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Des Dresdners geliebtes Brötchen

Frisch soll es sein. Kein halb vertrocknetes vom Vortag. Dann lieber ganz trocken und zu Semmelmehl verarbeitet. Für die Schnitzel oder die Bouletten. Knusprig soll es sein, nicht pappig. Zuviel Luft innen ist auch nicht gut. Da beißt man zweimal zu und schon ist die Semmel Geschichte. Und bei manchen beißt man rein und hat den Eindruck, dass es sich im Mund in merkwürdiger Weise vermehrt.

Bäckerjungen Karrikatur aus der Zeitschrift Gartenlaube 1882
Bäckerjungen Karrikatur aus der Zeitschrift Gartenlaube 1882

Am frühen Morgen ein frisches Brötchen mit guter Butter1 drauf – da verleiert es einem die Augen in einem Anfall höchsten Genusses, im Munde ereignet sich eine Geschmacksexplosion und der Tag beginnt mit einem freudigen Tusch und sich einstellende Probleme und Schwierigkeiten werden kleiner. Und manch einer gönnt sich dann noch Marmelade, Frischkäse, Honig, eine Nuss-Schoko-Masse, ein Ei, Fleischsalat oder eine Scheibe Wurst darauf. Fertig ist der Frühstücksorgasmus.

Es gab nur ein Problem

Und dieses könnte zu einem Koitus Interruptus im Backverkaufsladen führen (im übertragenen Sinne selbstverständlich), der verhüte zwar keine Kinder, aber verleidet einem schon am Morgen den ganzen Tag. Es ist das Gefühl der Frühstücksliebenden, dass das Brötchen zwar nicht teurer, aber irgendwie an Schwindsucht leide.

Der Calculator an der Elbe - zwanglose Blätter zur Unterhaltung; Amtsblatt von Krähwinkel
Der Calculator an der Elbe – zwanglose Blätter zur Unterhaltung; Amtsblatt von Krähwinkel

Diesen Ärger hatte Bäcker Junghanns vom Bischofsweg 68 (stimmt nicht mit der heutigen Nummerierung überein), wie der Calculator in seiner Ausgabennummer 433 aus dem Jahre 1881 berichtete. Und das geliebte Meckerblatt der Dresdner ging mal den zunehmenden Beschwerden seiner Leserinnen und Leser nach. „Und die Beschwerden darüber gingen in der Redaktion massenhaft ein, ohne dass wir Gebrauch von allen Anzeigen machen konnten, denn sonst wären wir in gehörigen Sauerteig geraten.“

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Untersucht wurde daher die Schwindsucht nicht an den kleinen hellen Weizenbrötchen, nicht an den etwas Dunkleren mit der Beimischung aus Roggenmehl, auch nicht an den Doppelten, sondern an den damals sehr beliebten Dreierbrötchen.

Die Magersucht in der Backstube

Früher, also vor 1881, „wog so ein sächsisches Bäckerkunstprodukt und Magenbefriedigungsmittel 114 Gramm“, stellte die Zeitung fest. Und der Schlankheitswahn machte daraus im Jahre 1881 so in etwa 50 bis 60 Gramm. Ein Gewichtsverlust von 50 Prozent und mehr. Wer heutzutage eine Schlankheitspille mit dieser Wirkungskraft entwickeln würde, wäre wohl der reichste Mensch auf Erden.

Und woran lag das, also die Schwindsucht bei den Brötchen? Schon damals bekam man die noch heute bekannten Aussagen, wie: die Kosten für Mehl und den Zusatzstoffen sind gestiegen, die Löhne auch. Hinzu kamen die neuen Bismarck’schen Sozialabgaben für die Kranken- und Rentenversicherung, gestiegene Steuern, gestiegene Raummieten und und und. Und natürlich hatten sich auch die Ansprüche der gnädigen Frau Bäckermeister bezüglich des modischen Erscheinens und der Wohnungseinrichtung erhöht.

Aber ihr Gatte, der Bäckermeister Junghanns, trieb es nicht soweit, wie viele seiner Zunftgenossen. Seine Dreierbrötchen speckten nur auf 76 Gramm ab. „Also immer noch kein Liliputanergewicht“, wie der Calculator hervorhob. Und er soll der Zeitung gegenüber versichert haben, dass seine Dreier nicht unter dem von der Zunft festgelegtem Gewicht seien.

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Aber politisch wurde der Calculator dann doch. Als Resümee seiner Recherchen durch die Backstuben war zu lesen: „Man kann es der arbeitenden Klasse nicht verdenken, wenn sie sich bei der schlechten Arbeitszeit über den zu großen Profit Derjenigen beklagt, die mit Nahrungsmitteln zu sehr wuchern.“

Bäckermeister Junghanns freute sich darüber, dass er noch einigermaßen positiv aus der Bredouille herauskam. Mit seinem Bruder, dem Klempnermeister Richard, dem das elterliche Nachbarhaus gehörte, ging er auf ein Bier gegenüber in Jähnigs Schänke.


Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür hat der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek durchstöbert.

Anmerkung des Autors

1 die Bezeichnung gute Butter entstammt Zeiten, in denen Butter aus Kuhmilch für einen Großteil der Bevölkerung unerschwinglich war.

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Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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