Fliegenjagd mit Sensenmanns Sense

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Berki (drums), Daniel (Bass), Robert (guitar), Smoerre (guitar), Tomz (text/vocals)

Haltestelle Dresden Industriegelände. Schnellen Schrittes überquere ich die Königsbrücker Straße, mein Blick zielsicher dem Eventwerk zugewandt. Ich finde den Weg „An der Eisenbahn“, welcher mich direkt in die Arme von Sensenmanns Sense treiben wird. Entlang der tristen Fassaden des „Sektors Evolution“ trottend, werde ich aufgeschreckt: Dumpfe Flügelschläge, Kreischen. Gut zwanzig schwarze Vögel kreisen über den Dächern und rauschen plötzlich panisch und geräuschvoll davon.

Der Sensenmann will spielen
Ein paar graue Wolken haben sich vor dem strahlend blauen Himmel zusammengeschlossen als wollten sie mir sagen: Bis hier hin und nicht weiter. Inmitten des düsteren Himmelsschauspiels sind die Vögel inzwischen zu schwarzen Punkten verschwommen – ihre Rolle als tanzende Todesengel haben sie perfekt einstudiert. Gewarnt, aber gespannt, setzte ich meinen Weg fort. Schließlich empfangen mich meine fünf Henker höchstpersönlich am Tor zur Hölle, ein breites Grinsen auf ihren Gesichtern verrät: Der Sensenmann will nur spielen – und zwar Hard Rock. „Reaper’s Scythe“ nennt sich die noch junge Band, welche in Zukunft auch die Neustadt unsicher machen möchte.

Fliegeninvasion im Proberaum

Im Schatten des Fünfergespanns betrete ich das sagenumwogende Gelände und werde schließlich in die heiligen Hallen des Sektors geführt.

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Zum Glück gibt es im Sektor-Labyrinth hilfreiche Hinweisschilder, die einen durch die dunklen Gänge lotsen.

Dunkle Gänge enden im Nichts. Wir tappen immer weiter. Ein leises Klacken erlöst mich nach wenigen Minuten und unzähligen Treppenstufen: Der Schlüssel passt, der größte Proberaum, den meinen Augen jemals zu Gesicht bekommen haben, wartet schon freudig darauf, mit musikalischem Leben gefüllt zu werden. Zwei riesige Räume, nur durch eine Schiebetür getrennt, bieten genügend Platz zum Ausrasten – das muss nachher gleich getestet werden. Wir begeben uns in den hinteren Bereich, der mit jedem Studentenwohnzimmer mithalten kann. Kaum auf dem Sofa sitzend, wandert auch schon das erste Bier über die Bar: Zunächst ein Zischen, dann ein Klimpern – nur das Summen unliebsamer Untermieter unterbricht die Glasflaschenromantik. Die Fliegenjagd im Kopfkino beginnt.

Ein Bierglas voller Klischees

Aus dem verträumten Thüringen verschlug es Marius alias „Smoerre“ 2005 zuerst nach Leipzig und 2011 schließlich in das Zentrum der Bunten Republik, seine Leidenschaft für Musik reiste mit ihm. Noch nicht mal richtig angekommen, geisterten ihm „alte Ideen“ aus seiner Musikerzeit in Leipzig durch den Kopf, die es in Töne zu übersetzen galt. 2012 entstanden dann die ersten Aufnahmen in den vier Wänden des Gitarristen. Unterdessen brauchte Daniel, der heutige Bassist, eine Bleibe. Smoerre gewährte ihm kurzerhand Asyl in seiner WG, die ersten Jam Sessions folgten. Es dauerte nicht lange und das „Tir Na N’og“ auf dem Bischofsweg wurde zum Stammpub auserkoren, bei reichlich Bier suchten die Musiker nach dem Bandnamen: Möglichst „heavy“ sollte er klingen.

Als großer Freund von Klischees, trägt Berki natürlich eine echte Rockermähne auf dem Kopf.

Als großer Freund von Klischees, trägt Berki natürlich eine echte Rockermähne auf dem Kopf.

