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Wo heute das Thalia-Kino steht – Teil 4

Es ist noch mal gut gegangen
Wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs ver­mehrte sich das Ver­mö­gen von Emil Win­ter-Ty­mian. Ein Kriegs­ge­winn­ler? Im wei­tes­ten Sinne wohl ja. Sein Ge­spür für Ten­den­zen im Wirt­schaft­li­chen, wie im Künst­le­ri­schen und in den ak­tu­el­len po­li­ti­schen Ent­wick­lun­gen ließ ihn auch in die­ser schwe­ren Zeit nicht im Stich. Und die Ein­ma­lig­keit sei­ner Krea­ti­vi­tät zahlte sich wei­ter­hin aus. Be­liebt im Wohn­ge­biet und beim Pu­bli­kum blieb er trotzdem. 

Blick in die Görlitzer Straße - Postkarte von 1932
Blick in die Gör­lit­zer Straße – Post­karte von 1932
Laut Han­dels­re­gis­ter­ein­trag kaufte er 1920 das ne­ben dem Tha­lia-Thea­ter ste­hende Haus Gör­lit­zer Straße Nr. 4. Im Erd­ge­schoss die­ses Ge­bäu­des rich­tete er Bü­ro­räume ein. Das TTT wan­delte er in eine GmbH um. Er selbst fun­gierte als Ge­schäfts­füh­rer und Ge­sell­schaf­ter. Das und der Im­mo­bi­li­en­kauf soll­ten sich bald als rich­tige Schritte erweisen.

In den bei­den Häu­sern be­zo­gen An­ge­stellte des Thea­ters Woh­nun­gen, so der da­ma­lige Thea­ter­se­kre­tär und Pro­ku­rist Otto Gru­ner so­wie der Thea­ter­meis­ter Max Hel­big in Nr. 4 den 3. Stock. Der be­rühmte Da­men­dar­stel­ler und Schau­spie­ler Fritz Thurm, ge­nannt Sil­varé be­wohnte mir sei­ner Ehe­frau Eliese Ne­mec den zwei­ten Stock. Erst 1933 zo­gen beide aus und ihre Spu­ren ver­lie­ren sich. 

Emil Win­ter-Ty­mian fand auch seine bes­sere Hälfte, Clara Win­ter, ge­bo­rene Standke. Beide zo­gen aus der Nr. 4 aus und leis­te­ten sich in Ober­lo­sch­witz in der Ad­ler­straße Nr. 5 eine Villa. 

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Hunger und eine Republik auf wackligen Füßen

Nach dem Sturz von Kai­ser und Kö­nig zo­gen ma­ro­die­rende Sol­da­ten als an­geb­lich Be­voll­mäch­tigte des Ar­bei­ter- und Sol­da­ten­ra­tes durch die Stadt, dran­gen in Woh­nun­gen ein und plün­der­ten die Be­woh­ner aus.

Mitte De­zem­ber 1918 ver­such­ten die Spar­ta­kus­leute der USPD (dem Ba­sis­stock der künf­ti­gen KPD) in Dres­den ei­nen Um­sturz, woll­ten das Po­li­zei­prä­si­dium stür­men, er­beu­te­ten Waf­fen, zer­trüm­mer­ten Schau­fens­ter, durch­such­ten das Ho­tel Stadt Go­tha nach an­geb­lich ge­hams­ter­ten Le­bens­mit­tel. Am Kon­zert­haus in der Reit­bahn­straße kam es zu ei­nem 10-mi­nü­ti­gen Schuss­wech­sel mit ei­ner an­rü­cken­den Sol­da­ten­ein­heit. Da­bei er­schoss eine Frau aus dem Spar­ta­kis­ten­la­ger aus kur­zer Di­stanz ei­nen Sol­da­ten mit­tels ge­ziel­ten Kopfschusses. 

