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„Arepa Alemania“ als herzliche Grußbotschaft

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Gulasch mit Rotkraut im runden Maisfladen, das ist „Arepa Alemania“, eine neue Kreation Dresdner Bürgerbühnenart, die nun den garstigen deutschen Herbst erwärmt und hoffentlich lang den Neustädter Staatsschauspielplan belebt. Das Genussangebot ereilt den Besucher der ausverkauften Premiere im Kleinen Haus zum Glück erst kurz vor Schluss, wird aber als perfekt arrangierter Revuefinalsong serviert, sodass der Weg zum nächsten Gourmettempel nicht mehr lang dauern muss, aber unbedingt zuvor als quasi alternativlos eingeplant sein sollte.

Arepa Alemania mit: Eldrich Oniel Vargas Perez, Wendy Rosalia Fernandez Cardenas, Reina Varela Corti, Sasá Méndez Hernández, Denyerlin Daniela Lizarazo Navia, Kendra Renteria, Argelis Daniel Monteverde Rojas, José de Jesús Parra Garcia, Eliannys Mejías. Foto: Sebastian Hoppe
Arepa Alemania mit: Eldrich Oniel Vargas Perez, Wendy Rosalia Fernandez Cardenas, Reina Varela Corti, Sasá Méndez Hernández, Denyerlin Daniela Lizarazo Navia, Kendra Renteria, Argelis Daniel Monteverde Rojas, José de Jesús Parra Garcia, Eliannys Mejías.
Foto: Sebastian Hoppe

Neun Fluchtschicksale im Zwischenstadium

Hier kommen neun der wohl mindestens zweitausend Venezolaner, fünf Damen und vier Herren, die sich aus der lebhaften Dresdner Community nicht kannten, zusammen, um ihre teils tragischen, teils absurden Lebenswege und ihre ersten Eindrücke zu skizzieren – bürgerbühnentypisch in biografischen Episoden erzählt, die heuer ganz nah bei den einzelnen Personen bleiben, um dann das Gemeinsame zu suchen und durchaus auch Gründe für politische Verfolgung virulent erscheinen zu lassen. Die Wahrnehmung deutscher Bürokratieobhut, die Überforderung der systemischen Hilfe, aber auch Lob für Organisation und Pünktlichkeit der hier Indigenen. Und: überwiegend Dankbarkeit, gepaart mit solidem Integrationswillen – auch angesichts der derzeitigen Hoffnungslosigkeit in der Heimat.

Denn die Größe der Gruppe, basierend auf der Bundesfestlegung, 95 Prozent ihrer Landsleute gen Sachsen zu entsenden, beruht auf einer historisch gesehen noch jungen Entwicklung: Bis 2010 überstieg die Zahl der deutschen Auswanderer jene der Einwanderer, darunter reisten auch einige zwielichtige Gestalten ins vermeintliche Paradies, die sicher nun weiterziehen müssen, wobei die Alternativen rarer werden. Nun, nach Exilfriedensnobelpreis, Präsidentenentführung, Schwererdölklau und Erdbeben, ist die Lage noch viel prekärer. Sodass auf volatile aktuelle Schicksale der Heimgebliebenen wohlweislich nicht näher eingegangen wird.

Generelle Zweisprachigkeit

Das geschieht natürlicherweise teils überaus talentiert, oft sehr authentisch oder ab und an mit ein wenig Nervosität namens Lampenfieber (die sich mit jeder Show weiter legen wird), wobei der Mut zur Offenbarung deutscher Sprachkenntnisse überwiegt und der Rest entweder verbal oder als gut lesbare Übertitel auf der dunklen Rückwand der Dachbühne im Kleinen Haus übersetzt wird. Auch umgekehrt auf Spanisch, also der Sprache der einstigen Invasoren, wobei generell die gesamte Produktion zweisprachig ist und auch theaterpädagogische Betreuung erfährt, sodass sich gut ganze Fremd- oder Zweitsprach-Lernkollektive hier einbuchen könnten, denen hernach lebhafte Diskussionen versprochen seien.

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Arepa Alemania zeigt Resilienz und Lebensfreude.
Arepa Alemania zeigt Resilienz und Lebensfreude.

