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Im Freundschaftlichen Zirkel 1814

„Unser armer König“, jammerte Theobald von Strehlow, „er muss so darben unter der preußischen Fuchtel im Schloss Friedrichsfelde bei Berlin.“

Darstellung der Ausrufung des Königreichs Sachsen um 1806.
Darstellung der Ausrufung des Königreichs Sachsen um 1806.

„Verhungern wird er schon nicht und auch in Lumpen rennt der nicht rum“, bemerkte sarkastisch der ehemalige Major der sächsischen Armee, Franz von Bühlow. Zurzeit stand er in Diensten des russischen Generalgouverneurs Nikolai Grigorjewitsch Repnin-Wolkonski.1 Er konnte sich halt gut der Besatzungsmacht als ehemals verkappter liberaler Gegner der Adelsherrschaft Friedrich August I., König seit 1806 von Napoleons Gnaden, andienen oder einschmeicheln.

Diese Arschkriecherei des von Bühlow war dem Lebemann Karl August Freud, genannt Strahlemann, zutiefst zuwider. „Nein, verhungern wird er nicht. Aber irgendwie entmannt sei er schon und in Wien zanken sich die Siegermächte über unser schönes Sachsen.2 Furchtbar.“

Schwatzen über die neue Obrigkeit

Im „Freundschaftlichen Zirkel“3 auf der Rhänitzgasse 78, einer der anerkannten geschlossenen Gesellschaften bürgerlich-kleinadliger Art in der sächsischen Residenz ging es gar nicht so freundschaftlich zu. Jeweils ein Glas Meißner Wein vor sich, stritten die genannten drei Honoratioren sowie Gustav Meierschild, jüdischer Bankier, um die Zustände in Sachsen und die Ängste der Bevölkerung.

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Freud fuhr fort. „Mein lieber Bühlow, Ihr tragt mit Eurer Arbeit für Repnin mit dazu bei, dass unser Sachsen verhökert wird. Sieger Russland beansprucht als Morgengabe für seinen Sieg über Napoleon das Herzogtum Warschau. Das passt wiederum Preußen nicht, das auch gern Polen einverleibt hätte. Dafür solle es sich nach russischer Lesart schadlos an Sachsen halten. Gott sei Dank haben wir Österreich, Frankreich und England auf unserer Seite.“4

Schachern zwischen Russland und Preußen

„Ja“, warf Bankier Meierschild ein, „es ist ein böses Geschacher im Gange. Deshalb sitzt unser König Friedrich August in preußischer Beugehaft, damit das russisch-preußische Komplott funktioniert. Mögen uns Gott und Österreich gewogen sein. Und Ihr, Bühlow, macht gemeinsame Sache mit den Russen. Anfänglich waren wir froh, dass wir Napoleons Besatzung nebst der Ausplünderungen los waren. Unser so reiches Land wurde verwüstet und verarmte. Aber mit den Russen wurde in Wahrheit nur ein Plünderer durch einen anderen ersetzt, der nur den Boden für die Inbesitznahme durch die Preußen vorbereitet.“ Mit wütend blitzenden Augen leerte Meierschild sein Glas und bestellte einen neuen Schoppen.

Streit um des Königs Auftreten

Das wollte Franz von Bühlow nicht auf sich sitzen lassen. „König Friedrich August von Napoleons Gnaden hatte sich dem Korsen in schändlicher Weise angebiedert, um sein Reich zu retten. Der Patriot Ernst Moritz Arndt hatte ganz recht, als er den König als steif, blöd, unentschlossen und unmännlich bezeichnete. Und für so einen starben Tausende Sachsen beim unseligen Feldzug nach Russland. Dafür wurde unser Land ausgeplündert, so dass selbst die Mäuse verhungerten.“2

Der Streit eskalierte. Bühlow wurde von Strehlow als Russenknecht und Sachsenverräter beschimpft. Dabei sei der König im Volke sehr beliebt. Nun versuchte Karl Gustav Freud, genannt Strahlemann, seinem Beinamen Ehre zu machen, indem er scharf die Streithähne zur Vernunft brachte. Man kenne sich doch seit vielen Jahren und die Vernunft gebiete es, sich wie ehrbare Männer zu verhalten. Da das sächsische Problem nicht in Dresden entschieden werde, sondern in Wien, solle man auf Gottvertrauen setzen und auf Österreich. Dann bestellte er zur Beschwichtigung der Gemüter eine weitere Runde Meißner.