Die Hun­gers­not ver­stärkte sich. Die Stadt­ver­wal­tung ver­bot al­len Haus­hal­tun­gen das Ba­cken von Weih­nachts­stol­len. Den Bä­cke­reien wurde un­ter­sagt, Teige und Mas­sen al­ler Art für Stol­len und Ge­bäck, die die Bür­ger zum Aus­ba­cken in die Bä­cke­reien brin­gen woll­ten, zum Ba­cken an­zu­neh­men. Ar­beits­kämpfe um hö­here Löhne ver­schärf­ten die Mangelwirtschaft.

Die schon nach Be­ginn des Krie­ges 1914 ein­set­zende In­fla­tion ver­stärkte sich. Ende 1920 hatte die um­lau­fende Pa­pier­mark nur noch eine Gold­de­ckung von 2 Pro­zent. Die Re­pa­ra­tio­nen aus dem Ver­sail­ler Ver­trag, die ne­ga­tive Han­dels­bi­lanz, die Man­gel­wirt­schaft und die po­li­ti­sche De­sta­bi­li­tät trie­ben die junge Re­pu­blik in die Staatspleite.

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Für Weih­nach­ten 1920 stan­den den Neu­städ­ter Bür­gern fol­gen­des zu: 125 g ame­ri­ka­ni­sches Schwei­ne­fleisch pro Per­son (ab 6 Jahre) für 3.35 Mark so­wie eine 125 g Le­ber­wurst­kon­serve zu 1,50 Mark zur Ver­fü­gung. Kin­der un­ter 6 Jah­ren stand die Hälfte zu. Gast­wirte wa­ren üb­ri­gens ver­pflich­tet, 10 Pro­zent der Trink­gel­der ih­rer Kell­ner als Steu­ern abzuführen. 

Ab 1921 wur­den un­ge­nutzte Räume, un­ge­nutzte Fa­bri­ken, Zweit­woh­nun­gen und un­ter­be­legte Wohn­räume we­gen Woh­nungs­man­gel durch das Säch­si­sche In­nen­mi­nis­te­rium beschlagnahmt.

Un­ter dem 21. Fe­bruar 1921 er­schien in den Dresd­ner Nach­rich­ten die freu­dige Bot­schaft, dass es auf den Le­bens­mit­tel­kar­ten ein Pfund weiße Boh­nen gäbe, zum Preis von 80 Pfen­nig, so­fern man bei sei­nem Le­bens­mit­tel­händ­ler eine An­mel­dung vor­nähme. Für Min­der­be­mit­telte, wozu in­zwi­schen auch nie­dere Be­amte und An­ge­stellte ge­zählt wur­den, ver­kaufte das Ge­wer­be­amt im Rat­haus für Kna­ben Kon­fir­man­ten­schuhe zum Preis von 115 Mark. Und zum Mit­tags­tisch emp­fahl die Zei­tung ein ve­ge­ta­ri­sches Ge­richt: Küm­mel­suppe so­wie ei­nen ge­ba­cke­nen Hir­se­rand mit Grünkohl.

Elend rings­herum, jede po­li­ti­sche Rich­tung strebte nach Macht, aber die Leute woll­ten Spaß. Und im Tha­lia ging die Show wei­ter. Zeit­ge­mäß gab es ei­nen Sketch nicht über weiße, son­dern über grüne Boh­nen und Ma­dame Pom­pa­dour wurde zu ei­nem Mann ge­macht. Weih­nachts­pro­gramme wech­sel­ten sich mit Fa­sching, Os­tern und Cou­plets auf die Po­li­tik ab – al­les aus der Hand von Meis­ter Win­ter-Ty­mian. Hier konnte das Pu­bli­kum die All­tags­sor­gen ver­ges­sen. Das war die Stärke die­ses Hauses.

Und der Chef ver­gaß auch nicht seine so­ziale Ader. Seine von ihm ge­grün­dete Wohl­fahrts­or­ga­ni­sa­tion, die so­ge­nannte „Fün­fer­spende“ (5 Pro­zent des Ein­tritts­gel­des gin­gen an Be­dürf­tige) lud im­mer wie­der zu Ver­an­stal­tun­gen, zu der Win­ter-Ty­mian nam­hafte Dresd­ner Künst­ler ge­win­nen konnte. 