Den Ansatz – denn die (zum Glück) hier fehlende Triggerwarnung wird (wie im Kulturbürgertum inzwischen üblich) durch einen Text in einfacher Sprache ergänzt, der hier (ob der Zielgruppe) sogar Sinn ergibt und sicher auch als Vorlage für das Casting diente, wobei auf der Bühne letztendlich nur neun Leute sichtbar erscheinen: „Heinrich Heine ist vor langer Zeit aus dem Exil zurück nach Deutschland gereist. Elf Menschen aus Venezuela sind in den letzten Jahren nach Deutschland gekommen. Sie sind zwischen 16 und 54 Jahre alt. Sie kommen aus verschiedenen Berufen und Lebenslagen. Sie leben in Dresden mit oder ohne Familie. Diese Menschen kannten Deutschland nur aus Erzählungen und Bildern. Sie erleben Deutschland jetzt selbst. Sie fragen sich, was passiert, wenn man in ein neues Land kommt. Sie denken an Heines Reise und ihre eigene Reise.“

Dresden statt Paris

Nun würden Logiker annehmen, dass ja dann Paris, also Heines politisches Exil, als Ort der Handlung herhalten müsste. Doch Heines „Wintermärchen“, Ode an die Rückkehr ins Mutterland und zur Vatersprache, gilt nur als poetische Klammer, das gelbe Reclam-Büchlein als Halt in jeder Hand und ab und an als gelungen chorisch vorgetragener Zitatenschatz. Im Mittelpunkt jedoch die authentischen Geschichten, die einzeln vorgetragen uns en passant den eigenen Alltagsluxus zeigen, solange wir Frieden und Vernunft in Würde halten, die dann aber immer wieder gemeinsam singend und tänzelnd – dem nahezu apokalyptischen Trübsinn trotzend – in pure Lebenslust kippen, wofür der brasilianische Musiker Eduardo Mota, seit 2010 Dresdner, den Rahmen liefert und dafür auf das expressive Trompetenspiel von Zahnarzt José de Jesús Parra Garcia und die Gesangskünste von Eliannys Mejías und Eldrich Oniel Vargas Perez setzen kann.

Die Probleme, hier nicht in neudeutscher Eigenart als „Herausforderung“ geframt, sondern knallhart benannt, sind neben Armut und harter Repression auch Stromausfall, Korruption, Kriminalität und Erdbeben. Aber auch das tief verwurzelte, eingebrannte seelische Heimweh, hier als „Nostalgia“ übersetzt, kommt klar zur Sprache, wird aber wieder durch Tanzeinlagen zugunsten der Botschaft von unerschütterlicher Resilienz sowie lateinamerikanischem Lebensmut gebrochen.

Arepa Alemania zeigt Resilienz und Lebensfreude.
Arepa Alemania zeigt Resilienz und Lebensfreude.

Genial dabei der fulminante Drehtisch als Handlungsmittelpunkt (Ausstattung: Anna Maria Münzer), der dreiflügelig ausgefahren werden kann und meist als Bühne benutzt wird. Dazu je neun bunte Sonnenschirme und farbige Plastikstühle sowie ein paar Getränkekisten – Katja Heiser inszeniert ihr Dresdner Regiedebüt mit Geschick und Gefühl fürs Ensemble, der Spaß an der Produktion (und ihr inhärent verbindender Charakter) ist auf der Bühne zu spüren: Man schaut jederzeit jedem gern zu.

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PS: Im Umfeld der Premiere ergab das Arepa-Tippspiel den Verweis auf „Sabores de mi Tierra“ (Blasewitzer Straße 36c), die alle 14 Tage auf dem Markt im Alaunpark zugange seien. In der Nähe zum Kleinen Haus wäre wohl das „Martinez“ auf der Leonhardstraße im Hecht die nächstliegende Empfehlung, allerdings kubanische Küche, was wiederum eine ganz eigene Geschichte für die Bürgerbühnenmacher ergäbe.

Nächste Vorstellungen im Kleinen Haus 3 am 27. Oktober sowie 13. und 26. November (jeweils 20 Uhr).

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