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Deeskalation durch ein Frauenthema

Als hätte die Vorsehung ihre Finger im Spiel, setzte sich in diesem Moment Hofrat und Arzt Dr. Weinhold zu ihnen an den Tisch. „Meine Herren, ich habe hier einen Brief verfasst, der sich mit der leichten unschicklichen Bekleidung unserer geneigten Damenwelt befasst.5 Dazu hätte ich gern Ihre geschätzte Meinung.“ Sofort hatte er die Gunst der anderen vier am Tisch. Und so berichtete der Doktor von zunehmenden Erkältungskrankheiten, Katarre, Rheumatismen und den daraus entspringenden Nervenleiden.

„Und woran liegt das?“, fragte in die Runde, um sogleich die Antwort selbst zu geben. „Es liegt an der leichten modischen altgriechischen Kleidung, die zu unserem nordischen Himmel überhaupt nicht passt. Deshalb ergeht meine Empfehlung an die Damenwelt, doch lieber feine wollene Kleider zu tragen. Damit schütze man sich vor Temperaturschwankungen und kalten Regenschauern. Und hätten die Damen stärkere Nerven, würden sie den starken Sonnenstrahlen auch widerstehen können.“

„Und wie sollen wir Ihnen, lieber Doktor, behilflich sein?“, rief Theobald von Strehlow dem Arzt entgegen. Die anderen nickten dazu. „Wir erwarten diesbezüglich von Ihnen Hilfe und keine Moral. Von letzterem wimmelt es hier am Tisch und in der Politik. Oder sollen wir unsere holden Weiber in Wollsäcke wickeln?“ Alles lachte, nur der Doktor nicht.

Es geht um Sitte und Moral

„Meine Herren, bitte lassen Sie die Waffe der Lächerlichkeit stecken. Die deutschen Frauen schätzen die Vernunft höher als den Witz. Und das höchste Prinzip im Menschen ist das sittliche oder moralische Prinzip.“

Karl August Freud, genannt Strahlemann, gähnte vor sich hin, was den Doktor Weinhold erboste. „Freud, das ist nicht lächerlich und auch nicht von vorgestern. Es ist bei uns fein und sittlich, nicht im Naturkleide von Tahiti durch die Welt zu wandeln.“5

Franz von Bühlow grinste. „Wäre gar nicht so schlecht.“ Das wiederum missbilligte der Herr von Strehlow, der ihm vorwarf, seinen freisinnigen, unmoralischen Geist von Napoleon geerbt und unter den russischen Besatzern kultiviert zu haben. Wohin dies das Sachsenland gebracht habe, könne man sehen. Beinahe hätte es eine Prügelei gegeben, die Karl August Freud gerade noch verhindern konnte.

„Dieser feste Wille des Moralprinzips kann Leidenschaften aller Art, Trübsinn, tiefe Gram, unglückliche Liebe und häusliche Not, welche alle das Nervenkostüm zerstören können, heilen.“

Die Garderobe - zeitgenössisches Ölgemälde von Rolinda Sharples (Ausschnitt)
Die Garderobe – zeitgenössisches Ölgemälde von Rolinda Sharples (Ausschnitt)

Wunderheiler Weinhold

„Aha“, warf Bankier Meierschild ein, „also bräuchten wir keinen Arzt und keinen Arzt Lohn mehr. Herrlich. Was könnten wir für Gelder sparen.“ Und Meinhold setzte fort, dass man dann allein durch den Aufenthalt an frischer Luft in freier Natur, mäßiger Milchdiät, naturgemäßes Leben und zweckmäßiger Bedeckung den kranken und geschwächten Körper unserer Frauen heilen könne.

