Gewählte Ausdrucksweisen, pikante Geschäftsideen und Hilfe in der Not

Standesunterschiede bemerkt man nicht nur an bestimmten Kleidungsstilen, stolzer Gangart, moderne Accessoires, bestimmte Automarken, die gefahren oder benutzt werden und das Wohnen in bestimmten Gebieten. Diese Unterschiede bemerkt man auch in einer sprachlichen Ausdrucksweise. Da werden bewusst Dialekte unterdrückt, Fremdwörter benutzt und manch einer kommt sprachlich gestelzt daher.

Sprache der Journaille

Auch die Journaille der Landeshauptstadt ließ in Satzbau und Ausdruck durchblicken, wer ihr Leserklientel ist. Wie drückt man sich aus, wenn man der gut bürgerlichen Leserschaft darstellen will, dass der Wasserstand der Elbe auf Grund von Regenfällen der letzten Tage gestiegen ist? Und zwar so, wie in den Dresdner Nachrichten am 1. September 1920 zu lesen ist. „Die Elbe hat infolge der reichen Zuflüsse schnellen Wuchs gehabt und ist seit langem wieder vollufrig.“

Treuhandgebaren ohne Treuhand

Bei der folgenden Information könnte man meinen, in das Jahr 1990 versetzt zu sein, wo eine gewisse Treuhand wirkte. „Es mehren sich die Klagen, dass stillgelegte Betriebe, wie z.B. Brennereien, Ziegeleien, Fabriken, gewerbsmäßig zu billigen Preisen aufgekauft werden, um sie alsdann niederzureißen, und die einzelnen Bestandteile, wie Stoßziegel, Maschinen, Metalle und dergleichen unter Ausnutzung der heutigen hohen Preise mit wucherischem Gewinn weiter zu veräußern.“

Diebin auf neuen Wegen

Jede geplante Aktivität bedarf einer guten Recherche. Dabei spielen die sogenannten fünf W-Fragen eine Rolle. Dessen war sich auch eine gewiefte Diebin bewusst. So verhörte sie ganz liebenswürdig mit allerlei Leckerlies Kinder aus besser gestellten Kreisen darüber, ihre familiären Gewohnheiten preis zu geben. Unter dem Vorwand, Mehl und andere Lebensmittel in die Wohnung zu bringen, die 1920 der Rationierung unterlagen, verschaffte sie sich Zugang in die Etablissements und bestahl die leichtgläubigen Hausfrauen. Aber diese Geschäftsidee hatte ihre Lücken und Stolpersteine. Das Gesicht der Diebin wurde bekannt und die Polizei machte sie alsbald dingfest.

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Sachsen will Porzellangeld

Jedem Bürger sein Meißner Porzellan in der Geldbörse! Oder vielleicht auch Kloschüsselporzellan von Villeroy & Boch? Ist die sozial-liberal dominierte Volkskammer im Frühherbst 1920 nun vollends verrückt geworden? Mittnichten. Es ging darum, dass in jeder Stadt gedruckte Notgeld zu beseitigen und dem Kleingeldmangel zu begegnen. Darüber stritten sich das Reichsfinanzministerium in Berlin und das Gesamtministerium hierzulande. Das Problem: Das Not-Kleingeld als Schein konnte man nur in der eigenen Stadt oder Gemeinde ausgeben. Nicht im Nachbarort. Mit dem landeseigenen Porzellangeld (in Ermangelung von Kupfer, Silber, Nickel, Aluminium und Gold auf Grund der Reparationen) könnte man dem Kleingeldmangel beseitigen und der um sich greifenden Notgelder in den Gemeinden entgegenwirken. Der Streit zwischen Berlin und Dresden ging erstmal weiter.

Nudeln für alle und Bohnen für die Rentner

Nein, nicht zum Sattessen. So gab es in der Amtshauptmannschaft Dresden-Neustadt für den ganzen September 1920 ein halbes Pfund Teigwaren pro Person. „An die Inhaber von Postausweisen auf Altersrente, Invalidenrente, Krankenrente, Witwenrente, Waffenrente, Unfallrente, Kriegshinterbliebenenrente, Militärrente, Erwerbslosen-Kontrollkarten sowie Haushalte, die Milchgutscheine beziehen (nicht Krankenmilch), werden ein Pfund weiße Bohnen zum Preis von einer Mark ausgegeben“, war in der Zeitung zu lesen.

Den Haushalt in Schwung bringen

Nicht den der hohen Politik, sondern den ganz privaten. Dazu wandten sich die Dresdner Nachrichten speziell an die bürgerlichen Hausfrauen, „die mit ihren Familien aus Bädern und Sommerfrische heimgekehrt sind und nun nach kurzer Entspannung das Triebwerk des Haushalts wieder in Schwung setzen“ müssen. Und sie haben es nicht leicht. Auf Grund der Teuerungen mussten sie viele Bedienstete entlassen und sich mit stundenweisen Aushilfskräften minderer Qualität begnügen. Nun mussten sie allein und ohne Unterstützung die Wintergaderobe aufbereiten schadhafte Wäsche ausbessern.

Das erst 1919 eingerichtete damalige Arbeitsamt, der sogenannte „Zentral-Arbeitsnachweis“ war in diesen Kreisen zu wenig bekannt. Das wirtschaftliche Desaster bewirkte, dass sich unter den Arbeitssuchenden auch „Frauen aus den besseren Ständen“ befanden die zu einer beruflichen Tätigkeit gezwungen waren. Deshalb informierte die Zeitung ihre Klientel. „Gute Aushilfskräfte können kostenlos durch den Zentral-Arbeitsnachweis von der Abteilung Putz-, Wasch- und Scheuerfrauen, Marienstraße 17, Fernsprecher 25 881, gestellt werden.“

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Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür hat der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universtätsbibliothek durchstöbert.

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