Siegfried Hellmuth: „Ich war Praktiker“

Siegfried Hellmuth steht am Fenster und gießt Wasser in eine Pflanzschale. „Was man einmal angefangen hat …“, sagt er. Das Fensterbrett bevölkern weitere Zöglinge. Ein Ventilator läuft und es scheint als fülle er dem Modell-Segelschiff auf dem Wandregal die Segel. Siegfried Hellmuth arbeitete bei der Schifffahrt, bevor er in seiner Geburtsstadt Dresden sesshaft wurde.

Siegfried Hellmuths Ausbildungsstätte wurde am 13. Februar ausgebombt. So ging er zur Schifffahrt.

Siegfried Hellmuths Ausbildungsstätte wurde am 13. Februar ausgebombt. So ging er zur Schifffahrt.

Wo fangen wir denn an? […] Die Umstände des Krieges sind ja schon ein bisschen bekannt.

Kurz und bündig gesagt: Ich habe die volle Anzahl der Schuljahre nicht erreicht durch den Angriff auf Dresden. Ich wollte ursprünglich Klempner lernen, hatte da auch eine Lehrstelle, die ist allerdings am 13. Februar ausgebombt worden […] Und aus irgendeinem Grund … Ich habe mir selber schon die Frage gestellt: Wie bist du auf die Idee gekommen, auf Schifffahrt zu gehen? Gearbeitet haben ja im Großen und Ganzen alle in den Trümmern …

Wir sind irgendwann runter an den Alberthafen, der ist Ihnen ja bestimmt ein Begriff. Dort fragten wir den Pförtner, weil da ein Schild stand, dass Leute gesucht werden. Der meinte: Kommen Sie morgen von um achte an. Dann können Sie ein Aufnahmegespräch führen.

Dann nahmen die die Personalien auf. Wir sollten am nächsten Tag kommen und ein paar Sachen mitbringen.

Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht. Wir bekamen aber auch schon einen Kahn zugeteilt. Die Eltern haben mit dem Kopf geschüttelt, wie das halt so ist. Weil alles sehr überraschend kam. Damals gab es ja die Lebensmittelkarten. Die waren auf deutsch gesagt ja abgefressen … Ich bin dann wieder hin, auf den Kahn. Da hieß es an dem Tag, dass wir den nächsten Tag Eis sägen sollten. Es war ein Winter wie dieser: eiskalt, aber kein Schnee, kein Nichts, kein Garnichts. Und der Alberthafen war noch gefroren, aber die Elbe war schon offen.

"War da eine Krähe?"

„War da eine Krähe?“

Der Russe hat ja damals die Schifffahrtsleute übernommen. Da haben wir Eis sägen müssen und am nächsten Tag, ohne große Diskussion oder Vorbereitung, wurden wir alle im Kahn an den Schlepper gehängt und nach Riesa gebracht. In Riesa wurden wir beladen mit allem, was die Rote Armee mitgenommen hat. Die im Westen haben ihren Schrott behalten und haben dafür aber neuen bekommen von den Amerikanern. Das ist eine andere Geschichte […]

Von da ging es nach Magdeburg und von dort nach Stettin. […] Die Brücken waren ja alle gesprengt. Da haben wir einen Pfeiler mitgekriegt und uns ein Leck in den Boden gefahren. Dann lagen wir in Stettin fest für ein Jahr. Ich wurde auf einen anderen Kahn versetzt, ist ja normal. Man konnte ja schlecht rumsitzen und Däumchen drehen.

Über den Sommer gab es die Schifffahrt und im Winter haben die meisten einen festen Beruf oder einen Betrieb gehabt, wo sie arbeiten gingen. Uns wurden dann Betriebe angeboten, wo wir anfangen können. Einen Winter bin ich bei den Eltern in Dresden geblieben. Kennen Sie Bühlau? Dort war eine private Schuhmacherei. Das war ein Bekannter, der hat mich über den Winter eingestellt als Schuhmacher.

Zum Frühjahr hin wurden wir schon angeschrieben, so weit das möglich war und dann ging es von Neuem los. Ich war dann auf einem großen Berliner Kahn. Dann waren wir wieder in Stettin gelandet. Dann habe ich in Stralsund eine Frau kennengelernt. Ich bin ich dort an Land gegangen und bei der Seebaggerei gelandet und wurde fest eingestellt. Sie hatten draußen die ganzen Seestraßen, die mussten frei gebaggert werden. […]

"Heute würde diese Arbeit kein Hund mehr machen."