„Wenn ich das meiner, nicht einer griechischen Göttin gleichenden Theresa erkläre, verweigert die mir jede Nahrungszufuhr und Bettstatt“, rief Herr von Strehlow in die Runde und erntete laute Lacher. Nur Dr. Weinholds Gesicht verknautschte sich. Verbiestert bemerkte er, dass jedes neue seidene Kleid, jeder Putz und Außenglanz sich negativ auf das Gemüt auswirken würden.

Es sei ein unermesslicher Seelentriumph, wenn unsere Damen auf Flitter, Tand und Narretei verzichten würden. Sowas hebe nur die Seele aus den Angeln. „Meine Lehre, meine Herren, ist, ‚Beherrsche dich selbst‘. Wer sich nicht beherrschen kann, wird nervenkrank. Das sehe ich täglich in meinen Sprechstunden. Wer sich nicht beherrscht, altert vorzeitig. Deshalb meine Empfehlung: zudecken und bekleiden vom Halse bis auf die Füße, mit den höchsten Gesetzen der gesunden Vernunft und Sittlichkeit.“5

Es reicht

Nun reichte es den anderen Herren am Tisch. Alle lehnten es ab, diesen Brief ihren Gemahlinnen auch nur zu zeigen. Karl August Freud bestellte eine weitere Runde Meißner, aber ohne ein Glas für den Arzt. „Danke, lieber Weinhold, für Ihre Belehrungen. Aber unsere Frauen sind wohlauf, nicht runzlig, ohne Erkältung und nicht nervenschwach. In Ihren griechischen Kleidern sehen sie fantastisch aus und haben in diesem Frühjahr noch keine Erkältung gehabt. Und Ihren Brief können Sie sich in den A… oder sonst wohin stecken.“ Dr. Josef Weinhold verlies mit finsterem Blick, unter dem Gelächter der anderen, den Tisch. Und der Frieden zog mit weiteren Gläsern Meißner Weins in den Freundschaftlichen Zirkel auf der Rhänitzgasse ein.

Anmerkungen des Autors

1 Nach der Niederlage Napoleons in der Völkerschlacht bei Leipzig wurde der sächsische König Friedrich August I. gefangen genommen und im Schloss Friedrichsfelde bei Berlin arrestiert. Freiherr von Stein errichtete am 31. Oktober 1813 das Generalgouvernement Sachsen ein. Erster Generalgouverneur war der russische General Repnin-Wolkonski (bis November 1814). Der Gouvernements Rat bestand aus russischen, preußischen und sächsischen Beamten. Nach Repnin folgte der preußische Minister Eberhard von der Recke. Nach der Abtretung großer Teile Sachsens auf Beschluss des Wiener Kongresses endete das Generalgouvernement und König Friedrich August I. kehrte nach Dresden zurück.
2 „Der bestrafte König. Die Sächsische Frage 1813 – 1815“, Dissertation von Isabella Blank, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, 2013, ab Seite 300
3 Diese geschlossenen Gesellschaften bestanden in Dresden seit dem 18. Jahrhundert. Hinein kam man nur per Einladung. Weiterentwicklungen waren die sogenannten Kaffeekränzchen und die heutigen privaten Kreise zu regelmäßigen Vergnügungen, Kartenspielen, grillen u.a.. Auch unter den heutigen Jugendlichen setzt sich dies fort. Der Freundschaftliche Zirkel auf der Rhänitzgasse ist im Adressbuch der Stadt Dresden nur für 1814 nachweisbar. Die damaligen Hausnummern gelten heute nicht mehr.
4 Erhard Hexelschneider, „Sachsen unter russischem Generalgouvernement“ in Sächsische Heimatblätter 2/2019
5 Hofrat Dr. Weinhold: „Rat an leichtbekleidete Damen“, in Beiträge zur Belehrung und Unterhaltung vom 6. Mai 1814


Unter der Rubrik “Vor 100 Jahren” veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür durchstöbert der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek. Der vorliegende Text ist literarischer Natur. Grundlage bilden die recherchierten Fakten, die er mit fiktionalen Einflüssen verwebt.

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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