Inflationsgeld
In­fla­ti­ons­geld

Die Hyperinflation

Die In­fla­tion er­reichte Ende 1923 ih­ren Hö­he­punkt. Der Um­tausch­satz: 1 US-Dol­lar = 4,2 Bil­lio­nen Pa­pier­mark! Dres­den hatte 52.000 Ar­beits­lose. Löhne und Preise ex­plo­dier­ten. Die junge Re­pu­blik war bei den Sie­ger­mäch­ten und beim ei­ge­nen Volk hoch ver­schul­det. Das Volk ver­lor alle Rück­la­gen, die Wech­sel auf die Kriegs­an­lei­hen dien­ten dem An­fa­chen des Feu­ers in den kal­ten Wohnungen.

Am Ende wurde der Staat der größte Pro­fi­teur der In­fla­tion. Von den Kriegs­schul­den beim ei­ge­nen Volk in Höhe von 154 Mil­li­ar­den Gold­mark blie­ben zu Be­ginn des Jah­res 1924 noch ganze 15 Pfen­nige (!) üb­rig. Der zweite Pro­fi­teur wa­ren die Haus- und Grund­stücks­be­sit­zer. Diese wur­den alle ihre Schul­den los. Mit der ent­wer­te­ten Pa­pier­mark wurde 1:1 zu­rück­ge­zahlt. Voll­endet wurde die Wäh­rungs­re­form mit der Ren­ten­mark, am 16. No­vem­ber 1923 ein­ge­führt, erst am 3. Juni 1924. Und un­ser Herr Win­ter-Ty­mian? Der wurde auch seine Schul­den los, so­wohl die auf seine drei Im­mo­bi­lien, als auch die Kre­dite auf das Theater. 

Der Rausch der goldenen Zwanziger

So rau­schig wa­ren diese fünf Jahre des Auf­schwungs lei­der nicht für alle. Der ge­winn­ma­chende Mit­tel­stand und die bis da­hin dar­bende Ju­gend nutz­ten die neuen Frei­hei­ten und such­ten das Ver­gnü­gen. Viele an­dere leb­ten von der Hand in den Mund. Denn die Re­pa­ra­tio­nen drück­ten tief in das Staats­sä­ckel und da­mit zu­sätz­lich die Steu­er­last der Bürger.

Die Gör­lit­zer Nr. 6 war täg­lich ein Haus der Lust­bar­kei­ten, des Froh­sinns und des Ver­ges­sens. Win­ter-Ty­mian war nach wie vor krea­tiv und scharte gute Ta­lente um sich. Er war in Dres­den un­an­ge­foch­ten zu der In­sti­tu­tion wit­zi­ger Un­ter­hal­tung auf gu­tem Ni­veau ge­wor­den. Dres­den war zu die­sem Zeit­punkt Deutsch­lands Hoch­burg des Va­rie­tés. Ins­ge­samt 40 Spiel­stät­ten gab es in der Stadt.

Das Ende

Das kam am 16. Sep­tem­ber 1926. Das Herz des 66-jäh­ri­gen Meis­ters konnte mit dem Tur­bo­le­ben nicht mehr mit­hal­ten und setzte mit dem Schla­gen aus. Die Dresd­ner Nach­rich­ten wid­me­ten ihm ei­nen wohl­wol­len­den Nach­ruf. „Was Di­rek­tor Win­ter vor al­lem so be­kannt ge­macht hat, ist sein hoch­ko­mi­sches Cou­plet „Das ist der schneid´ge Ty­mian“, das un­ge­zähl­ten Tau­sen­den die größte Freude be­rei­tete.“ Im Film „Der Un­ter­tan“ nach Hein­rich Mann, 1951 von Wolf­gang Staudte als Re­gis­seur in­sze­niert, wird das Lied „Am El­tern­grab“ von Emil Win­ter-Ty­mian im Sa­lon bei Di­ed­rich Hess­ling vorgetragen.

