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Lotte an Allerheiligen

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Für dieses Jahr reicht es aber, sagte sich Lotte Schöbel, als sie auf dem Kiesweg in der dritten Reihe das Grab ihres Mannes Oskar auf dem dritten Land des Inneren Neustädter Friedhofs erreichte. Ihre 84 Lenze machten sich deutlich bemerkbar. Völlig außer Puste setzte sie sich auf die lederne Querbank ihres klappbaren beigen Rollators.

Innerer Neustädter Friedhof: Blick in die Trauerhalle - Foto: Heinz Kulb
Innerer Neustädter Friedhof: Blick in die Trauerhalle – Foto: Heinz Kulb

Aber Tradition verpflichtet. Und an diesem 1. November 2026, dem Tag, an dem die Katholiken all der Heiligen gedenken, die aus Platzmangel keinen speziellen Ehrentag im Kirchenkalenderjahr hatten, gedachte man ihrer und mit dem morgigen Allerseelentag auch der Verstorbenen und ihrer Seelen. Da hatte sich im Laufe der letzten zweitausend Jahre eine Menge angesammelt.

Und so zog es Lotte ans Grab ihres Oskar. Die Heiligenschar und die anderen Seelen waren ihr eigentlich schnuppe. Ihr ging es um eine andere Sache. Oskar und Lotte pichelten Zeit ihres Lebens gerne mal einen. Seit Oskar diese Welt und sie verlassen hatte, kam sie deshalb zu bestimmten Tagen wie ihren Geburtstagen, Weihnachten, Ostern, Himmelfahrt, Kennenlern- und Hochzeitstag usw. mit Piccolo, Kräuter- und Eierlikör, mit Eierschecke und Kaffee hier an sein Grab. Und heute, an Allerheiligen, gab es zudem noch den Segen von ganz oben in Gestalt des Bodenbeauftragten, Pfarrer Gabriel. Auch das ein himmlisches Zeichen, denn der Pfarrer trug zudem noch den Namen des Chefs aller Engel.

Vorbereitungen

Dann holte sie das Glas mit der Kerze aus der Tasche ihres Gefährtes, zündete diese an und postierte sie inmitten des von den Friedhofsgärtnern bereits mit Fichtenreisig winterfest gemachten Urnengrabes. Als Schmuck waren noch zwei Töpfe mit einer violetten und einer silbernen Erika drapiert. Ihr Oskar oder richtigerweise das, was von ihm in der Urne übrig blieb, sollte bloß nicht frieren. Denn Zeit seines Lebens konnte er Kälte nicht vertragen. In einem früheren Leben war er bestimmt in den Tropen zuhause gewesen. Dessen war sich Lotte sicher. Mit Vorliebe zog es ihn und nach einigem Zögern auch sie des Sommers an FKK-Badegelegenheiten. Die Kerze diente übrigens dem Pfarrer Gabriel als Signal, dass das Bodenpersonal von dem da oben den Hinweis bekam, wo seine Schäfchen lagen. Wobei Lotte sicher war, dass der LIEBE GOTT oder zumindest seine Archivare es wussten. Nur die Gedächtnisse seiner irdischen Vertreter waren etwas endlich angelegt.

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Am Grab vom Oskar

Nun brauchte Lotte erst mal eine kräftige Stärkung. Aus der großen Tasche des Rollators holte sie ein kleines Klapptischchen. Darauf platzierte sie ein Spitzendeckchen, das sie noch von ihrer Mutter hatte. Stil musste in der größten Wildnis sein. Darauf achtete sie auch früher stets bei ihren Fahrradausflügen in die Dresdner Heide oder auf dem Elberadweg. Dann entnahm sie der Tasche ein Plastebehältnis mit einem Stück Eierschecke darin. Natürlich fehlten auch ein Kuchenteller und eine Tasse mit Unterteller nicht, alles aus echtem Meißner. Statt einer Kaffeekanne holte sie eine Thermoskanne hervor. Bei diesem trüben und kühlen Novembertag bedarf es etwas Wärmenden. Nachdem das Gedeck nebst Inhalten platziert war, wurde diese Kaffeerunde mit einem Likörgläschen vervollständigt, in welches sie sogleich den selbstgemachten Eierlikör eingoss.

