Kebab-Violine und Burger-Harfe

Die zwei Jungs sind ein bisschen verwirrt. Wo kommen denn jetzt auf einmal die ganzen Leute her? Und was sind das für Musiker? Eigentlich wollten die beiden nur schnell einen Dürüm verputzen und sich dann die nächste Fussballkneipe suchen. Juventus Turin siegte gestern beim AS Monaco.

Plötzlich stimmt eine Musikerin ihr Instrument. Im Kebab-Haus auf der Rothenburger wird es still. Naja, fast still. Einer der beiden Burschen beißt beherzt in sein Dürüm, die Alufolie raschelt. Dann setzen auch die anderen Musiker ein. Eine leichte Melodie schwingt durch die Räume, vier Streicher interpretieren Franz Schubert. Das türkische Restaurant ist brechend voll. Die Kellnerin kämpft sich mit Mühe durch die Menge.

Die Staatskapelle ist zu Gast in der Neustadt. Hier im Kebab-Haus spielen Musiker der Orchesterakademie. Nora Scheidig und Tibor Gyenge auf der Violine, Christina Voigt auf der etwas größeren Viola und Jin Kyung Kim auf dem Violoncello. Die Gäste in der unmittelbaren Nachbarschaft halten den Atem an und ihre Döner werden kalt. Im Nachbarraum sind die Besucher weniger zimperlich. Nach einer kleinen Weile wird das Konzert als gegeben hingenommen und in gedämpften Tone gescherzt, gebechert und gespeist.

Der Musikjournalist Axel Brüggemann begleitete die Musiker mit einem Kamerateam.

Tango und Effes

Die vier Streicher sind inzwischen bei Astor Piazzolla angelangt, dem argentinischen Gott des Tango. Na, nicht, dass hier gleich noch ein paar Tanzsüchtige eine Milonga schieben. Aber nein. Dafür reicht der Platz nicht aus. Aber die fröhliche Leichtigkeit ist dahin und südamerikanische Schwermut macht sich breit. Ob das so gut zu Effes aus der Flasche passt. Im Handumdrehen sind dreißig Minuten vorbei und das Publikum strömt zur Bezahlstelle und dem Ausgang.


In insgesamt 13 Kneipen, Bars und Restaurants haben die Musiker der Staatskapelle gestern Abend in jeweils drei Sets aufgespielt. Einige waren brechend voll. Im Eckstein gab es nur noch Stehplätze. Vor Combo, Continental, Bon Voyage und Blumenau bildeten sich Menschentrauben.

Im Dirndl an der Harfe

Im Burgerheart, dem roten Haus, das übrigens nicht mehr von Christian von Canal geführt wird, in diesem Fleischklops-Restaurant jedenfalls ist noch etwas Platz. Im Obergeschoss steht eine riesige goldenen Harfe. Daneben sitzt ein zierliches Mädchen im Dirndl. Das sieht spannend aus.

Isabel Goller an der Harfe im Burgerheart.

Isabel Goller an der Harfe im Burgerheart.

Isabel Goller ist ebenfalls Stipendiatin an der Giuseppe-Sinopoli-Akademie der Staatskapelle Dresden. Schon im zarten Alter von neun Jahren hat sie den ersten Harfenunterricht erhalten, später dann am Mozarteum in Salzburg und in Zürich studiert. Der Kellner stellt die Disco-Dudel-Musik aus und Isabel greift in die Saiten. Zuerst etwas Klassik, passend zur Barockstadt ein Stück von Georg Friedrich Händel. Dann springt sie aber und spielt ein traditionelles Volksmusik-Stück aus ihrer Heimat. Die Finger sausen über die Saiten, entlocken dem prächtigen Instrument wundervolle Töne. Die Zuschauer applaudieren. Sie nutzt die Gelegenheit und erklärt kurz das Instrument mit den sieben Pedalen, die auch noch in zwei Stufen getreten werden können.

Dann etwas Pop-Musik. Als sie den Song von Elton John ankündigt, summt die vorbeihuschende Kellnerin schon mal die Melodie. Danach ist Isabel aber schnell wieder bei der „Volksmusik“, die sich irgendwie so gar nicht volkstümlich anhört. Nach einer halben Stunde ist das Konzert vorbei. Die Gäste applaudieren und werfen einen Blick ins benachbarte Eckstein. Dort drängt sich das Publikum um Harfe und Querflöte, die Zugaben laufen.

Volksmusik, Barock und Pop an der Harfe im Burgerheart.

Volksmusik, Barock und Pop an der Harfe im Burgerheart.

Ohne Frack

  • In der Neustadt ohne Frack – auch der zweite Besuch der Staatskapelle war ein tolles Ereignis für das Viertel. Jede Menge Videos und Fotos auf der Facebook-Site der Staatskapelle.
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2 Kommentare zu “Kebab-Violine und Burger-Harfe

  1. Karsten
    4. Mai 2017 at 19:31

    Schön geschrieben, gerade der erste Teil. Klingt fast wie „Döner Fressen Mit Romantik“. :-)

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