Die Claqueure vom Alberttheater

Alberttheater am Albertplatz in der Dresdner Neustadt. 20. September 1873, abends, die zehnte Stunde. Die Eröffnung des neuen Königlichen Schauspielhauses nähert sich ihrem Ende. Die Zuschauer lauschen im 5. Akt von Goethes Iphigenie auf Tauris den letzten Auftritten von König Thoas, von Orest und seiner Schwester Iphigenie. Mit einem „Lebt wohl“ des Königs verlassen Orest und Iphigenie die Szene und lassen Thoas zurück. Der Vorhang fällt.

Alberttheater - Postkarte um die Jahrhundertwende
Alberttheater – Postkarte um die Jahrhundertwende

Kronprinz Albert, in Vertretung des schwer kranken Königs Johann, Hoftheaterintendant Graf Seebach und die Honoratioren der Stadt und des Landes erheben sich von den Plätzen und spenden den Schauspielern Beifall. Laut schallt er auch aus vielen Ecken, gemischt mit Bravo-Rufen durch den Saal und reißt die anwesenden Zuschauer mit. Blumen werden auf die Bühne geworfen. Mehrere Minuten dauern die Ovationen.

Die Claqueur-Agentur

Diese hatte sich Satirezeitschrift „Der Calculator an der Elbe“ „unter den Nagel gerissen“. In der Ausgabe Nr. 13 des Jahres 1873 und somit rechtzeitig vor dem Ereignis des Jahres, kündigte das Magazin die „Erweiterung seines Geschäftsfeldes“ an. Das Angebot richtete sich an alle Künstlerinnen und Künstler, an Theaterdirektoren und an Herrschaften, die auf Beifall erpicht waren.

Der Calculator an der Elbe - zwanglose Blätter zur Unterhaltung; Amtsblatt von Krähwinkel
Der Calculator an der Elbe – zwanglose Blätter zur Unterhaltung; Amtsblatt von Krähwinkel

Und was koste das Ganze der Königlichen Schatulle, fragte die Hofintendanz an. Das richte sich ganz nach den Bedürfnissen der Auftraggeber, so der als „Eventagentur“ fungierende Calculator. Naja, ganz billig sei diese Dienstleistung auch nicht. So kostete „ein einfacher Applaus am Schlusse des Stückes von sechs Mann mit bloßen Händen ausgeführt 3 Thaler“. Umgerechnet in heutiger Währung wären das immerhin 56,70 Euro (lt. Umrechnungstabelle des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages: „Kaufkraftvergleiche historischer Geldbeträge“, nachzuschauen auf bundesbank.de).

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Für einen Applaus im ersten Akt, ausgeführt von sechs Mann mit Glacéhandschuhen musste man schon 7 Thaler (= 132,30 Euro) hinlegen. In unserem Fall, also allein der Schlussapplaus von 18 Mann mit Blumenwurf am Eröffnungsabend des Alberttheaters, kostete das der Königlichen Hofintendanz 30 Thaler oder 567 Euro. Dazu die bestellten 10 Bravo-Rufe, a 2 Thaler (= 378 Euro) und diverse Zwischenapplause für 45 Thaler (= 850 Euro). Insgesamt kamen am 20. September 1873 auf die Königliche Schatulle allein für die Claqueure 105 Thaler oder 1.984,50 Euro zu.

Bestellter Durchfall

Nicht selten kam es vor, dass missgünstige, verfeindete oder in ihrem Ego verletzte Schauspielerinnen und Schauspieler für ihre verhassten Kolleginnen und Kollegen einen „Durchfall“ bestellten. Das war keine unzeitgemäße Darmentleerung auf offener Bühne als eine Art historischer Aktionskunst, sondern ein Bukett aus Buh-Rufen, Werfen mit faulen Eiern, Krach machen, Dialoge provozieren, um die Mimen aus dem Konzept zu bringen und dergleichen. Nichts ist für einen Schauspieler schlimmer, als sich auf offener Bühne zu blamieren.

Dafür musste der Auftraggeber mindestens 25 Thaler (= 472,50 Euro) berappen. Bei der nicht gerade üppigen Gage ein wahrlich teurer Spaß. Aber Hass kennt bekanntlich keine Grenzen, auch keine finanziellen. Zumal wenn er den künstlerischen Erfolgsneid oder die Eifersucht auf einen vermögenden und selbst begehrten Verehrer betrifft.