Zunächst hob Lotte das Glas und prostete Oskar zu. Vor nunmehr genau zehn Jahren habe ihn nach kurzer leichter Krankheit der HERR zu sich geholt. Noch heute ist sie dem da oben dankbar, dass er ihren Mann nicht leiden ließ und vor allem ihr keine Pflegeleistungen aufhalste. Und darauf trank sie gleich noch ein Likörchen. Dann wanderte die Eierschecke von ihrem Bäcker im Nachbarhaus ihrer Wohnung in der Bürgerstraße in kleinen Bissen und vermischt mit ihrem Bohnenkaffee in den Magen. Ein wohliges Seufzen begleitete diese Zeremonie, deren Finale mit einem weiteren Gläschen Eierlikör gekrönt wurde. Unbeabsichtigt suchte dabei ein Rülpser seinen Weg ins Freie.

An dieser Friedhofswand befand sich einst das Fries des Dresdner Totentanzes - heute befindet er sich in der Dreikönigskirche. Foto: Heinz Kulb
An dieser Friedhofswand befand sich einst das Fries des Dresdner Totentanzes – heute befindet er sich in der Dreikönigskirche. Foto: Heinz Kulb

Dresdner Totentanz

Ihr Weg zum Grab führte sie jedes Mal durch den Haupteingang an der Friedensstraße durch den ältesten Teil des Friedhofes, das erste Land. Durch die fast kahlen Bäume und Sträucher hindurch fiel Lottes Blick links in die Nordwestecke, wo sich einmal bis 1975 der Fries des berühmten Dresdner Totentanzes befand. Lotte selbst konnte sich noch recht gut daran erinnern. Zwölfeinhalb Meter war er lang und 1 Meter 20 hoch. Gut 250 Jahre hing er dort. Der Zahn der Zeit nagte heftig an den zehn Sandsteinplatten. Die 24 Figuren der Stände und die drei Darstellungen des Todes konnte man am Ende nur mit viel Fantasie erkennen.

Nach der Restaurierung kam der Fries 1990 nicht an den Ursprung des 1534 von Christoph Walter geschaffenen Frieses, an das Georgentor, zurück, welches der damalige Herzog Georg der Bärtige neu gestalten ließ. Beim Schlossbrand 1701 wurde er teilweise beschädigt, wanderte 1705 zunächst in den Altendresdner Friedhof und landete 1721 dann als Geschenk Augusts des Starken in der Neustädter Dreikönigskirche. Der passte aber auch nicht richtig hin. Und so wanderte der Fries 1737 an die Nordmauer des Inneren Neustädter Friedhofs, der, neu geschaffen, sich damals außerhalb der Neustädter Stadtmauer befand. Seit der Restaurierung in den achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts befindet sich der Totentanz unter der Orgelempore der Dreikönigskirche. Und die Ecke des ehemaligen Standortes auf dem Gottesacker des Trostes sieht heute recht trostlos aus.

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Als quasi Ersatz gestaltete man im Dezember 2020 an der westlichen Außenmauer eine moderne Hommage an den Totentanz, den „Tanz der Lebenden“. Eine Idee an die Jetztzeit. Es wurde ein Graffiti des Streetart-Künstlers Jens Besser. Was Lotte aber wiederum bösartig und widerwärtig fand, war, dass dieser Fries kurz nach seiner Fertigstellung leider mit Schmierereien beschädigt wurde. Keine Achtung mehr vor dem Kunstschaffen, egal, wie man dazu steht, war Lottes Meinung.

Beschädigtes Kunstwerk "Tanz der Lebenden" von Jens Besser. Foto: Heinz Kulb
Beschädigtes Kunstwerk „Tanz der Lebenden“ von Jens Besser. Foto: Heinz Kulb

Erinnerungen

So viel Verweilen in der Historie macht Durst, sagte sich Lotte und holte den Nachtisch aus der Tasche ihres Rollators. Dieser bestand aus einer Piccoloflasche Prosecco und eben ihrem Eierlikör, der sie traditionell schon den ganzen Nachmittag begleitete. Bei diesen trüben 11 Grad und nur leichtem Wind blieb das Blubbergesöff kühl. Nur der Eierlikör hätte ein paar Grad mehr vertragen. Aber in der Likörschale konnte Lottes Zunge das inzwischen etwas dickflüssige Gesöff gut aufnehmen.

