmerkung des Autors

1 Die Deutsche Reichskrone an der Königsbrücker Straße, Ecke Bischofsweg mit dem 1869 errichteten Ballsaal änderte mehrfach den Namen. In den Dreißigern nannte sich die Einrichtung Reichsadler, dann Damm´s Etablissement und zu DDR-Zeiten Gaststätte Aktiv. 1993 wurde das gesamte Gebäude abgerissen und durch einen Bürobau ersetzt.
2 Der damalige vierte Reichstagswahlkreis im Königreich Sachsen umfasste die Stadtgebiete rechts der Elbe sowie die Städte Radeberg und Radeburg. Es galt hier das Mehrheitswahlrecht. Verstarb ein Abgeordneter, musste neu gewählt werden. Frauen hatten noch kein Wahlrecht.
3 Dort befindet sich heute das Kulturrathaus.
4 nicht mehr existent

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