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Gogol Bordello am 16. Juli im Alten Schlachthof

Die Schoko-Erfinder Jordan & Timaeus II.

Auf dem Fest am 3. Mai 1923 versammelte der alte Gerhard Timaeus, der gemeinsam mit Max Hustig das Unternehmen bis 1921 führte, einige schokoladenverschmierte Kinder und Jugendliche aus der Arbeiterschaft um sich. Er kannte sie von klein auf. Jeder erhielt ein Tässchen des warmen Kakaogetränks. Dann erzählte er ihnen, wie der Bruder seines Großvaters gemeinsam mit dessen Freund Heinrich Christian Jordan die Firma gründeten.1

Die Erfinder der ersten Milchschokolade: Gottfried Heinrich Christoph Jordan und August Friedrich Timaeus
Die Erfinder der ersten Milchschokolade: Gottfried Heinrich Christoph Jordan und August Friedrich Timaeus

Es begann im fernen Braunschweig

„Meine Familie Timaeus stammt ursprünglich aus Celle, damals eine Residenz, im Königreich Hannover gelegen. Heute ein Örtchen in Preußen. Mein Großonkel Friedrich August lernte dann in Wolfenbüttel nach dem Besuch des Gymnasiums sein händlerisches und buchhalterisches Rüstzeug. Ob Zufall oder nicht, jedenfalls zog es ihn nach Braunschweig. Bei den Gebrüdern Reiners lernte er dann Heinrich Christoph Jordan kennen. Aus beiden wurden Freunde. Zehn Jahre blieben sie dort, arbeiteten als Kantonisten und Handelsreisende.“2

Die jungen Leute lauschten aufmerksam den Erzählungen des alten Timaeus. „Und dort erfanden sie dann die Schokolade und wurden steinreich“, warf der vorwitzige dreizehnjährige Franz ein. Der ehemalige Firmenchef lachte laut auf. „Reichtum will erarbeitet sein. Zumindest hielt man das so in der Zeit meines Großonkels. Die Coupon-Abschneider von heute, bei denen nur das Geld an der Börse durch wilde Spekulationen arbeitet, gab es damals noch nicht so reichlich.“

Doch Franz trumpfte auf. „Diese Coupon-Abschneider werden sowieso bald verschwinden. Das sagt mein Vater. Denn schon bald werden wir die Sozialistische Republik Sachsen haben.“3

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Blitzumzug

Timaeus lachte auf. „Ach Franzl, dein Vater ist doch ein Sozi oder gar Kommunist. Der weiß sicher auch, dass der von ihm und seinesgleichen so verehrte Friedrich Engels selbst ein solcher Coupon-Abschneider war und mit dem Gewinn aus seinen Aktien auch die Familie des oft mittellosen Lebenskünstlers und Schreiberlings Karl Marx unterstützte, damit dieser wenigstens seinen ersten Band vom ‚Kapital‘ fertig schreiben konnte.“ Damit kannte sich Franz aber nicht so gut aus und hielt sicherheitshalber seinen Mund. Der alte Timaeus stich ihm trotzdem lächelnd über den Kopf und dachte sich seinen Teil.

Aufbruchstimmung

Und dann erzählte er, dass die beiden Freunde Jordan und Timaeus keine Lust hatten, ihr Leben als brave Kantonisten und Türklinkenputzer zu verbringen. Sie wollten was eigenes. Überall herrschte Aufbruchstimmung. Da wollten sie unbedingt dabei sein. Politisch herrschte zwar der Muff des alten Adels nach dem Wiener Kongress. Das Bürgertum schwelgte im Privaten des Biedermeier.

Aber Erfindergeist und Unternehmertum entfalteten sich trotzdem. Eine Hochburg diesbezüglich war das Königreich Sachsen und die aufstrebende Residenz Dresden. „Da wollten sie hin“, sagte der alte Herr „und borgten sich von Freunden und Gönnern das nötige Kapital und kauften sich den Grund und Boden, auf dem ihr hier die Schokolade futtert und den Kakao trinkt.“ Und diese Kapitalgeber hatten es nicht bereut.2

Eines der Produkte der Süßwarenfabrik
Eines der Produkte der Süßwarenfabrik

Die ersten Produkte

Das waren anfangs weder Schokolade noch andere Süßigkeiten. 1823 begann alles mit koffeinfreiem Muggefugg4. Der wurde hergestellt aus Zichorie, Runkelrüben, Möhren, Eicheln, Gerste und dergleichen. Daneben wurden Blei- und Zinkweiß, Blaufarben, Weizenstärke und Kartoffelmehl hergestellt. Es gab auch einen Vertrieb chinesischer grüner und schwarzer Teesorten.

