Von einem leeren Laden

Louisenstraße mit Juwelier - Foto: Lothar Lange

Louisenstraße mit Juwelier – Foto: Lothar Lange

Ein trüber Herbsttag vermiest mir die Laune. Regentropfen klatschen fett in die Pfützen und auf meine Nase. Ich stülpe den Kragen hoch und eile durch die Straßen, dringende Besorgungen verhindern, dass ich zu Hause und im Sessel bleibe. Ein solcher Tag, ganz ohne beglückende Sonnenstrahlen, ein solcher Tag drückt auf das Gemüt. Ein Auto spritzt mich voll, ich springe zur Seite, schrecke auf und nehme meine Umgebung wieder war. Es regnet gar nicht mehr. Mein Blick wandert befreit zur anderen Straßenseite. Ein oranges Schild fesselt meinen Blick. „Zu vermieten“ – das ist nicht neu, oft zu lesen in der Neustadt. Ob an sanierten Häusern, leeren Läden oder Kneipen.

Zwei einfache Worte, doch hier steht mehr dahinter. Hier auf der Louisenstraße 22 war der Uhrmacher und Juwelier Theodor Scholze. Zweimal habe ich hier meine Uhr reparieren lassen. Immer war er freundlich, auch die Mitarbeiter. Beide Male konnte er helfen und beide Male zeigte er sich erstaunt: „Dieses Modell habe ich noch nie gesehen.“ Was beim zweiten Mal offensichtlich eine Lüge war und sicherlich eine kleine Schmeichelei. Wie oft hat mir nachts, wenn ich aus der Planwirtschaft kam, die große Uhr gezeigt, dass es schon wieder viel zu spät ist. Diese Uhr, die ein paar freche Bengel im Winter mal mit Schneebällen beworfen haben, sie hängt draußen vor der Tür und zeigte die Zeit, peinlich genau. Jetzt ist sie weg, ebenso die Glastafeln, nur auf dem Putz steht noch der Name. Und dieses Schild: „Zu vermieten“, grausam und orange.

Jetzt schimmert die Sonne doch noch durch die Wolken, hilft vergessen. Hilft, nach vorne zu schauen. Ich drehe mich einfach nur um. Fleischer, Blumenladen, eine Drechslerei und eine Lederwerkstatt, Läden gibt es jede Menge in der Neustadt. Hoffentlich auch noch genug Leute die da einkaufen. Denn wenn hier nur noch Kneipen sind, werden am Tage die Bürgersteige hochgeklappt und das Szene-Viertel wird zur Gastromeile.


Anmerkung 2006: Nach einiger Zeit ist ein anderer Neustadtklassiker in diese Räume gezogen – das Zentralohrgan. Fleischerei, Lederwerkstatt und Blumenladen sind immer noch da.

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3 Kommentare für “Von einem leeren Laden

  1. 9. November 2012 um 22:16

    Ein sehr guter Artikel! Du hattest die richtige Vorahnung 1999! Leider sind die mit Gastronomie zu erzielenden Ladenmieten wesentlich höher, als mit einem netten kleinen Einzelhandelsgeschäft. Zum Glück sind nicht alle Vermieter auf diesem Trip. Die Neustadt ist bunt, weil so viele unterschiedliche Konzepte da sind. Wenn es nur noch Kneipen, Bubble-Läden oder Dönerbuden (alle hier genannten haben selbstverständlich ihre Daseinsberechtigung!!!) gibt, ist es auch mit dem „bunt“ nicht mehr weit her. Leider. Und das wäre schade. Hoffentlich siedeln sich weiterhin auch Geschäfte an, die man in der Neustadt nicht vermutet, um dem manchmal noch anhängigen Eindruck, den einige Leute haben, entgegenzuwirken und sie in unser Viertel zu locken!
    Schönes Wochenende euch allen!

    • 9. November 2012 um 23:15

      Hallo Gustav, danke. Nicht jedes Haus ist für Gastronomie geeignet. Glücklicherweise. Wenn man die Augen schön aufhält, stellt man fest, es gibt noch viele Läden, die schon ganz schön lange hier sind. Dafür habe ich seit einer kleinen Weile die Kategorie Neustadt-Originale eingerichtet. Mal sehen, wann ihr es da hinein schafft. ;-)

  2. 10. November 2012 um 14:02

    Zum Glück gibt es viele, die schon lange da sind! In deine Kategorie „Neustadt-Originale“ kommen wir ja erst 2025… ;) Vielleicht schaffen wir es ja aber eher in deiner aktuellen Berichterstattung mal mit unterzukommen. Leider ist es eben nur ein Klamottenladen für Mädels, also nicht unbedingt was für dich. Aber ein Besuch lohnt sich allemal! Schönes Wochenende allen Neustädtern!

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