Teegadrom schließt nach 20 Jahren

Schummriges Licht. Eine Kerze brennt unter einem Stövchen, darüber dampft es aus einer Kanne. Sie verströmt den aromatischen Geruch nach schwarzem Tee. Im Hintergrund läuft ruhige Musik.  Der kleine Raum ist gefüllt mit Keramikfiguren auf Holztischen. Im Regal stapeln sich Spiele.

Hinter der Bar steht Teedose an Teedose und über jede weiß der Besitzer Frank Kutschera eine Geschichte zu erzählen. Nein nach Asien sei er niemals gereist – nur gelesen habe er über Tee sehr viele Bücher.

Frank Kutschera betreibt seit mehr als 20 Jahren das Teegadrom.
Frank Kutschera betreibt seit mehr als 20 Jahren das Teegadrom.

Ein Raum des Teegenusses geht

„Ich habe versucht einen Raum des Teegenusses zu schaffen“, beginnt Frank Kutschera das Gespräch. Der Teeliebhaber betreibt seit 2000 das Teegadrom in der Neustadt– eine Teestube zum Unterhalten, Spielen sowie Tee und Bier trinken. Doch das ist bald vorbei. Ende Juni wird Frank die Tür zum letzten Mal schließen. Das Teegadrom im schwarzen Schaf verlässt nicht nur die Neustadt, nein es wird einfach aufhören, zu existieren.

Wenn man Frank nach den Gründen fragt, fängt er an von einer veränderten Neustadt zu erzählen – von Generationenkonflikten und Spätshops. Natürlich liegt der ausschlaggebende Grund auf der Hand: zu wenig Einnahmen. Doch die Frage ist hier, warum jetzt und warum war es vor 15 Jahren möglich eine Teestube zu betreiben?

Anzeige

Dresdner Spirituosen Manufaktur

Anzeige

Kinderrad - Jahresmiete

Anzeige

Simmel - handgemacht

Anzeige

Blaue Stunde im Kupferstichkabinett

Anzeige

Tranquillo bunt und fair

Lieber Kaffee als Tee

Fakt ist: Die Deutschen trinken lieber Kaffee als Tee. Kaffee kommt auf einen jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch von 162 Litern, Tee nur auf 28 Liter. „Tee haben sie alle schon getrunken, aber so wirklich richtige Teeliebhaber waren selten zu Besuch“, sagt Frank. Und wann trinkt man schon Tee – bei 20 Grad im Schatten oder doch lieber, wenn es schneit und kalte Hände gewärmt werden müssen?
Auch für eine Teestube haben die wärmer werdenden Monate Folgen – so zumindest Frank Kutschera – das Einnahmengefälle zwischen den Sommer- und Wintermonaten wurde immer größer – einfach, weil der Winter kürzer wurde. Und im Sommer sitzen die Leute lieber auf der Straße, trinken ihr Bier (was es bei Frank übrigens auch gibt) aus dem Spätshop im Freien. Dabei musste er sich auch schon einige Beschimpfungen anhören. Er sei ein großkapitalistisches Arschloch, wenn er für den Toilettengang 50 Cent haben wollte.

Von einer veränderten Neustadt

Frank Kutschera hat den Wandel der Neustadt so richtig während des deutschen Sommermärchens im Jahr 2006 wahrgenommen. Die neugeöffneten Spätshops, die vielen Leute auf der Straße, die ausbleibenden Gäste im Teegadrom. Und er redet von Altersunterschieden und Generationenkonflikten.

„Vielleicht ist auch einfach die Zeit vorbei. Das Konzept zu historisch, zu idealistisch.“ Er fragt mich, ob sich meine Eltern einfach so auf die Straße setzen würden und ein Bier trinken. Natürlich nicht, aber warum eigentlich nicht? Dass ich selbst erst vor einem Jahr eine Reportage über Spätis geschrieben habe, sage ich in dem Moment nicht so laut.

Machen Spätis die Neustädter Kneipen kaputt? Zumindest für Frank Kutschera hat sich die Neustadt durch die Spätis weitergewandelt. Schuld habe aber an der „Spätshopmisere“ aber nicht der Spätshop selbst sondern vielmehr der Stadtrat.

Anzeige

Fit together mit Claudia Seidel

Anzeige

Kinderrad - Jahresmiete

Anzeige

Neustadt-Flimmern

Anzeige

Speiseplanapp

Anzeige

Blaue Stunde im Kupferstichkabinett

Dieser hatte die reduzierten Alkoholverkaufszeiten von 22 Uhr am Wochenende vor einigen Jahren wieder aufgehoben – zum Nachteil für die Gastronom*innen ohne Außenfläche, so zumindest Frank Kutschera.

Immer dieselben Themen

Doch er selbst sagt auch, dass er mit einem weinenden Auge und einem lachenden Auge geht. Die Themen der Unterhaltungen in der Teestube haben sich für ihn mit den Jahren mehr und mehr wiederholt. „Es ist immer dasselbe: Es geht um Beziehungen, Freundschaften, Reisen, Studium, Arbeit und Zukunft.“ Man merkt Frank an, dass er mit der Teestube abschließt.

Das Hausprojekt "schwarzes Schaf" sucht Interessierte für die Gewerbefläche.
Das Hausprojekt „Schwarzes Schaf“ sucht Interessierte für die Gewerbefläche.