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Dann begann man nach einigen Experimenten 1828 mit Kakaoprodukten ein weiteres Standbein zu errichten. Das erforderte große Marketingaktivitäten, da die Kakaobohne in ihrer Verwendung in breiten Kreisen der Bevölkerung unbekannt und zu teuer war bzw. als etwas Luxuriöses nur für die hohe Herrschaft gesehen wurde. Aber Jordan und Timaeus waren vom Erfolg ihrer Aktivitäten überzeugt und hatten einen langen Atem. Die Zeit gab ihnen recht.

So wurden verschiedenste Trinkschokoladen entwickelt, entölte Kakaos, figürliche Schokoladen in künstlerischer Ausführung in mehr als 15 Varianten als Theaterfiguren, Gebäudenachbildungen, Früchten und Blumen, Pralinen, Medaillen, Blockschokolade, Dragees mit verschiedenen Gewürzen unter die Leute gebracht und vieles mehr. 1839 erschien eine Anzeige von Jordan & Timaeus mit der weltweit ersten festen Milchschokolade in Tafelform. Eine Grundlage dafür war nicht etwa die Kuh-, sondern die Eselsmilch!5

Tafel in einer Hofeinfahrt in der Timaeusstraße
Tafel in einer Hofeinfahrt in der Timaeusstraße

Weltruhm

Der Erfolg ließ das Unternehmen immer weiterwachsen. Auf der Weltausstellung in London 1851 stellte man einen 50 Pfund schweren Schokoladenkopf des damals im Bau befindlichen Denkmals von Hermann dem Cherusker im Teutoburger Wald und ein aus fünf Pfund Schokolade bestehendes Monument des englischen Admirals Nelson aus.2

In Dresden entstanden Kontore und Betriebsverkaufsstellen für die eigenen Produkte am Kaiser-Wilhelm-Platz und in der Schloßstraße der Altstadt.

„Die Geschäfte kenne ich. Dort hole ich mir immer die Sammelbilder für mein Buch über Tiere, das mir meine Oma zum Geburtstag geschenkt hat“, warf der zehnjährige Max ein. Der alte Timaeus nickte.6

In sämtliche Staaten des Deutschen Zollvereins7 wurde geliefert, erzählte er weiter. Und der Firmenname hatte mit seinen guten Produkten auch in Australien, Nord- und Südamerika und in vielen europäischen Ländern einen guten Ruf. Weitere Produktionsstätten entstanden in Bodenbach in Nordböhmen, in Leipzig, in Wien und in Budapest. 1874 hatte das Unternehmen insgesamt rund 500 Mitarbeiter. Jordan & Timaeus wurden zu Sächsischen und Österreich-ungarischen Hoflieferanten ernannt. Viele Auszeichnungen erhielten sie auf Ausstellungen in Mainz, Dresden, Berlin, London, Paris und München.8

Als eine gut gelungene Idee entpuppte sich auch die Zusammenarbeit mit dem seit 1872 in Leipzig ansässigen Reiseführerverlag Baedeker. 1880 verpackte man fünf unterschiedliche Schokoriegel in eine mit roter Leinwand, dem Markenzeichen des Verlages, bespannte Blechkassette und nannte sie Baedekers Schlaraffenland.2

Briefkopf des Schokoladenherstellers
Briefkopf des Schokoladenherstellers

Soziale Verantwortung

Die Zuhörerschar um Gerhard Timaeus wurde immer größer. Zu den Kindern und Jugendlichen gesellten sich auch deren Eltern und andere Besucher des Festes. „Wer von euch wohnt um die Ecke in der Alaunstraße?“ Dutzende Arme gingen hoch. „Seht ihr. Mein Großonkel und mein Großvater, wie auch der alte Heinrich Christoph Jordan und seine Nachkommen hatten auch das Wohl ihrer Arbeiter im Auge. 1857 galten wir als der größte Betrieb in ganz Dresden und Umgebung.

