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Mit Nummernglück ins neue Jahr gesungen

Folgt ein heißer Sommer im kommenden Winter? Dieser Gedanke konnte am vergangenen Wochenende beim Heimweg aus dem Alten Schlachthof gen Neustadt aufgrund gefühlt zweistelliger Temperaturen aufkommen. Denn der erste Vollmond des Jahres leuchtete nach dem zwölften Dresdner Neujahrssingen dermaßen milde heim, dass er schelmisch en passant schon aufs des nächsten, welches den vier heißen Jahreszeiten huldigen wird, verwies.

Voller Saal in guter Stimmung: das 12. Neustädter Neujahrssingen sog zweimal rund 850 lucky Leute in den Alten Schlachthof. Foto: André Wirsig
Voller Saal in guter Stimmung: das 12. Neustädter Neujahrssingen sog zweimal rund 850 lucky Leute in den Alten Schlachthof. Foto: André Wirsig

Doch zuvor hieß es zweimal mit identischen Programm: „Lucky Numbers – Von Null auf Hundert!“ Das Konzept wie gehabt: Es gibt ein Thema, eine Profiband samt Gastmusikern und jeder Interpret darf einen exklusiven Wunschtitel vorschlagen, den er gern live präsentieren würde. Dafür würde eine Woche intensiv mit der Band geprobt, die sich die Titel natürlich vorher draufdrückt.

Anders als beim Vorbild, dem Hallenser Weihnachtssingen, welches heute im edlen Steintor-Varieté residiert, ist in Dresden das Interpretenspektrum etwas breiter. Und auch waschechte Profis dürfen sich mal von einer ganz anderen Seite zeigen.

Dabei hat diese Art gediegener Unterhaltung erwachsener Musikfreunde Ur-Neustädter Wurzeln und erlebte 2010 in der Scheune ihre Premiere. Katina Haubold, als Inhaberin von der „Agentour“ unter anderem als Veranstalterin der Dresdner Humorzone landesweit bekannt, transferierte die Idee einst als Inspiration von Halle nach Dresden. Gemeinsam mit Uwe Stuhrberg, als SAX-Chefredakteur sowie DJ, Musiker und Veranstalter ebenso szeneaktiv, ward eine Liste von Akteuren entworfen, die fast alle zusagten und die Begeisterung für das Konzept bis heute teilen, wobei die gesamte Produktionsbrigade auf rund 70 Köpfe anwuchs.

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Pohlmann in der Groovestation

Naheliegend bei der Berufung des Dresdner Neujahrsorchesters unter Leitung von Bassgitarrist Tom Vogel war es, sich auf die Bandkorsetts von Free Little Pigs und Dekadance zu stützen. Elfköpfig ist es dieses Jahr: an den Gitarren Sascha Aust und Thomas Hübel, am Keyboard Andreas Krug, am Schlagzeug Friedrich Hentze mit Dresden-Debüt. Außerdem neu dabei: an der Trompete Joel Ferrando, am Cello Benni Cellini, am Banjo Marco Pfennig und an der Mundharmonika Olav Kühn.

Die "Woman of Neujahrssingen" bieten den ärztlich verordneten "3-Tage-Bart" - Foto: Mirko Glaser
Die „Woman of Neujahrssingen“ bieten den ärztlich verordneten „3-Tage-Bart“ – Foto: Mirko Glaser

Alte Bekannte sind hingegen Posaunist Micha Winkler, Saxofonist Jens Bürger und Eduardo Mota an den Percussions Eduardo Mota, die beiden fulminanten Tänzerinnen von Go Plastic sowie die beiden Backgroundsängerinnen Maxi Kerber und Ulrike Weidemüller, die (ebenso wie Vogel als Udo Lindenberg und Aust als Jim Morrison) jeweils als Sinead O’Connor und Jackson 5 ihre Frontfrauqualitäten zeigen.

Klassentreffen der Transformationsmeisterer

Songs und Interpreten bleiben im Vorfeld ein streng gehütetes Geheimnis, dass am vom Publikum begehrteren Sonnabend aufgrund der Premierenerfahrung manches etwas besser klappt, ist normal und war schon vor dem Umzug in die Leipziger Vorstadt ausgeprägt. Dieser geschah gut geplant, als es in der Scheune ob der Kartennachfrage und der wachsenden Künstlerbagage im Backstage zu eng ward, genau zur sechsten Folge anno 2015.