Das Claqueurwesen erwies sich als einträgliches Geschäft bei allen Arten von Bühnen- und Zirkuskunst und war bei den darstellenden Künsten bis in die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts verbreitet. An der Wiener Hofoper gab es die „bezahlten Klatscher“ noch in den dreißiger Jahren.

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Arten der Claqueure

Diese Berufsgruppe entstand um 1820 in Frankreich als „Klatscher“, die fürs Beifall klatschen bezahlt wurden. Blumen oder Lobgedichte wurden extra honoriert. Sie waren ein fester Bestandteil des dramaturgischen Erfolgs und der Finanzplanung im Theater und bei Konzerten.

Jede Truppe hatte ihren Chef. Dieser und seine Untergebenen mussten das jeweilige Stück genau kennen, um das Publikum zu animieren und zu manipulieren. Zudem durften sie keine Scheu beim Auftritt vor fremden Leuten haben, mussten gewaschen und sauber gekleidet sein und sollten nicht aus dem Mund riechen.

Le claqueur Zeichnung von Honoré Daumier, Mitte des 19. Jahrhunderts
Le claqueur Zeichnung von Honoré Daumier, Mitte des 19. Jahrhunderts

Jedes Mitglied hatte seine besondere Aufgabe. So gab es den „Heizer“. Dieser musste tagsüber vor den Ankündigungsplakaten das zu spielende Stück und seine Darsteller loben. Der „Kitzler“ musste vor Anfang der Aufführung und in der Pause das Stück in den Himmel heben. Dem „Kenner“ kam es zu, während der Vorstellung positive Worte zu rufen.

Der „Lacher“ musste an bestimmten Textstellen seine um ihn herum Sitzenden zum Lachen animieren. Dem „Heuler“ stand es zu, an diversen traurigen Stellen laut zu schluchzen. Der „Aufsehenmacher“ musste nach festgelegtem Plan laut applaudieren und der „Nochmaler“ durfte am Schluss „Zugabe“ brüllen.

Und heute?

Ja, sie gibt es noch. Weniger im Theater. Vielmehr in Fernsehshows, bei Talksendungen. Dort werden die Zuschauer von Animateuren oder mit Leuchtschrifthinweisen zum Beifall, Füße trampeln oder Johlen gebracht. Solche technische Applauseinspielungen und Lacher erlebt man besonders in amerikanischen Serien oder in Fernsehsendungen in diesen Corona-Zeiten. In politischen Talksendungen sind meistens Anhänger der jeweiligen Parteien als Zuschauer vertreten, die für ihren Politiker die Rolle des Claqueurs übernehmen.

Zudem gibt es wieder Agenturen, wo man sich Applaus, Fans, Jubelleute auf Empfängen, Flashmobs u.dgl. mieten kann. Sie sind inzwischen ein fester Bestandteil des Marketings. Besonders beliebt als Studentenjobs.

In Diktaturen und bei Auftritten von Populisten, werden tausende Anhänger zum Jubeln mit Bussen herangekarrt. In der DDR standen Betriebskollektive und Schulklassen mit „Wink-Elementen“ am Straßenrand, um den Besucher aus einem Bruderland zu begrüßen oder am 1. Mai zu demonstrieren.

Nicht jede Claqueur-Leistung hat einen finanziellen, ökonomischen oder politischen Zusammenhang. In bestimmten Kulturen treten auch heute noch ganz normale Leute innerhalb der Dorfgemeinschaft bei Beerdigungen als „Greinweiber“, als heulende Weiber, auf und begleiten die Toten bis zur Bestattung auf dem Friedhof.

Und die Claqueure vom Alberttheater?

Graf Seebach zeigte sich nach der Premiere im neuen Haus sehr zufrieden: Die Königlichen Hoheiten und die sie begleitenden Hofschranzen strahlten und gratulierten dem Grafen für diesen Erfolg. Seine Investition in die Claqueur-Agentur hatte sich gelohnt. Die Residenz bekam ein neues Vorzeigeobjekt. Das werde sich rumsprechen. Das lässt neue Reisende kommen. Das spült Geld ins Stadt- und Staatssäckel.

Alberttheater - Zuschauerraum um 1905
Alberttheater – Zuschauerraum um 1905

Und die Claqueure? Nach getaner harter Arbeit und im Glauben an die gute Sache, die sie für die Kunst und die Künstler geleistet hatten, haben sie sich ein, zwei oder auch drei Bierchen, ein Gläschen oder ein Fläschchen Wein oder ein Schnäpschen wohl verdient. Die Kneipen in der Neustadt nahmen sie freudig auf.

Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür hat der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek durchstöbert.

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