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1926 – Pfingsten fiel ins Wasser

Frieda Pappritz klingelte an der Haustür des Obergraben 3 in der Dresdner Neustadt. Ihre Freundin Ludowika Otto öffnete diese kurze Zeit später und trat wohlgelaunt auf die Straße. Frieda musterte sie von oben bis unten.

Neustädter Markt mit August-Denkmal - zeitgenössische Postkarte um 1920
Neustädter Markt mit August-Denkmal – zeitgenössische Postkarte um 1920

„Man merkt, dass dein zweites Zuhause das Kaufhaus Renner ist“, meinte sie anerkennend. Ludowika machte dem sonnigen Maienvormittag 1926 mit ihrer Ausstrahlung Konkurrenz. Trotzdem war die Luft ungewöhnlich klar und kühl. Die Stadt war belebt. Alle wollten hinaus ins Grüne. Niemand ahnte, dass ein Unwetter nahte.

Seit 1890 arbeitete sie bei Renner am Altmarkt und hatte es inzwischen vom Lehrling zur Leiterin der Damenunterwäsche-Abteilung gebracht. Als langjährige Angestellte erwarb sie sich zudem das Privileg, etwas preisgünstiger die neueste Mode zu erwerben.

Pfingstspaziergang zweier Witwen

Passend für diesen Frühlingstag trug Ludowika ein beiges Seidenchiffonkleid mit gelben Blumenmedaillons auf einem altweißen Unterkleid, am Knie endend. Die Taille war nach dem neuesten Schrei auf der Höhe der Hüfte. Ihre Bubikopf-Frisur zierte ein sandfarbener Marocain-Glockenhut mit einem Blumengurt in der Farbe der Medaillons auf dem Kleid. Dazu trug sie einen hellbraunen Mantel.

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Ja, so war sie, ihre Ludowika. Trotz der bald fünfzig Jahre zog sie alle Blicke auf sich und war mit ihrer androgynen Figur und dem faltenfreien Gesicht in der Männerwelt von jung bis alt begehrt.

Ganz im Gegensatz zu Frieda, die als Mitarbeiterin in der Landesbibliothek im Japanischen Palais tätig war. Sie konnte anziehen, was sie wollte, stets kam ein graues Mäuschen heraus. Auch wenn Ludowika mit ihr die preislich herabgesetzten Kleider der Vorsaison bei Renner anprobierte, wirkten diese komischerweise an ihr wie aufgetakelte Wischlappen. Sie hatte weder die passende Figur dafür, noch zauberten diese Kleider ein erhabenes Gefühl in ihr Gesicht.

Darauf entgegnete Ludowika stets, dass ihr bei den verstaubten Bücherregalen in der Staatsbibliothek bunte Kleider sowieso nicht stehen würden. Wenn dann noch ihre sarkastische Ader zum Vorschein kam, meinte sie spitzfindig, dass ihr eine einfarbige Kittelschürze wohl am besten stehen würde. Darüber ärgerte sich Frieda immer. Sie wehrte sich damit, dass sie halt sparen müsse und ihr Geld lieber für Bücher oder Theaterbesuche ausgäbe.

Und an diesem Pfingstsonntag war Ludowika besonders bissig, als sie ihre Freundin betrachtete.

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„Na, dein Kleid schreit nach ’nem Bügeleisen. Und ich hoffe, dass du wenigstens am Feiertag den Schlüpfer gewechselt hast.“

Aber Frieda war diesmal ausgeschlafen und konterte taff.

„Du weißt doch, dass ich nur drei Schlübber habe, einen an, den zweiten auf der Leine und den dritten hier in meiner Handtasche. Für alle Fälle. Mehr wäre die reinste Verschwendung.“

Lachend und eingehenkelt schlenderten sie die Hauptstraße hinunter in Richtung Elbe.

Beide Frauen kannten sich seit Kindertagen. Und sie einte ein ähnliches Schicksal. Im Krieg 14/18 verloren sie ihre Männer. Die Kinderlosigkeit beider war ein weiterer Schlag. Aber sie ließen sich nicht unterkriegen, waren froh, Arbeit zu haben und nutzten ihr Dasein, sich wenigstens einigermaßen gemütlich im Leben einzurichten.

