Die Philosophie des Streichens

Es kam der Tag, da entsprach die Optik meines Zimmers nicht mehr meiner  Identität und ich zog aus, um weiße Farbe zu kaufen. Ich hatte einen Plan, einen selbstgegebenen Auftrag und ich wollte mich gut vorbereiten. Entschlossenen Schrittes steuerte ich das einzige Farbengeschäft der Neustadt an: Farben Voigt. Mit festem Griff öffnete ich die Tür.

„Ich brauche Farbe. Weiß. Schlohweiß. Die beste die Sie haben.“

Ohne mit der Wimper zu zucken, reichte mir Geschäftsführer Klaus Voigt einen Eimer über den Tresen. „Hier“ und seine Stimme senkte sich verschwörerisch ab „damit kannst du sogar eine schwarze Wand weiß streichen. Mit dem ersten Anstrich.“ Ich antwortete mit einem anerkennenden Nicken. Und bezahlte ebenfalls ohne mit der Wimper zu zucken. Der Mann hatte mich verstanden.

Kolorant und Pinselführer Klaus Voigt
Kolorant und Pinselführer Klaus Voigt
So und nicht anders sieht in meiner Erinnerung mein erster Farbenkauf bei Voigt aus. Und meine Wand ist jetzt tatsächlich so weiß wie der Schnee auf dem Fujiyama. Als ich zum Interview den Laden betrete, sitzt Klaus Voigt mit einem Freund im Hinterraum am Computer und erklärt den Entstehungs­prozess einer Dia-Show. Ich darf Platz nehmen und mir ebenfalls die auf dem Bildschirm vorüberziehenden Fotos anschauen. Der Freund leistet mir geduldig Gesellschaft („Ach, Sie sind also gar nicht von der SZ!“), während Klaus Voigt immer wiedernach vorn eilt, um Kunden in Empfang zu nehmen. Die Wände des kleinen Lagers sind  tapeziert mit Familienfotos, in den Regalen türmen sich Töpfchen und Eimerchen. Unterbrochen von immer wieder einkehrenden Kunden, erzählt mir Klaus Voigt – erst noch bemüht, entspannt zu sitzen, dann jedoch aus praktischen Gründen stehend – die Historie des Farbenladens.


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So klein wie jetzt war das Lager nämlich nicht immer. Zu Zeiten, als Klaus Voigt noch im Großhandel tätig war, gab es in der Neustadt elf Lager. Eines davon zum Beispiel im heutigen Kino Thalia. Das liegt allerdings schon zehn Jahre zurück. Übernommen hat Voigt das Geschäft von seinem Schwiegervater Jochen Voigt, Inhaberin ist immernoch seine Frau Sibylle. Sie arbeitete früher in der zweiten Filiale auf dem Bischofsweg. Das ist seit einem Raubüberfall 2007 allerdings Geschichte. Es wurde umstrukturiert und verkleinert. Geblieben ist ein beachtliches Spektrum mischbarer Farben, das schlappe 12,4 Millionen Farbtöne umfasst, eine Farbmischanlage als besondere Service-Leistung, die stetige Fluktuation umziehender pinselnder Studenten, eine Tradition, die bis 1894 zurückreicht und die Stammkunden.

Die kommen nicht nur wegen der Farben. Manch einer kauft sich aus Alibigründen ein Pinselchen, um sein Herz am Ladentisch auszuschütten. Dunkle Flecken an der Wand überdeckt weiße Farbe, Alltagsprobleme der Plausch mit Klaus Voigt. Auf diese Weise wird so manches Unansehnliche in Heim und Seele ausgebessert. Streichen hat eben etwas Philosophisches, vom Farbenkauf bis zum letzten Pinselstrich.

Farben Voigt

  • Görlitzer Straße 9, 01099 Dresden
  • Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr, Sonnabend von 9 bis 12 Uhr
  • Telefon: 0351 8045286

11 Kommentare zu “Die Philosophie des Streichens

  1. Das muss ich auch sagen, die Beratung ist immer bestens, auch wenn das bedeutet, dass er vielleicht etwas weniger verdient, weil er einem die teure Farbdose aus der Hand nimmt, nachdem er fragte, was ich denn machen wolle und mir eine andere für mich günstigere Dose in die Hand drückte und mir sagte, dass die für mein Vorhaben besser geeignet sei. So dachte ich mir soll es sein und ich gehe deshalb immer, wenn ich etwas zu streichen habe auf die Görlitzer Str., als in irgendeinen unpersönlichen Baumarkt!

  2. Wir haben dort mal den richtigen Kleister bekommen, um Riesenseifenblasen zu machen. Rat und Tat in allen Lebenslagen…

  3. ohja! und gleich um 4 Ecken gibt es das Pendant: Karl Feustel auf der Bautzner Strasse. Für diesen Mann sollte man ein Patent anmelden!

  4. @dorfkind
    Oh ja, „Eisen-Feustel“ war schon zu DDR-Zeiten eine Institution. Damals arbeiteten dort 2 Schwestern, die Geschwister Ludwig vom Eisen-Feustel, die auch beinahe immer Rat wussten.

  5. oh ja die Schwestern waren super, denen konnte man quasi vortanzen was man für nen speziellen Haken brauchte und die haben einfach hinter sich ins 1000schubfachregal gegriffen und genau das hervorgezaubert was man brauchte…

  6. Beide Daumen hoch für den Beitrag und Läden wie Voigt und Feustel! Zu schade, dass es davon immer weniger gibt. Also: bitte unterstützen!!!

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

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