Ameisenbau der Mütterlichkeit

Tragetücher und Kleiderkammer – Das, so könnte man nach Betrachtung der Fassade der Bautzner Straße Nummer 52 irrtümlich annehmen, umfasse das ganze Angebot des Kaleb-Zentrums. Doch wie es so ist mit den Fassaden: Ein Blick hinter selbige wirkt erhellend. Ebenso weitläufig wie die zahlreichen Kurs- und Büroräume verästelt sich das Angebotsspektrum des Zentrums, das Judith Seisum auf zwei Ausdrucken mit bunten Kästchen vorstellt. Wir sitzen im Frühstücksraum in der zweiten Etage auf Sofas. Es gibt Kekse und Kaffee und viel zu wenig Zeit, um den in 25 Jahren komplex gewachsenen Ameisenbau der Mütterlichkeit bis in die letzten Ausläufer zu beschreiben.

Finde das falsche Baby! Beim Pekip-Kurs dürfen die kleinen nackt umherkrabbeln, um die Motorik zu schulen

Finde das falsche Baby! Beim Pekip-Kurs dürfen die Kleinen nackt umherkrabbeln, um die Motorik zu schulen

Interkulturelle Familienprojekte, Begleitung von minderjährigen werdenden Eltern, Schwangerenberatung, 24-Stundennottelefon, Vorträge, Feste, Kurse: Der Zeitplan des Kaleb-Zentrums quillt über und man ahnt, das die acht Sozialpädagoginnen und circa 70 Ehrenamtlichen mehr antreibt als das schiere Pflichtbewusstsein ihn abzuarbeiten.

Das Kaleb versteht sich auf allen Ebenen als helfende Hand für Eltern und Kinder. Das reicht von der Kinderbetreuung zuhause, damit Mütter einige Stunden freie Zeit für sich genießen können, über gemeinsames Frühstücken bis zur Babyklappe. Im Jahr 2016 nahmen 4736 Personen das Angebot der Kleiderkammer in Anspruch, 130 pro Woche waren es in der Familienbildung. Nicht mitgezählt sind die entgegengenommenen Anrufe.

„Natürlich freuen wir uns, wenn das Telefon während der Bereitschaft nicht klingelt“, sagt Judith Seisum. Wenn es doch so kommt, können die Mitarbeiterinnen des Trägers auf ein erprobtes, weitläufiges Netzwerk aus verschiedenen Einrichtungen und Krankenhäusern zurückgreifen. Frauen können sich an den Verein wenden, wenn sie keinen Ausweg mehr sehen.

„Wir helfen ohne zu werten“, sagt Judith Seisum, die im Laufe ihrer 10-jährigen Tätigkeit im Kaleb-Zentrum gleichwohl schöne als auch traurige Ereignisse begleitete. „Im Mittelpunkt steht für uns eine wertschätzende Haltung gegenüber dem Leben. Wir möchten Eltern helfen, indem wir ihnen die Hände reichen.“ Die größte Alarmbereitschaft herrsche, wenn ein Baby über die Babyklappe im Hausflur übergeben wird. Das geschieht durchschnittlich zweimal im Jahr. „Hier wissen wir, dass eine Frau in höchster Verzweiflung gehandelt und weder Vor- noch Nachsorge erfahren hat“, erklärt Seisum die kritische Situation. Für das Kind kann dies, genau wie bei der anonymen Geburt bedeuten, niemals etwas über seine Herkunft zu erfahren.

Kleine Kunden, große Freude: Shopping in der Kleiderkammer

Kleine Kunden, große Freude: Shopping in der Kleiderkammer

„Uns ist es deshalb wichtig, diesen Kindern Wurzeln mitzugeben. Die diensthabende Mitarbeiterin formuliert einen Brief, in dem sie über ihre Begegnung mit dem Kind, über die Umstände beim Auffinden und die ersten Stunden im Krankenhaus berichtet“, erzählt Seisum. Kleidungsstücke bzw. Decken, selten auch mal ein kleines Spielzeug werden an die Adoptiveltern weitergegeben, um Kindern und Eltern ein wenig Annäherung an Biografie und Identität der Kinder zu ermöglichen, berichtet Seisum.

Ein Alleinstellungsmerkmal des Kaleb-Zentrums sind die Offenen Kurse für minderjährige Eltern, in denen Judith Seisum an das Thema Schwangerschaft und Geburt heranführt. „Wir lachen viel“, sagt sie. Das sei wichtig, um Scham zu überwinden und den Jugendlichen ein Gespür für die sich ändernde Körperlichkeit zu vermitteln.