200 Arbeiter und Angestellten erwarben bei uns Lohn und Brot. Als damals Kleinwohnungen für die jungen Arbeiterfamilien knapp waren, errichteten die Gründer selbige hier um die Ecke auf der Alaunstraße, wo auch heute noch einige von euch wohnen. Auch das sollten wir an einem Tag wie diesen nicht vergessen.“ Beifall brandete auf. „So Kinder, und nun bin ich vom vielen Quatschen durstig. Schön, dass ihr da ward. Ich trolle mich.“

(Fortsetzung folgt)

Anmerkungen des Autors

1 Dresdner Nachrichten vom 30. April 1923
2 aus Uwe Hessel, Neue Deutsche Biografie 26, Seite 287 – 288; Timaeus, August Friedrich Christian
3 Die Landtagwahl 1922 brachte mit 50 Sitzen eine rechnerische SPD-KPD-Sitzmehrheit. Das bürgerliche und rechte Lager aus DDP, DNVP und DVP erreichte 46 Sitze. Nach langwierigen Verhandlungen tolerierte die KPD ein SPD-Minderheitskabinett. Am 10. Oktober 1923 trat die KPD direkt in die Regierung ein. Um einen kommunistischen Umsturz zu verhindern, marschierte die Reichswehr auf Befehl der Reichsregierung am 29. Oktober 1923 in Sachsen ein und setzte die SPD-KPD-Regierung ab.
4 Kaffeeähnliches Getränk, auch Muckefuck genannt.
5 Album der Sächsischen Industrie 1856, Band 1, Seiten 61 bis 63
6 Dresdner Neueste Nachrichten vom 3. Mai 1923
7 Ein außerhalb des Deutschen Bundes gegründetes Bündnis zur Schaffung eines in der Mitte Europas liegendem Binnenmarktes ab 1. Januar 1834. Bis 1871 traten ihm alle deutschen Staaten bei. Er gilt als die Geburtsstunde der kleindeutschen Einheit ohne Österreich. Er war preußisch dominiert. 1870 war das Gebiet des Zollvereins die drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt (nach Großbritannien und den USA).
8 siehe Wikipedia, Jordan & Timaeus


Unter der Rubrik “Vor 100 Jahren” veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür durchstöbert der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek. Der vorliegende Text ist literarischer Natur. Grundlage bilden die recherchierten Fakten, die er mit fiktionalen Einflüssen verwebt.

9 Kommentare

  1. Hermann der Etrusker ist die in der Kaiserzeit und danach bezeichnete historische Gestalt des Arminius, der im Jahre 9 n.Ch. germanische Stämme zusammen führte und römische Legionen in der Schlacht im Teutoburger Wald schlug. Ich habe den damals gängigen Namen für diesen Text gewählt.

  2. In der damals gängigen Literatur wurde Hermann als der Etrusker bezeichnet (war historisch natürlich nicht exakt). Da spielte auch der deutsche Nationalismus und der Historienkult eine Rolle. Armin oder latinisiert Arminius wurde mit Beinamen “der Cherusker” genannt. Aus solchen Beinamen, Berufen, individuellen Besonderheiten und landschaftlichen Herkünften entstanden übrigens die Nachnamen, wie der Müller Hans, die Henker Else usw.

  3. @Heinz Kulb; @Randhecht
    Etrusker, Cherusker, Apachen oder Apalachen, so penibel sollten wir nicht sein. Macht alles keinen Unterschied.

  4. Und gemäß der aktuellen Forschung war die Varusschlacht nicht im Teuteburger Wald (wo heute das Denkmal steht), sondern bei Kalkriese. Dort wurden inzwischen auch viele Beweise aus dem Boden geholt. Der Teuteburger Wald kam früher nur durch eine Fehlinterpretation bzw – übersetzung eines späteren römischen Schlachtenbericht ins Spiel.

  5. Lieber Herr Kulb,
    Vielen Dank für Ihre Beiträge auf den Statteilblogs. Ich habe sie schon oft als Anregung für genaueres Hinsehen oder einen Spaziergang genutzt. LG R.

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