Der Mann, der Körbe verteilt: Korb- und Rattan Lipke

Auf meinem Weg Richtung Kreuzung Bautzner/Rothenburger Straße weht ein unangenehm kaltes Lüftchen. Es riecht nach Glühwein und vorweihnachtlichem Panikschweiß, die Bahnen knirschen und quietschen vorbei und eigentlich habe ich gar keine richtige Lust auf ein Interview. Und ich glaube, die hatte Uwe Lipka auch nicht, zumindest klang er am Telefon so.

Orient-Zauber und Lichtüberflutung im Korb- und Rattanladen
Orient-Zauber und Lichtüberflutung im Korb- und Rattanladen

Dann leuchtet er vor mir, der Korb- und Rattanladen, was sage ich: er gleißt. Ich muss an Radio Fritz denken. Dort liefen immer kurze Einspieler von und mit Mike Lehmann: „Lampe, Lampe, Lampe, Lampe, Lampe – ey! Dit reimt sich!“ Das beschreibt den Blick durch das Schaufenster ganz gut. Als ich noch in den Sommerferien nur zu Besuch in der Neustadt war, gehörte dieses Geschäft zu meinen ersten Anlaufpunkten. Das Tor zur Verheißung quasi.

Drinnen läuft laut Element of Crime, die gefühlten 1001 Glühbirnen in den verschieden farbigen Lampenschirmen haben den wohltuenden Effekt einer Höhensonne und meine Laune bessert sich schlagartig. Ich stöbere Besitzer Uwe Lipka in den Tiefen des Raumes auf, wir lehnen uns wie Stammgäste an den Verkaufstresen und beginnen zu plaudern.

Uwe Lipka ist gelernter Korbmacher und versorgte nach der Eröffnung seines Geschäftes 1990 in Löbtau die darbenden Bürger mit Selbstgeflochtenem. Körbe waren Mangelware in der DDR, bis zu fünf Jahre musste man auf einen Wäschepuff oder einen Tragekorb warten. Gelernt hat Lipka, der ursprünglich aus Köthen stammt, bei Meister Peters auf dem Weißen Hirsch. Eigentlich hatte er vor zu studieren. Verschlungene Wege brachten ihn dann zu der Korbmacherlehre, mit der er bis heute sein Brot verdient.

Uwe Lipka flicht die Sätze seiner Geschichte wie die Ruten eines Korbes aneinander. Unbeirrt und ruhig nimmt er nach Denkpausen, die ich fix mit Fragen zu füllen bestrebt bin, seinen Faden wieder auf. Von Löbtau zog es ihn in die quirlige Neustadt auf den Bischofsweg. Dort verkaufte er in den Räumen der „Spätschicht“, bis er auf die Bautzner Straße 27 b umzog. Zwischendurch unternahm er Reisen nach Asien und brachte von dort mit „was schön glitzerte“, um es seinem Sortiment hinzuzufügen. Von Geschäftskontakten in Bali, Thailand und auch Marokko bezieht er bis heute Schmuck, Lampen, Kleinodien und Tinnef.


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Employer Branding

Doch eigentlich steht seit zwölf Jahren Lipkas Bruder hinter der Theke, wenn er nicht gerade im Stand auf dem Loschwitzer Weihnachtsmarkt die Stellung hält. Lipka betreibt derweil in Wachwitz seine eigene Korbmacher-Werkstatt. Dort entstehen nicht nur Kiepen und Wiegen, sondern auch die Ideen für lebendige Zäune und mythische Weidenobjekte. Auch die antiken Holztische und neubeflochtenen Biedermeier-Stühle, die in der zweiten Etage des Korb- und Rattaladens auf Liebhaber warten, werden dort restauriert  und blank poliert.

Seit 1986 wachsen auf einem Acker Lipkas eigene Weiden, aus deren Ruten er Sitzflächen und Körbe flicht. Ich lausche der Erklärung zu Binsen, tropischem Rattan und Weidengeflecht und muss die ganze Zeit an das Märchen von König Drosselbart denken.

Zum Schluss ist noch das Foto fällig. Obwohl ich all meine Überredungskünste aus der Trickkiste krame, gibt mir Herr Lipka freundlich aber nachdrücklich zu verstehen, dass er eine Abneigung gegen Portraitfotografie hegt. Da wir uns aber so gut verstanden haben, bekomme ich keinen Korb sondern ein Kompromissfoto.

Nur Körbe im Kopf und voll von Binsen-Weisheit: Uwe Lipka
Nur Körbe im Kopf und voll von Binsen-Weisheit: Uwe Lipka

Informationen und Öffnungszeiten

  • Korb und Rattan, Bautzner Straße 27 b
  • Montag bis Freitag 10 bis 19 Uhr, Sonnabend 10 bis 16 Uhr
  • Im Internet zu erreichen unter www.der-flechter.de

7 Kommentare zu “Der Mann, der Körbe verteilt: Korb- und Rattan Lipke

  1. @Philine: „Vorweihnachtlicher Panikschweiß“ auf Neustadtstraßen bzw. -gehwegen? Das hast du doch erfunden … klingt aber – zugegeben – gut. :-)

    Ein Laden, in dem EoC läuft kann nicht schlecht sein … ich wohne über 13 Jahre hier und war noch nicht einmal bei „Meister Lampe“. Das soll sich nun ändern.

  2. …und was das Foto angeht: Selbst schuld, wer sein Gesicht verbirgt. Dann schaut man halt wo anders hin … na ja: ich kann da mal ganz still sein… *hust*

  3. Mein kleines Highlight: Dass sich noch jemand an die herrlichen Mike-Lehmenn-Jingles von Radio Fritz erinnert! Wiedermal ein schönes Porträt. =)

  4. …aber der Hammer (sic!) ist der Schrank mit den Äxten!
    Von den indischen 40er-Jahre Klappstühlen mal abgesehen…

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

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