In der Kleiderkammer können ganzjährig Babysachen, Spielzeug und Equipment abgegeben werden. Sie ist gleichzeitig ein quirliger Treffpunkt für Mütter, Väter und Kinder jeglicher Herkunft und Alters. Hinter der Theke wird sortiert, was das Zeug hält. Gelegentlich muss ein Stopp verhängt werden, wenn sich die Menschen im Laden höher stapeln als die Klamotten und wuselnde Kinder zu Stolperfallen werden. Besonders in zu den Saisonwechseln staute es sich, sagen die Mitarbeiterinnen. „Wir sehen die Kleiderkammer nicht nur als Anlaufstelle für Bedürftige, sondern als Ort für Austausch“, sagt Seisum. Auch ökonomisch bewusste Menschen nutzten das üppige Angebot.

Acht Pädagoginnen und 70 Ehrenamtliche unterstützen das Kaleb

Acht Pädagoginnen und 70 Ehrenamtliche unterstützen das KALEB

Zahlreiche Ehrenämtler bereichern das KALEB derzeit mit ihren Sprachkenntnissen und dolmetschen in Syrisch, Arabisch oder Russisch. „Integration durch Mitarbeit“, nennt Judith Seisum das. Es gelingen zwischenmenschliche Kontakte und sprachlicher Austausch. Eine Zeit lang, so berichtet Mitarbeiterin Kristin Lohr, besserte ein geflüchteter Schneider Kleidung in der Kleiderkammer aus. Er schaffte über diesen Weg den Sprung aus dem Heim in ein neues Berufsleben.

In diesem Jahr feiert das Kaleb sein 25-jähriges Jubiläum. An jedem 25. eines Monats ist eine Aktion geplant. Es wartet ein engagiertes neues Jahr.

Kaleb Dresden e.V.

  • Bautzener Straße 52
  • Telefon: 801 4432
  • Schwangeren-/ Mütternotruf: 0180 4232323 (20 Cent pro Anruf aus dem deutschen Festnetz; max. 42 Cent pro Minute aus dem deutschen Mobilfunknetz)
  • Internet: www.kaleb-dresden.de
Babyklappe im Haus

Babyklappe im Haus

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13 Kommentare zu “Ameisenbau der Mütterlichkeit

  1. Frank
    4. Januar 2018 at 14:20

    Einspruch.
    Um den herzerwärmenden, aber unvollständig recherchierten Beitrag abzurunden, stünde es jeder Frau und jedem Mann frei, mit der Suchmaschine der Wahl z.B. nach der Lebensrechtsbewegung oder dem „Marsch des Lebens“ und dessen Teilnehmern (Link zur Liste auf Wikipedia) zu suchen. Wer es gern ungefiltert möchte, kann z.B. hier weiterlesen : http://entscheidung-fuers-leben.de/tag/beatrix-von-storch/

  2. Alauner
    4. Januar 2018 at 20:18

    @Frank: Spinner.

  3. Seldon
    5. Januar 2018 at 11:21

    Heute Nacht wurden die Schaufenster der Vereinsräume des Kaleb Dresden e.V. mit Plakaten überklebt, die zur Blockade des “Marschs für das Leben” in Berlin aufrufen. Der “Marsch für das Leben” ist eine christlich fundamentalische Veranstaltung, die für eine vollständige Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen eintritt. Neben vielen christlichen BesucherInnen wird der Marsch seit Jahren auch massiv von der AFD unterstützt. Die Mobilisierung des Kaleb Dresden e.V. für diese Demonstration und sein genereller Einsatz gegen Schwangerschaftsabbrüche haben Aktivist_innen zum Anlass genommen, ihre Schaufensterscheiben mit Plakaten zu verkleben. Damit protestieren sie gegen jede Bevormundung von Schwangeren und für die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen weltweit.

    http://schweigemarsch-stoppen.de/tag/marsch-fuer-das-leben/

  4. 5. Januar 2018 at 11:49

    @Seldon: Die Klebe-Aktion fand im September 2016 statt. Und Dein Zitat im Kommentar stammt aus genau dieser Zeit. Nicht das noch wer denkt, heute Nacht hätte es wieder eine solche Aktion gegeben.