Jochen Barkas als Helge Schneider mit „100.000 Rosen“, fotografiert am 6. Januar 2023 im Alten Schlachthof Dresden von André Wirsig

Seither gibt es größere Bühnenfreiheit und Platz für zwei Mal 850 Leute im Publikum. Denn letztlich lebt das gemeinsame Konzerterlebnis aber auch vom Feeling, dass mittlerweile durchaus jenes eines Klassentreffens der meistens öffentlich unbekannteren Neustädter Wende- oder besser Transformationsmeisterer und -feen hat, die immer noch als Grundsubstanz den subkulturellen Szeneladen ohne größere Zugeständnisse an den Mainstream und klebrige Förderhonigtöpfe einigermaßen am Laufen halten.

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Das Bühnenplakat zeigt eine gewagte Lottokugeljonglage und illustriert wunderbar das Motto: Superglückszahlen (oder Nummern) in Band- oder Titelnamen. Es ist das letzte von Spacke, der im Februar mit 67 in die ewigen Jagdgründe einging und doch noch einmal beim Hutball als Plakatgestalter auftauchen dürfte. Er bekam vom Publikum ein lautes wie dreifaches Hallejula als Gruß gen Himmel, Andrew Fletcher von Depeche Mode ein einfaches, weil The Souldiers „Everything Counts“ darboten.

Nach vier Stunden und 30 Songs: das große Finale

30 Titel und fast vier Stunden später als Höhepunkt die gemeinsamen Abschlusshymnen: U2 („One“) und Blur („Song 2“), die letzteren beiden als furiose Zugaben aller zuvor angetretenen Interpreten, unter denen fünf Neulinge, so viele wie noch nie. Dass man Reni Reichelt, Falk Töpfer und Norbert Scholz wiedersehen dürfte, ist keine gewagte Prognose, ein herausragendes Debüt gelang Verena Leister mit „Seven Nation Army“. Und Hendryk Proske gönnte sich mit Urlaubs „Zehn“ einen schönen Hüpf-Gag. Und was boten die Gastronomen: Michael Schröter die Smashing Pumpkins („1979“), Ulf D. Neuhaus war Westernhagen („Mit 18“); Mirko Glaser unterschied sich von Johnny Cash („Thirteen“) nur durchs Nackentattoo.

Manina Heim begeisterte mit Feists "1234". Foto: André Wirsig
Manina Heim begeisterte mit Feists „1234“. Foto: André Wirsig

Ungewöhnlich an dieser zwölfte Edition – bei der jeder Abend ja de facto für drei Jahrgänge herhalten musste, aber rund die Hälfte aller Kartenbesitzer ihre Tickets hoffnungsfroh wie solidarisch behielten, so dass die 2023er Auflage schon Mitte Dezember als restlos ausverkauft galt – war auch, dass schon das Motto des nächsten Jahrgangs bekannt ward (und auch der Vorverkauf zuvor schon scharf startete).

Es lautet „Vier Jahreszeiten“ – nach der überraschende Schostakowitsch-Einlage von Teufelsgeiger Heimo Henschelmann, der zuvor mit den Herren von Ernst S. „Seven Bridges Road“ von The Eagles begleitete, ist auch der eingeworfene Publikumswunsch („Vivaldi!“) nicht gänzlich unwahrscheinlich.

"Seven Nation Army" interpretiert von der Köchin Verena Leister. Foto: Michael Schmidt
„Seven Nation Army“ interpretiert von der Köchin Verena Leister. Foto: Michael Schmidt

Auch der andauernde Zusammenhalt des Urdresdner A-capella-Sextettes, zu Wendezeiten wesentlich besser als die Leipziger Herzbuben (später als Prinzen erfolgreich), mit einem exklusiven Song pro Spielzeit dokumentiert, ist eine direkte Folge dieser Neustädter Erfindung. Dass aber im Januar 2024 Chris Doerk und Frank Schöbel mit „Heißer Sommer“, der DEFA-Antwort auf die dekadenten 68er, dabei sein werden, scheint ebenso vage wie Vivaldi.

Denn schon 2020, als es „Sonne, Mond und Sterne“ hieß, fehlte Schöbels naheliegender Kinderhit „Komm‘ wir malen eine Sonne“, was kein Frevel war, denn man sang sich ja eine.

13. Dresdner Neujahrssingen am 12. & 13. Januar 2024

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2 Ergänzungen

  1. „Folgt ein heißer Sommer im kommenden Winter?“ … chemische Substanzen? Oder biologisch einwandfrei?!

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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