Und ihre Gedanken schweiften dabei weit zurück. 1962. Da begegnete der jungen Bürotippse aus dem privaten Schuhcremeunternehmen Eg-Gü auf der Augsburger Straße 1 eines Abends in der Neustadt dieser Oskar. Sie selbst war noch keine 18. Es war keine Liebe auf den ersten Blick, eher das Gegenteil. Lotte kam mit ihren drei Freundinnen aus dem Kino Schauburg. Der Renner war damals „Auf der Sonnenseite“ mit dem damals noch recht unbekannten Manfred Krug.

Bis Anfang der 1990er Jahre stand das "Aktiv" am Bischofsweg/Ecke Königsbrücker Straße, ein riesiger Ballsaal. Foto: Archiv Lothar Lange
Bis Anfang der 1990er Jahre stand das „Aktiv“ am Bischofsweg/Ecke Königsbrücker Straße, ein riesiger Ballsaal. Foto: Archiv Lothar Lange

Erste Begegnung mit Oskar

Nach der Vorstellung stand Lotte auf dem Vorplatz, als drei Burschen, Anfang 20, in engen Westjeans mit gegelter Frisur die Mädels machohaft anquatschten, dass sie die Damen gern ins gegenüberliegende „Aktiv“ einladen würden, damit sie mal richtige Männer kennenlernen könnten. Ihre Freundinnen drehten sich, rot werdend, zur Seite. Aber Lotte starrte allen drei Jungs nacheinander mit bösem Blick in die Augen und blieb beim nach ihrer Auffassung schönsten Typen hängen. Dann feuerte sie aus allen Rohren, dass die Burschen erst noch Männer werden sollten, dass sie an Mutters Rockzipfel hängen würden und dass deren Manieren für sie zu primitiv seien. Das Spektakel bekamen natürlich alle Umstehenden vor dem Kino mit und Lotte hatte die Lacher auf ihrer Seite. Mit hochroten Köpfen zogen die Jungs von dannen.

Ihre große Gusche und ihr forscher Auftritt mussten diesem Schönling, der sich später als Oskar herausstellte, sehr imponiert haben. Von da an baggerte er Lotte an, wo es nur ging. Diese Belagerung ihrer Festung hatte nach mehreren Monaten Erfolg. Lotte ließ zumindest etwas die Zugbrücke herunter. Zwei Jahre später heirateten sie. Notgedrungen, denn Lotte erwartete ihr erstes Kind. Und ein uneheliches Kind zu bekommen, schickte sich nicht. Es folgten noch zwei. Inzwischen hat sie sechs Enkel und drei Urenkel. Leider haben die Zeiten ihre Familie weltweit verstreut. Und so blieb nach dem Auszug der Kinder das Band zu ihrem Oskar inniglich und fest. Ein Wegzug aus Dresden kam für sie nicht infrage.

Pfarrer Gabriel erschien

Nachdem die Piccoloflasche geleert und der Eierlikör ausgeschleckt waren, näherte sich vom Durchbruch der Mauer zwischen dem zweiten und dritten Land eine kleine Prozession. Zügig, aber ohne Hektik packte Lotte Sekt- und Likörschale in die lederne Tasche des Rollators und holte stattdessen die Thermoskanne mit dem Kaffee heraus und nippte am Becher. Pfarrer Gabriel kam dabei, den Weihrauchkessel schwenkend, den Kiesweg zum Grab ihres Oskars herauf. Vornweg zwei Ministranten mit großen Kerzen und ein dritter, der das Kreuz trug. Vor den Gräbern mit den Kerzen im Glas blieb er stehen und sprach jeweils eine Segnung. Als er bei Lotte ankam, grüßte er sie freundlich und schlug das Kreuz und versprühte Weihwasser auf Oskar. Dann ging er zum nächsten erleuchteten Grab.

Lotte verstaute ihre Utensilien in der Ledertasche ihres Rollators, winkte Oskar zum Abschied und machte sich gut gelaunt, mit einer Melodie aus den Sechzigern auf den Lippen und ein paar kleinen Promillechen im Blut, auf den Weg zur Haltestelle der Linie 13 an der Friedensstraße. Das diesjährige Allerheiligen war wieder ein gelungenes Fest mit ihrem Oskar. Der Rollator fuhr wie von selbst und ihr Schutzengel brachte Lotte im Auftrag seines Herrn wohlbehalten nach Hause.

Weitere Informationen


Der vorliegende Text ist eine literarische Erzählung. Er verbindet die Geschichte des Inneren Neustädter Friedhofs mit fiktionalen Figuren und Begebenheiten.

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Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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