Todesanzeige in den Dresdner Nachrichten.
To­des­an­zeige in den Dresd­ner Nachrichten.

Da­mit en­dete die hohe Zeit des Tha­lia-Thea­ters in der Gör­lit­zer Straße Nr. 6. In den fol­gen­den Jah­ren wurde das TTT als GmbH von ver­schie­de­nen Ge­schäfts­füh­rern wei­ter­ge­führt. 1933 tauchte im Han­dels­re­gis­ter der Thea­ter­se­kre­tär Kurt Ne­metz als Li­qui­da­tor auf. Der letzte Ein­trag als GmbH im Adress­buch der Stadt Dres­den da­tierte von 1937. Ein Jahr spä­ter ge­hörte das Haus Nr. 6 dem Kauf­mann Al­bin Paul Pet­zold. Der ver­mie­tete die Räum­lich­kei­ten an den Säch­si­schen Ge­mein­de­kul­tur­ver­band, der auch die da­ma­lige Wan­der­bühne „Lan­des­bühne Sach­sen“ führte. Die­ser Ver­band blieb bis zur Zer­stö­rung des Thea­ter­saals 1945 dort. Das Haus Nr. 4 in der Gör­lit­zer Straße über­nahm 1941 eine ge­wisse Ger­trud Probst. 

Ei­nen Wie­der­be­le­bungs­ver­such gab es am 21. Juli 1945 durch Di­rek­tor Max Neu­mann. Er er­öff­nete das neue Tha­lia-Thea­ter im Neu­städ­ter Ka­sino auf der Kö­nigs­straße 15, dem heu­ti­gen Kul­tur­rat­haus, mit dem Lust­spiel „Glück über Nacht“. Aber das Glück hielt nicht lange. Am 12. Ja­nuar legte die So­wje­ti­sche Mi­li­tär­ad­mi­nis­tra­tion das Thea­ter still.

Neustädter Kasino - Postkarte von 1902
Neu­städ­ter Ka­sino – Post­karte von 1902

Die Gör­lit­zer ver­sank in ei­nen lan­gen Schlaf. In den 60er Jah­ren rich­tete sich Hil­de­gard Neu­mann im Haus Nr. 4 ihre Eis­diele ein, die „Eis­grotte“. Ihr Sohn Bernd Neu­mann be­trieb diese bis zum Herbst 2000. Dann wurde das Erd­ge­schoss wie­der ein Un­ter­hal­tungs­tem­pel, ein Pro­gramm­kino im neuen Sze­ne­vier­tel der Äu­ße­ren Neu­stadt. Wo sich frü­her die Kü­che und die Gar­de­robe be­fan­den, eta­blierte sich ein klei­ner Ki­no­saal als Tha­lia-Kino. Vom al­ten Saal steht im Bier­gar­ten noch ein Mauerrest.

(Schluss)

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3 Ergänzungen

  1. Lie­ber herr kulb, herz­li­chen dank für ihre im­mer wie­der be­rei­chern­den und er­quick­li­chen bei­träge zum stadt­teil. Ich freue mich im­mer sehr auf und über ihre stadt­ge­schich­ten. Gern würde ich et­was zur ge­schichte der schau­burg le­sen. Gabs da schon et­was? Mit herz­li­chen grü­ßen. Ihre schnatterente

  2. Danke an Schnat­te­rinchen und Se­bas­tian für die freund­li­chen Worte. Ich werde im­mer mal wie­der Kurz­se­rien zu Ge­bäu­den, Stra­ßen, Er­eig­nis­sen und Per­so­nen schrei­ben. Das er­for­dert ei­nen gro­ßen Re­cher­che­auf­wand. Des­halb gibt es zwi­schen­durch im­mer wie­der mal Ge­schich­ten, die die Be­find­lich­kei­ten, Sor­gen, Freu­den und Merk­wür­dig­kei­ten von uns hier Le­ben­den im Ge­wand un­se­rer Alt­vor­de­ren hei­ter be­leuch­ten. Und danke für die An­re­gun­gen. Die Schau­burg ist vorgemerkt.

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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