Pfand-Abholservice Rex

Rex ist Flaschensammler und durch Corona in der Krise. „Geofux“ Lars Otto aus der Neustadt hat mit ihm einen Onlinekalender für einen Abholservice an der Haustür eingerichtet.

Rex und Lars mit Rex' "Schneckenhaus". Foto: Philine
Rex und Lars mit Rex‘ „Schneckenhaus“. Foto: Philine

Rex und „Geofux“ Lars Otto sitzen im Hinterhof der Rothenburger Straße beim Frühstück. Die heißen Getränke dampfen dicke weiße Wolken in die frostklare Luft. Auch diese Nacht hat Rex unter der Plane geschlafen. „Ich habe durchgepennt“, erzählt er. Gestern um 17 Uhr war sein letzter Abholtermin. Normalerweise schläft er um diese Zeit schon eine Stunde. Bis 23 Uhr, dann geht die nächtliche Flaschensammel-Schicht los. Doch durch Corona ist alles anders.

Befreundet seit vielen Jahren

„In der Neustadt bin ich eigentlich weniger unterwegs“, sagt er. Die Konkurrenz ist in den letzten Jahren gestiegen, die Straßen voll – mit Flaschen und Sammler*innen. Nicht so in Coronazeiten. Rex lebt vom Leben der Straße, doch das Leben hat sich in die eigenen vier Wände zurückgezogen. Damit er seinem Verdienst weiter nachgehen kann, hat „Geofux“ Lars Otto von der Rothenburger Straße einen Online-Kalender eingerichtet, in den sich Menschen eintragen können. Rex kommt vorbei und holt das Pfandgut ab – bei großen Mengen über 30 Stück mit Fahrrad-Anhänger.

Die beiden Männer kennen sich seit acht Jahren. Ab und zu haben sie sich in dieser Zeit aus den Augen verloren. „So bin ich eben“, sagt Rex. „Ich bin gern allein. Es gab auch schon Momente, da dachten die Leute, ich sei tot.“ Kennengelernt haben sich Rex und Lars in der Brache der ehemaligen Keramikfabrik – ein Ort für Aussteiger und Freeteks, der heute so nicht mehr existiert. Lars war mit einer Gruppe Freund*innen unterwegs, um Geo-Caches zu verstecken, zu feiern und zu übernachten. Rex wohnte dort in einem Zelt.

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„Ich bin unsterblich“

Man kam ins Gespräch. Rex half Lars, anspruchsvolle Verstecke auf dem Gelände zu finden. „Da war ein Industriebrunnen, sechs Meter tief“, erinnert sich Rex. „Die Leute brauchten Equipment, um den Schatz zu heben“, ergänzt Lars. In die Schatzkarte war Rex involviert. Die Schatzsucher mussten ihn nach dem Weg fragen.

„In der Beschreibung stand: Obst braucht ihr für das, was dort ist, nicht mitbringen. Die Leute dachten vielleicht, da steht eine Ziege. Aber das war ich. Zu der Zeit hatte ich immer genug Äpfel. Irgendjemand kaufte die sackweise im Discounter, nahm einen Apfel raus und warf den Sack dann weg. Ich konnte keine Äpfel mehr sehen“, erzählt Rex lachend.  „Eine Masterstudentin hat damals ihre Arbeit über Geo-Caching geschrieben, da komme ich drin vor. Ich bin unsterblich“, sagt er.

Gelebt hat Rex viele Jahre in den Wäldern der Sächsischen Schweiz. „Ich habe in einem Bunker gewohnt, unter der Erde.“ Eines Tages boten ihm Mitarbeiter einer Hilfsorganisation Unterstützung an. Die wollte er annehmen und ging nach Dresden.

„Ich möchte nicht betteln“

Ihm wurde eine Ausbildung zugesichert, und die Möglichkeit zum Führerschein. „Ich dachte, ich bekomme eine eine richtige Berufsausbildung.“ Was ihn allerdings erwartete, war ein sehr kurzer Lehrgang beim Arbeitsamt zum Thema Wasserkreislauf und die Empfehlung, bei zukünftigen Vorstellungsgesprächen in Bezug auf seine Vorerfahrungen nicht ganz ehrlich zu sein, erzählt Rex. Seine Enttäuschung ist bis heute so groß, dass er mit derartigen Programmen nichts mehr zu tun haben möchte.

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Auch die Übernachtung in Obdachlosenunterkünften kommt für ihn nicht mehr infrage, nachdem er während eines Aufenthaltes dort die Hälfte seiner Habseligkeiten einbüßte.

Jeden Morgen trifft er Lars in dessen kleinen Hinterhofgarten in der Neustadt zum Frühstück. Lars hat einen Wasserkocher und einen Toaster draußen angeschlossen, die kann Rex benutzen, wann immer er möchte. Gelegentlich hilft Lars mit Geld aus, aber Rex ist es lieber, sein Geld selbst zu verdienen: „Ich will nicht betteln.“

Rex und Lars mit Rex' "Schneckenhaus". Foto: Philine
Rex und Lars mit Rex‘ „Schneckenhaus“. Foto: Philine

Es geht um die physische Existenz

Lars gibt Rex die Termine und Adressen aus dem Kalender durch und dieser macht sich in die Spur. Das momentane Pensum kann er gut stemmen. Erst einmal ist der Onlinekalender ein Notprogramm, aber wer weiß, vielleicht gibt es auch eine Fortführung nach der Krise. „Wenn es die Leute wollen …“, sagt Rex.

„Die Grundlage der Idee ist geben und nehmen“, erklärt Lars. „Es ist auch eine Form, in Beziehung zueinander zu gehen. Ich musste durch die Krise auch neue Wege finden, aber bei mir geht es nicht um die physische Existenz“, sagt er. Es gehe darum, nicht zu resignieren und neue Ideen zu entwickeln, um die Zeit zu überstehen. Rex sagt: „Wenn einer hungrig unter einem Baum sitzt, an dem ein Apfel hängt, darf er nicht sitzen bleiben und warten, bis der Apfel vielleicht irgendwann herunter fällt. Er muss hochsteigen und ihn holen.“

Pfand-Service Rex

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3 Ergänzungen zu “Pfand-Abholservice Rex

  1. Wunderschön. Menschen können gut sein. Danke Lars, Rex und Philine!
    (@Philine: Letzte Unterüberschrift „Es geht um…“ widerspricht dem Inhalt)

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