Letzte Worte

Das Jahr geht zur Neige und alle sind bestürzt, als hätte es nicht vor 365 Tagen damit begonnen. Wenn die letzten Krümel ins Stundenglas fallen, ist es Zeit für die Jahresendreinigung.

Im Nordbad tummelt sich fleischgeworden die Neustadt. All diejenigen, die dachten, heute sei ein guter Tag zum einsamen Saunieren. Willkommen im Club. Wieso tue ich mir das eigentlich immer wieder an?, sagt meine Begleitung. Ich nicke zustimmend und denke über eine Dauerkarte nach. So ist es mit den schlechten Gewohnheiten, die aus gutem Grund bestehen. Die Hitze exorziert einen Husten, der wohl lange gelangweilt im letzten Lungen-Zipfel saß. Jetzt ist er von der Kette und bellt. Letzte Worte.

Blick in die Kunsthofpassage
Blick in die Kunsthofpassage

Eine riesige IKEA-Tüte umfasst das diesjährige Wirschenkenunsnichts und zeugt von großer Liebe: Kaum etwas davon hat man sich gewünscht, alles kann man gut gebrauchen. Die alten Christkinder beherrschen die Kunst des Schenkens bis zur Perfektion und es hilft nicht, sich wie ein Esel zu sträuben. Man muss ehrlichen Herzens Danke sagen und ja, den Umschlag nimmt man auch noch entgegen. Die Mutter gibt ihn, als ob es nichts wäre. Es ist ja auch nur Geld – schon so gut wie nicht mehr da.

Die ersten Sehnsüchtler krähen nach dem Juni, dabei ist das Jahr zur Wintersonnenwende nur kurz aus dem Tiefschlaf geschreckt und hat sich noch einmal umgedreht. Es träumt vom Hambacher Forst, von Vogelschissen auf Spatzenhirne und vom großen Frieden. Noch fünf Minuten … Ich habe beschlossen, zwischen den Jahren an Geister zu glauben, keine Wäsche zu waschen und die Tiere sprechen zu hören. Der wohl rationalste Entschluss, den ich je gefasst habe, sagt mein Kater und verlangt Nachschlag. Ich schaue pfeifend in die Luft. Ich hätte ihn schon ganz genau verstanden, gurrt er, setzt sich auf die Tastatur und leckt sich die Lippen.


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Draußen bringt der Himmel plätschernd die Elbe wieder auf Pegel. Wenn das alles Schnee wäre … Ponyhof, schnurrt der Kater und leckt sich die Poperze. Ihm ist es einerlei, wegen welcher Art von Niederschlag er lieber drinnen bleibt.

Etwas glimmt am Horizont ...
Etwas glimmt am Horizont …

Das Heute ist das Gestern von Morgen. Alles tut man auf der Zielgeraden zum letzten Mal, bevor man hinüber rutscht ins große Unbekannte: Aufstehen, Zähne putzen, essen. Dann kommt der große Knall. Die Engelein singen von Feinstaubbelastung. Ihre Chöre verwehen im Böllerwind. Die Irdischen in Orange haben wieder gut zu fegen, während das Jahr sich verkatert die Augen reibt und sich fragt, was letzte Nacht eigentlich passiert ist. Irgendwas kann ihm nicht bekommen sein … Wahrscheinlich die Silvester-Show von Helene Fischer.

Man weiß, auch dieses Jahr werden schreckliche Dinge geschehen. Und doch glimmt da etwas am Horizont, hinter dem Tor der Raunächte. Das muss die Hoffnung sein. Der Kater schaut aus dem Fenster. Dann dreht er sich um und blinzelt mir zu, der alte Beschwörer. Er weiß etwas, das ich nicht weiß. „Was ist jetzt mit dem Essen?“

Wir sehen uns auf der anderen Seite.

Auf ein Neues
Auf ein Neues

6 Kommentare zu “Letzte Worte

  1. Erinnert mich ein wenig an Sybille Berg und ihre ersten Bücher.
    Das ist als Kompliment gemeint! ^^

    Allerdings ist die Komposition der Worte hier angenehmer.

    Wann kommst das erste Buch?

    /Intelektuellenmodus hust off

  2. @Philine

    Was @Marcus sagen will ist : Ich will ein Kind von Dir !

    Wir übrigens auch……

    GUTEN RUTSCH !

    @Markus

    intelektuell schreibt man irgendwie anders !

  3. … ich will auch ein kind von dir!

    … und was ich eigentlich fragen wollte: nordbad dauerkarte … was genau ist das? … davon will ich auch bitte!

    happy sauna 2019!

  4. Das ist ja ein Komplimentenfeuerwerk, das knallt schöner als Sektkorken … Danke.
    @Jan: Irgend sowas in der Art muss es geben, aber ich habe tatsächlich nur darüber nachgedacht. Wenn du konkretere Informationen brauchst, musst du mal im Nordbad durchrufen ;)

    Frohes Neues!

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

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