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„Pegida is wrong!“

pegida-wrong: Jello Biafra in der Scheune
Jello Biafra in der Scheune
Wir schreiben das Jahr 1990. Ein junger, dünner Mann, schwarze Hose, schwarze Stiefel, Kunstlederjacke mit Aufnähern, Kopfhöhrer zwischen den verstrubbelten, roten Haaren. Er lümmelt in der hinteren Ecke des letzten Straßenbahnwagens. Wippt mit dem Fuß zum Takt der Musik, ignoriert die Umwelt.

Das Schlagzeug hämmert, der Bass schrammelt, die E-Gitarre kreischt und der Sänger wird konkret: „Nazi-Punks – Fuck Off“ – den Refrain hat der junge Bursche laut mitgesungen. Schlechte Idee. Denn weiter vorn im Wagen regt sich was. Stiernackige Typen in olivgrünen Blousons und gefleckten Jeans werden aufmerksam. „Guck mal ne Zecke!“ Sie erheben sich und kommen langsam nach hinten.

Schnitt.

Jello Biafra in der Scheune
Jello Biafra in der Scheune
2016 – selber Song, selber Sänger, anderer Text, jetzt heißt es „Nazi-Trumps – Fuck Off“ und der ganze Saal brüllt mit. In der Scheune haben sich ein paar hundert ältere Herren mit Bierbäuchen und kahlen Stellen versammelt und hüpfen begeistert zum Sound von „Jello Biafra and the Guantanamo School of Medicine“ – ein Konzert für Insider. Jello Biafra war einst der Sänger der „Dead Kennedys“ und die wiederum waren Ende der 1970er Jahre eine der ersten amerikanischen Punk-Bands, zumindest die bedeutendste mit politischen Texten.

Jello Biafra, der eigentlich Eric Reed Boucher heißt, strotzt mit seinen fast 60 Jahren immer noch vor Energie und gibt auf der Bühne den Agitator. Zwischen den rasend schnellen mitreißenden Stücken schwingt er Reden im Stile eine Slam-Poeten. Immer mit erhobenen Zeigefinger und die politische Richtung ist klar. „Pegida is wrong!“ und „the alternative for germany is not an alternative“. Er fordert die Anwesenden auf, Überzeugungsarbeit zu leisten, von Angesicht zu Angesicht.

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Jello Biafra in der Scheune
Jello Biafra in der Scheune
Das Publikum nimmt es hin, nickt teils zustimmend, freut sich aber dann doch, wenn die Musik wieder einsetzt. Zu den Zugaben gibt er der Menge die erwarteten Hits wie „Holiday in Cambodia“ und „Too Drunk to Fuck“. Jetzt wogt der ganze Saal. Der Sänger stürzt sich in die Menge, wird getragen, Bierbecher fliegen, es wird geraucht und nicht nur Tabak. Regeln gelten heute nicht. Dann ist Schluss. Keuchende alte Herren gieren nach Luft, vor der Scheune werden Erinnerungen ausgetauscht.

Schnitt zurück nach 1990.

Der junge Bursche hat Glück, Haltestelle „Platz der Einheit“, er reißt die Türen des alten Tatra-Wagens auf, springt hinaus und gibt Fersengeld Richtung Alaunstraße. Die Stiernackigen sind zu lahm und kommen nicht hinterher. Vor der Scheune verfällt er in gemütliches Schlendern und dreht den Walkman wieder lauter: „California über alles!“

Jello Biafra in der Scheune
Jello Biafra in der Scheune

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9 Ergänzungen

  1. „Pegida is wrong!“ und „the alternative for germany is not an alternative“.

    Argumente werden dann nach dem Konzert nachgeliefert?

  2. @Anton,

    ein Konzert u.a. für mich ?
    Bin viel zu jung und habe keinen dicken Bauch.

    An dieser Stelle 1 Vorschlag:
    Sollten wir nicht endlich 1 „PEGIDA-Stiftung“
    gründen für täglich (Montags) widerkehrende
    Wanderungen ? Zweckgebunden für
    Wanderstöcke / Gehhilfen und Wanderkarten durch Prohlis
    & Gorbitz für jung und alt. Du könntest unter
    Angabe meiner Bankverblindung das Konto verwalten.
    Ich werfe schon mal 1,-€ ins Schweinchen.
    Verwendungszweck: Wanderstöcke.
    (Spendenquittungen werden bei Bedarf gefertigt
    und werden übrgeben) Gute Idee und machbar ?

    I.

  3. @Franzl: Wozu braucht’s denn Argumente? Heutzutage sind viele, dem Alter nach eigentlich erwachsene Menschen so, wie „wir“ früher als Kinder waren:

    1. Von nichts ne Ahnung. Aber wir wussten alles besser.
    2. Wir hatten viele Forderungen an die ganze Welt und ganz besonders zu unseren Gunsten. Aber jeder Form von Eigenarbeit und Eigenverantwortung gingen wir konsequent aus dem Weg.
    3. Wir waren für Solidarität. Aber Hauptsache alles drehte sich zuerst um uns selbst.
    4. Wir waren für Demokratie. Aber alle mussten unserer Meinung sein. Notfalls sahen wir uns zu Gewalt, Terror und Randale genötigt.
    5. Wir hatten den geistigen Horizont infantiler „Hirntoter“. Aber wir mussten allen Leuten aufbrüllen, wie diese die Welt zu sehen hätten.
    6. Unsere Lebensumstände zwangen uns dazu, linksradikal zu sein, im Eigeninteresse. Später, als wir endlich wissend wurden, wurde die Welt plötzlich viel komplizierter und wir viel kleinlauter. Auch das Sozialistischsein erschien vielen plötzlich gar nicht mehr so verlockend. Aber egal.

    Wozu in Gottesnamen, frage ich Dich, brauchten wir Argumente? Es reichte doch, dass wir grünschnäblige Klugscheißer waren…

  4. Das ist ein Konzert und keine politische Veranstaltung. Da kann man auch mal Parolen von der Bühne schreien, ohne immer als auszuargumentieren. Wem’s nicht passt, der muss nicht hinhören.
    Was mir persönlich gefallen hat, war, dass Biafra eben nicht gesagt hat: Haut den Deppen aufs Maul!“, sondern redet mit den Leuten, versucht, sie zu überzeugen. Das ist weit mehr, als man in manchen linken Kreisen bereit ist zu tun.

    PS: Isch ‚abe gar keinen Bierbauch! :-P

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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