Am Neustädter Markt kamen ihnen vier junge Männer entgegen. Zwei schauten die Damen an und lächelten verschmitzt. Einer zwinkerte ihnen zu. Ludowika schmunzelte zurück und gab Frieda einen Rippenstoß.

„Fesch sehen sie aus, die Burschen“, flüsterte Frieda. „Für mich sind sie aber ein bisschen zu jung. Aber der rechte von denen, der dir zuzwinkerte, entspricht wohl eher deinem Typ.“

Strohhüte, Spitzenhiebe und Sommerflirts

Und dieser Typ trug an diesem strahlenden Vormittag einen leichten hellen Sommeranzug mit weiten Hosen und einem Jackett, das bis zum Oberschenkel reichte1. Das Oberhemd war einfarbig und etwas dunkler als die Anzugsfarbe, dazu passend eine blau-beige gestreifte Krawatte. Die gut geputzten Schuhe waren aus mittelbraunem Leder. Und auf dem Kopf trug er einen dieser höchst aktuellen Strohhüte, ein deutsches Modeaccessoire, das 1926 in der ganzen Welt Furore machte.2 Extra dafür wurde am 30. April sogar europaweit der „Strohhuttag“ begangen, was Ludowika als einen wichtigen Aspekt für das Ende der Boykottierung deutscher Waren nach dem Krieg 1914–18 ansah.

Und die Jungs, die alle vier Strohhüte aufhatten, präsentierten diese und sich selbst gekonnt auf der Hauptstraße.

„Ja, meine Frieda, du hast recht. Bei dem Typen könnte ich schwach werden“, meinte Ludowika und schnalzte mit ihrer Zunge. Beide überquerten den Neustädter Markt, gingen in die Blockhausgasse und bogen an deren Ende rechts ab.

Blockhausgässchen Anfang des 20. Jahrhunderts - zeitgenössische Postkarte
Blockhausgässchen Anfang des 20. Jahrhunderts – zeitgenössische Postkarte

Unwetter über der Neustadt

Dabei bemerkten sie nicht, dass sich im Südosten ein Unwetter zusammenbraute, welches sich rasch näherte.3 Unschlüssig standen beide da, als es zu donnern anfing. Zum Ärger hatten beide keine Schirme dabei. Doch der Wettergott nahm ihnen die Entscheidung zum Handeln ab. Ein Blitz zog krachend seine Bahn in Richtung Erde und der Himmel schickte alles Wasser hernieder, was er im Moment parat hatte.

Die auf den Elbwiesen in Richtung Marienbrücke bis dahin fröhlich singenden Jugendlichen des Landesjugendtreffens der Sozialdemokraten schnappten ihre Klamotten und rannten lachend und kreischend unter die großen Bäume im Park des Japanischen Palais.

Diese Möglichkeit konnten Ludowika und Frieda vergessen. Der Weg bis dahin war zu weit. Beide hielten sich an den Händen und liefen, was ihre Stöckelschuhe an Tempo zuließen, in den Garten der Großen Meißner Straße 5 und hinein ins Restaurant „Braustübel“. Eigentlich war die Bezeichnung „Restaurant“ für dieses Etablissement eine Schönfärberei. Eher sollte man es eine Spelunke der biersaufenden Herrschaften aus dem Viertel rund um die Körnerstraße nennen.

Vor Wasser triefend standen die Freundinnen in der Gaststube und wurden von mindestens zwei Dutzend angetrunkenen Männern mit Hallo und den Rufen nach Ausziehen der nassen Klamotten begrüßt. Die Wirtin hatte Erbarmen und gab dem am nächsten sitzenden Suffkopp einen Klaps auf den Hinterkopf. Dann schob sie die Damen in das separate Vereinszimmer und brachte ihnen Handtücher. Zum Glück hatten die Damen Mäntel an, die das meiste Wasser abfingen. Sie trockneten sich ihre Haare in vollem Bewusstsein, dass ihre Frisuren dahin seien. Frau Wirtin brachte jeder einen Grog, der dankbar angenommen wurde.

„Hätte ich gewusst, dass dieses Unwetter so plötzlich über uns herniederprasseln würde, dann wären wir wohl besser zu Hause geblieben“, rief Frieda lachend und nippte an ihrem Glas.