  5. Seldon
    5. Januar 2018 at 12:07

    OK, stimmt, das sollte noch editiert werden…wollt im Grunde nur schnell auf den aus meiner Sicht problematischen Zusammenhang von Kaleb und dieser Lebensschützer-Szene hinweisen. Frank wollte darauf wohl auch hinaus…

  6. A. Schulz
    5. Januar 2018 at 12:08

    danke für den Artikel. Das Kaleb hat uns als jungen Eltern sehr sehr geholfen. Vor allem der Kontakt zu anderen Eltern war Gold wert, aber auch die Kleiderkammer ist toll. Weiter so Kaleb und DANKE!

  7. michel neumann
    5. Januar 2018 at 12:23

    @Alauner: Wer meinst Du, spinnt, Frank oder die „Lebensschützer“?

  8. Steffen
    5. Januar 2018 at 12:36

    @ Frank
    Dein Link (dies ist wohl auch beabsichtigt) führt zu Organisation Zivili Koalition, wo Herr von Storch und Frau von Storch „Chefs“ sind und sich die Taschen (Schliessfächer) voll mit Geld pumpen, dass dies nicht meine politische Gesinnung ist, muss ich nicht extra erwähnen gelle. Keinen Fußbreit den Faschisten!

  9. 5. Januar 2018 at 13:14

    @ Frank: „Einspruch“ Du hast entweder keine Ahnung, was ein Einspruch ist, oder verwechselst den Artikel mit einem Gerichtsverfahren. Was zugegebenermaßen total schnell passieren kann. Sehen sich ja beide sehr ähnlich. Wenn man die Augen zumacht.

  10. Frank
    5. Januar 2018 at 16:49

    §219a, Liebe Frauen! Ihr habt die Wahl.
    Das Thema ist wahrscheinlich zu komplex für die generation smartphone …

  11. oLO.
    9. Januar 2018 at 14:40

    Als langjährigem Gast, Kunde und mittlerweile Freund des Kaleb ist mir völlig unverständlich, wie man dem Verein und damit seiner Arbeit derart feindselig gegenüberstehen kann. Zu keiner Zeit sind meine Frau oder ich agitiert oder auch nur zu o.g. Veranstaltungen eingeladen worden. Natürlich hat sich das Kaleb der Förderung des Lebens verpflichtet. Wenn man danach fragt wird man auch die offene Antwort bekommen, dass das auch bedeutet, gegen Abtreibung zu sein. Das heißt aber nicht, dass man gegen den Menschen ist, gegen die Frau, die aus ihrer persönlichen Situation heraus zu einem solchen Schritt tendiert. Denn den Frauen und Damen ist aus jahrelanger Erfahrung bewusst, dass eine Abtreibung keine einfache Entscheidung wie die über die Haarlänge ist, sondern die Entscheidung über Leben und Tod des eigenen Kindes. Wir Männer tun uns gerne leicht damit das zu verdrängen, denn so wie die Schwangerschaft unserer Frau ist die Abtreibung für uns nicht erfahrbar. Wir sollten uns wenigstens auf dem Gebiet eher in Demut und Zurückhaltung üben.

    Abgesehen von diesem streitbaren Thema ist Kaleb für Unzählige eine Zuflucht, Unterstützung in schwierigen Zeiten; für manche sogar die letzte Rettung. Wer sonst würde sich um ausgesetzte Babys kümmern?

  12. Klaus
    11. Januar 2018 at 14:09

    Ich finde es in der Tat Schade, dass die m.E. berechtigte Kritik am Artikel untergeht.
    Der Artikel könnte auch als Anzeige gekennzeichnet werden, denn so kommt er daher – andernfalls sollte eine Einordnung der Aktivitäten des KALEB Dresden e.V. oder mindestens ein Verweis auf die vielfältige Kritik an den Aktivitäten erwartbar sein.

  13. 11. Januar 2018 at 15:35

    Hallo Klaus, für die Anzeigenkennzeichnungspflicht gibt es das Sächsisches Gesetz über die Presse. In Paragraph 9 heißt es:

    Kennzeichnung entgeltlicher Veröffentlichungen
    Hat der Verleger oder der Verantwortliche im Sinn des § 6 Abs. 2 Satz 5 eines periodischen Druckwerks aus Anlaß oder im Zusammenhang mit einer Veröffentlichung zum Zweck der Werbung oder Mitteilung ein Entgelt erhalten, gefordert oder sich versprechen lassen, so hat er diese Veröffentlichung, sofern sie nicht schon durch Anordnung und Gestaltung eindeutig als Anzeige zu erkennen ist, mit dem Wort „Anzeige“ zu bezeichnen.


    Nach diesem Prinzip verfahren wir auch hier im Neustadt-Geflüster. Für obigen Artikel gab es kein Entgelt, er ist damit auch nicht als Anzeige zu kennzeichnen.

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