„Heute würde diese Arbeit kein Hund mehr machen.“

Ich war Praktiker, kein Theoretiker. Schreiben war grausam für mich. Ich habe später in Stralsund beim Hafen mitgemacht. Ausladen, einladen, was eben einfällt. Man konnte dort immer mal ein paar Fische klauen. Mit Absicht mal eine Fischkiste runter geschmissen, damit die kaputt ging. Das sind alles Dinge, die dir die Alten lernen. […]

Wissen Sie, warum die Mauer gebaut wurde? Wir lagen draußen im Stettiner Haff. Und der Westen hatte in Spandau die Schleusen zugemacht. Aber da mussten wir ja durch. Wir waren im Osthafen festgelegen. Das war diese Schikanerei gegenseitig. Dann hat sich der Osten gesagt: Wenn ihr uns ärgert, dann ärgern wir euch wieder. Und dann hat unsere Seite kurz und bündig gesagt: Gut, wir macht zu! Die haben die Schleusen zugemacht. Unser Betrieb musste alle Mann abstellen für Berlin, für den Umgehungskanal.

Der wurde dort gebaut, damit wir nicht mehr in Berlin ran fahren mussten. Dort bin ich dann nicht mehr fertig geworden … Ich wurde elendskrank. Und die politischen Fragen und und und … Die Mauer ist gebaut worden, damit wir mit der Schifffahrt nicht mehr durch Berlin konnten. Politische Streitereien. Und das klappte auch! […] Irgendwas war dazwischen, warum ich dann aus Berlin weg bin …Ich bin dann zurück nach Dresden.

Wir haben in den Trümmern weiterarbeiten müssen. Ich wurde eingestellt, die Stunde 97 Pfenn‘ge. Heute würde diese Arbeit kein Hund mehr machen. Mit Hacke und Schaufel war ich den Trümmern gelandet, weil nichts anderes da war. Als Klempner konnte ich nicht arbeiten, weil die Ausbildungsstätte kaputt war und ich nicht ausgelernt hatte. Mit Hacke und Meißel haben wir Sandsteinmauern weggerissen, dabei stand dort auch ein Kompressor. Ich habe den Bregadier gefragt, warum wir den nicht nehmen. Ich hatte vorher bei der Seebaggerei den Führerschein für Dieselmotoren gemacht. Ich habe gefragt, ob ich mal reingucken darf. Er meinte: Ja, wenn Sie Ahnung haben …

Siegfried Hellmuth als Stelzenläufer zur Faschingsfeier seines Betriebs in Dresden. Er lernte die Kunst von einem Kollegen, der im Zirkus groß geworden war.

Siegfried Hellmuth als Stelzenläufer zur alljährlichen Faschingsfeier seines Betriebs in Dresden. Er lernte die Kunst von einem Kollegen, der aus dem Zirkus kam.

Der Maschinenmeister kam dann und hat mit mir diskutiert. Der fragte: Wieso arbeiten Sie hier für 97 Pfennige, wo wir doch jeden Maschinisten brauchen würden? Ich sage: Das liegt nicht an mir, das liegt an eurem Personal! Seeberuf zählt nicht an Land! Und das stimmte auch. Für mich war dann der Tag gelaufen … Ich war aus den Trümmern raus und durfte ins richtige Personal rein. Das lief dann für mich. […] Ich hab den Vorteil gehabt: Selbstständigkeit. Ich habe niemanden fragen brauchen, wie mach ich das oder das. Bis zur Rente bin ich dabei geblieben. […]


Memento

Die Neustadt ist Kult, Szene und vor allem eines: jung. Doch im Viertel leben auch Menschen mit Geschichten aus einer Zeit, da in Dresden-Neustadt an Szene noch nicht zu denken war. Wir stellen in der Serie „Memento“ immer sonnabends Persönlichkeiten und ihre Viertelgeschichten vor.

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2 Kommentare für “Siegfried Hellmuth: „Ich war Praktiker“

  1. Klahra
    10. März 2018 um 13:28

    Diese Berichte sauge ich regelrecht auf. Bitte immer weiter schreiben.
    Herrn Siegfried Hellmuth wünsche ich alles, alles Gute

  2. Marcus
    11. März 2018 um 17:24

    Den letzten Bericht fand ich schwierig. Schwierig, weil ein anscheinend durchs Alter eingeschränkter Mann interviewt wurde, und ich mir nicht sicher war, ob das in die Öffentlichkeit gehört.
    Ich habe den Beitrag gerade noch mal gelesen, und der Ton ist respektvoll und teilweise poetisch. Philine kann das sehr gut, und gerade die Einleitung hat meinen Kopf um ein paar Bilder bereichert!

    Also möchte ich an dieser Stelle für die beiden letzten Einträge danken!
    Die Berichte bereichern meine Weltsicht und lassen sich dazu auch sehr unterhaltsam lesen! :o)

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