Heraus kam dann „Reaper’s Scythe“, zu deutsch „Sensenmanns Sense“ – der Wunsch, sich in das Klischee einer Hard-Rock-Band einreihen zu können, erfuhr damit tiefe Befriedigung. Plötzlich huscht ein zurückhaltendes Lachen durch den Raum: „Eigentlich klingt ‚Reaper’s Scythe‘ härter als es letztlich geworden ist, so in etwa wie Iron Maiden“, gestehen die Jungs. Sänger „Tomz“, ebenfalls ehemaliger Kurzzeitasylant im Hause Smoerres, versuchte sich bei „Reaper’s Scythe“ zunächst nur als Poet. Er war bereits Mitglied in einer von Smoerres früheren Bands und wurde kurzerhand von seinem ehemaligen Bandkollegen in das neue Projekt integriert. Beim „Umsonst & Draußen Festival“, nach ein oder zwei Humpen Met, fragte dann Tomz seinen Freund ganz unverblümt: „Wer soll meine Texte eigentlich singen, soll ich?“. Reaper’s Scythe hatte nun einen Sänger.

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Tomz ist der Poet der Band. Die Ideen für die Texte kommen ihm in ganz alltäglichen Situationen.

Come and follow me…

Nach einer Weile fand Daniel eine eigene Bleibe und sein neuer Mitbewohner „Berki“ wurde ohne groß zu fackeln als Schlagzeuger verpflichtet. Aus alten Ideen, spontanen Jam-Aktionen und neuem Stoff entstand im April 2013 das gleichnamige Album „Reaper’s Scythe“ in Smoerres Neustädter Wohnung. Von der anhaltenden Euphorie getrieben, holte Daniel nur kurze Zeit später den fünften Mann mit in die Band. Mit einer CD in der Hand lief er zu einem ehemaligen Kommilitonen aus dem Grundstudium, um sein neustes “Spaßprojekt“ vorzustellen. Die Zeit schien still zu stehen, als sich aus dem Treffen eine kleine Jam Session entwickelte. Die dafür notwendige Technik wurde spontan zusammengesucht. „Come and follow me, show me your way“, hieß es in einem Song, den Daniel Robert vorspielte, während auf den Straßen den Menschen der Schreck noch in den Gesichtern stand. Die unberechenbaren Fluten des Elbe-Hochwassers hauchten die Stadt in Melancholie. Mittels Gitarre und Bass versuchten die zwei Musiker im Angesicht einer zerstörerischen Kulisse, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Robert fasste den Entschluss, als zweiter Gitarrist die Band künftig zu unterstützen.

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„Reaper’s Scythe“ waren ursprungleich ein „Wohnzimmer-Projekt, welches von dem Gitarristen ins Leben gerufen wurde.

Große Pläne

Seit Februar diesen Jahres sind die Fünf nun regelmäßig in ihrem Proberaum im „Sektor Evolution“ anzutreffen. Tiefgründige Textpassagen wie „no need to cry“ und „come back to life“ zeigen, dass in den harten Kerlen, ein butterweicher Kern haust. Das macht die Jungs nicht nur sympathisch, sondern ihre Musik auch authentisch. Aufgepasst liebe Kneipen- und Clubbetreiber – auch an Flexibilität mangelt es ihnen nicht: „Gerne passen wir unseren Stil stilistisch an die jeweilige Location an. Wir können dasselbe Set auch auf Klassik oder Hardcore spielen.“ Noch ein letzter Schluck Bier und die Jungs verschwinden mit einem breitem Grinsen aus ihrem Wohnzimmer und lassen sich auf ihrer noch größeren Spielwiese nebenan nieder, dann legen sie los: Sensenmanns Sense arbeitet sich Riffs rauf und runter, mit einer vorbildlichen Zärtlichkeit wird das Schlagzeug zurecht gewiesen, der Mikrofonständer gerät aus dem Gleichgewicht. Reaper’s Scythe freuen sich auf ihre ersten Konzerte mit einem kleinen eigenen Publikum, spätestens zur nächsten BRN soll der vielleicht größte Proberaum Dresdens einer öffentlichen Bühne weichen.

Weitere Informationen

  • Reaper’s Scythe, Booking unter E-Mail: info@reapers-scythe.com
  • Weitere Informationen auf Facebook oder auf www.reapers-scythe.com, hier gibt es auch das komplette Album als gratis Download.
  • Hörprobe

 

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3 Kommentare zu “Fliegenjagd mit Sensenmanns Sense

  1. Ali Mente
    15. Oktober 2014 at 15:37

    Aber hallo, so was von Klasse geschrieben, auch gern mal lang.
    Echt informativ und unterhaltsam.
    An wen denke ich eben noch ?

    Gruß Ali

  2. Olaf
    16. Oktober 2014 at 10:10

    jup, schickes ding.
    aber iiirgendwo fehlt iiirgendwas bei der mucke, ne prise salz oder so :)

  3. Marius
    17. Oktober 2014 at 17:48

    Die nötige Würze hat das Ganze im Proberaum mittlerweile bekommen ;)

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