„Oder wir wären mit den hübschen Kerlen gegangen, dann hätten wir es vielleicht bis zum Obergraben trockenen Fußes geschafft.“ Ludowika hob verschmitzt den rechten Zeigefinger und flüsterte: „Vielleicht hätten wir uns dann gegenseitig trockenrubbeln können.“

„Ludowika“, rief Frieda entrüstet, „du Ferkel.“ Doch diese lachte nur.

Obergraben, Ecke Hauptstraße - zeitgenössische Postkarte um 1918
Obergraben, Ecke Hauptstraße – zeitgenössische Postkarte um 1918

Nachdem sie sich einigermaßen feuchtigkeitsfrei wiederhergestellt hatten, begaben sie sich zum Dank für die hilfsbereite Wirtin in die verräucherte Gaststube und bestellten für sich je ein Glas Weißwein und eine Bockwurst mit viel Senf und Brot. Dieser Schreck machte schließlich hungrig.

Die von Bier und Schnaps beseelten Herren unterließen unter den gestrengen Blicken von Frau Wirtin weitere unzüchtige Bemerkungen. Dafür wanderten ihre Augen über die Antlitze der Damen von oben nach unten und zurück.

Frühkonzerte ab 6 Uhr

Während Ludowika und Frieda im Trocknen saßen, hatte es traditionell die Dresdner Familien an diesen Feiertagen ins Grüne getrieben. Das anfangs noch schöne, aber kühle Wetter zog die Pfingstausflügler zunächst aus den Biergärten hinein ins Innere der Lokalitäten oder gleich nach Hause.

Die Frühkonzerte, die teilweise schon um 6 Uhr morgens begannen, waren noch recht gut besucht. Die Wirte hatten aber mit einem Besucheransturm gerechnet und dementsprechend in ihren Biergärten von Loschwitz bis Pieschen, von Weixdorf bis Mockritz, vom Linckeschen Bad bis zum Narrenhäusel und dem gegenüber liegenden Italienischen Dörfchen Blaskapellen engagiert und ihre Lager mit Getränken und die Küchen mit vorbereitetem Essen gefüllt. Aber die immer wieder dahinziehenden regenschwangeren Wolken und deren Ausgüsse hatten den Wirten und Besuchern dann doch einen Strich durch die Feiertagsfreuden gemacht.

In der Zeitung3 las Ludowika Tage später, dass über Pfingsten eine der gefürchteten sogenannten 5b-Wetterlagen aus der Adria kommend über Sachsen hereinbrach. Richtig nass wurde es dann am Pfingstsonntagabend. Der Morgen des zweiten Feiertages begann wie der Sonntag davor hell und klar. Aber nicht lange, dann beherrschte das Grau den Himmel über Dresden. Wer sich trotzdem raustraute, geriet bald in kräftige Gewitter mit nachfolgendem Starkregen. Das reichte den meisten, und sie eilten ihren Wohnungen zu.

Ludowika lud am Abend des Pfingstsonntags ihre Freundin zum Weintrinken in ihre geheizte Wohnstube ein und servierte ein paar belegte Brote. Dazu dudelte das Radio. Seit 19 Uhr übertrug der Sender Dresden aus dem Neuen Theater Leipzig einen Opernabend mit Musik und Gesang in Erinnerung an den Geburtstag von Richard Wagner.

Anmerkungen des Autors

1 Modekatalog Bellas & Hess, New York, Frühjahr und Sommer 1926, in ARTDEKO Boulevard [https://www.artdeco-boulevard.de/de/medien/bellas-hess/fruehjahr-sommer-1926?page=1](https://www.artdeco-boulevard.de/de/medien/bellas-hess/fruehjahr-sommer-1926?page=1)

2 Der deutsche Strohhut für Europa, Dresdner Nachrichten vom 5. Mai 1926

3 5b-Wetterlage Pfingsten 1926, Dresdner Nachrichten 25. Mai 1926


Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür durchstöbert der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek. Der vorliegende Text ist literarischer Natur. Grundlage bilden die recherchierten Fakten, die er mit fiktionalen Einflüssen verwebt.

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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