Schwarzes Schaf sucht Nachfolger*in

Ab dem 1. Juli wird also ein Laden in der Neustadt frei – 43 Quadratmeter ist die Gewerbefläche auf der Louisenstraße groß. Sie gehört zum Hausprojekt „Schwarzes Schaf“, welches wiederum das Gebäude von der Vonovia gepachtet hat.  Das Schwarze Schaf ist offen für Bewerbungen und möchte besonders gemeinnützigen Vereinen, Initiativen aber auch Kulturschaffenden einen Raum bieten. Frank Kutschera bietet bis zum 14.6. noch einen Hausverkauf von Tee und Keramik an.

Weitere Infos zur Gewerbefläche

Die ewerbefläche ist ab dem 1. Juli frei. Sie umfasst eine Größe von 43 Quadratmetern und befindet sich an der Louisenstraße 44. Sanitäranlagen sind vorhanden. Die Kaltmiete beträgt 527,83 Euro und wird vom Hausprojekt Schwarzes Schaf e.V. vermietet. Sie nehmen Bewerbungen per Mail an gewerbeflaeche-louise@web.de. Der Mietvertrag wird bis Ende Dezember mit der Möglichkeit einer Verlängerung geschlossen.

9 Kommentare zu “Teegadrom schließt nach 20 Jahren

  1. „Er sei ein großkapitalistisches Arschloch, wenn er für den Toilettengang 50 Cent haben wollte.“

    Das spiegelt die Mentalität einiger Neustädter wider – Werte nutzen aber ja nicht dafür etwas leisten…schlimmer noch – andere leisten etwas und man selbst will es kostenlos nutzen.
    Das grenzt schon an „großkapitalistische“ Ausbeutung. Lieber erstmal vor der eigenen Haustür kehren…

  2. Na wer hätte das gedacht, dass es Konsequenzen hat, wenn man im Prinzip das gleiche Geschäftsmodell (Alkoholausschank) mit zweierlei Maß misst. Kneipen sind hier gegenüber Spätshops massiv im Nachteil, müssen diverse Standards (Hygiene & Co) einhalten, einen Gastraum nebst Personal betreiben, Toiletten stellen, höhere Steuern zahlen was letztlich und in Summe dazu führt, dass ne Pulle Bier eben nicht für 1,20 angeboten werden kann. Und das billiger Alkohol im Endeffekt das ausschlaggebende Kriterium für einen Großteil der trinkfreudigen Besuchen und Anwohner ist bleibt wohl unbestritten. Corona tritt jetzt letztich nur noch als Katalysator auf und beschleunigt das schon seit Jahren einsetzten Sterben von Kneipen zugunsten von Spätshops, Shishabars & Co. Schöne neue (Neuststadt) Welt!

  3. Ich bedauere, dass das Teegadrom schließt. Es ist noch ein Überbleibsel der alten bunten Neustadt. Nicht auf Kommerz ausgerichtet, sondern eine Oase des Woanderssein und mit dem Eintreten ins Teegadrom verlangsamte sich die Zeit. Frank – ich wünsche dir eine neue gute Perspektive.

  4. Wäre die Frau nicht so hübsch, der Anlass nicht so angemessen und, wo hätte man sonst Backgammon spielen können – mir wären die wenigen Besuche nicht so klar vor Augen geblieben. Eine weitere gastronomische Distel verlässt die Neuser Wildblumenwiese …

  5. He, Lore. Das sind nicht die Neustädter, das sind die Besuchenden der Neustadt.

    Nun ja, nichts ist beständiger, als der Wandel.
    Das ist wirklich schade. Ich habe mich schon gefragt, ob er das eher gemeinnützig und ideologisch betreibt. Das fand ich so toll. Alles Gute!

    Ich wünsche mir, dass sich jetzt dennoch jemand mal mit einem neuen Geschäftsmodell anbietet und nicht die nächste Ultraneonfarbene Shisha-Bar mit indischem Essen und Döner nur zum Hieressen.
    Idee: Assieckundereck – free toilet 4guests.

  6. „die reduzierten Alkoholverkaufszeiten von 22 Uhr am Wochenende vor einigen Jahren wieder aufgehoben – zum Nachteil für die Gastronom*innen ohne Außenfläche“ – Na endlich gibt mal ein Gastronom zu, worum es bei der Beschränkung wirklich ging. Trotzdem schön zu lesen, dass er keine larmoyante Abrechnung mit den Zuständen angestimmt hat und durchaus die etwas romantische und idealistische Vorstellung eingesteht, man könne von einem Teelden leben.
    Es ist natürlich schade, dass wieder ein Neustädter Original von der Bildfläche verschwindet, aber der Zeitenwandel fordert leider seine Opfer.
    Ich würde mich freuen, wenn Vermieter ein wenig mehr Feingefühl dafür entwickeln, wen sie in ihre Objekte für die Gastronomie lassen und wen nicht, damit sich hier nicht eine Monokultur entwickelt, die den Charme des Viertels immer mehr verschwinden lässt. Aber da bin ich dann wahrscheinlich zu romantisch und idealistisch…

  7. Wirklich schade und traurig, dass von der Hippie-Neustadt von vor 20 Jahren echt nix mehr übrig ist. Alles Gute.

  8. Wann kann man eigentlich die Keramik kaufen? Ich war abends gegen 18 Uhr da, aber es war geschlossen, und es hingen keine Öffnungszeiten dran.

  9. @lieber in die kneipe,

    meinst du wirklich, dass in spätis die selben hygieneanforderungen, wie in kneipen gelten sollten(oder umgekehrt)?
    und was die höheren steuern betrifft – ich dachte immer umsatz- und einkommensteuer zahlen alle gewerbetreibenden…

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.